Schwulenfeindschaft in Russland Gefährliche Küsse

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Viele Russen und die Gesetze sind schwulenfeindlich. Die Homosexuellen fürchten nicht die Zeit während der olympischen Spiele in Sotschi, sondern sie fürchten die Zeit danach.

Homosexuelle haben in Russland einen schweren Stand Foto: dpa
Homosexuelle haben in Russland einen schweren Stand Foto: dpa

Sotschi - Wenn die russische Statistikbehörde Rostat richtig gezählt hat, dann haben zu Beginn des Jahres 368 000 Menschen in Sotschi gelebt. Schwule seien nicht darunter – das meint zumindest der Bürgermeister des Olympiaortes. In einem Interview mit der britischen BBC hat Anatoli Pachomow gezeigt, was für ein toleranter Mensch er ist. Wer schwul sei, sei eben schwul, sagte der Bürgermeister der Partei Einiges Russland ganz jovial. Dann legte er nach: „Aber hier im Kaukasus ist das nicht üblich. Hier gibt es das nicht.“ Da empfiehlt sich einer für Größeres. Wladimir Putin – und damit Russland – mag keine Schwulen.

Seit Juni vergangenen Jahres ist „homosexuelle Propaganda“ verboten. Wer vor Minderjährigen über gleichgeschlechtliche Liebe redet, kann ins Gefängnis kommen. Das Schwenken einer Regenbogenfahne kann teuer werden, Küsse in der Öffentlichkeit ebenso, wenn es denn nicht Mann und Frau sind, deren Lippen sich berühren. Den Aufschrei der Empörung, den das Gesetz im Westen hervorgerufen hat, können in Russland nur wenige nachvollziehen. Auch wer nicht zu den Sympathisanten des Kremlherrschers zählt, kann den Regeln Positives abgewinnen. 88 Prozent haben bei einer Umfrage ihre Sympathie mit dem Gesetz zum Ausdruck gebracht. Das fragende WZIO-Institut ist zwar für seine Kremlnähe bekannt, fern der Wahrheit liegt der Wert aber nicht.

Neonazis prügeln auf Homosexuelle ein

Die weit verbreitete Abneigung gegen gleichgeschlechtliche Liebe ist das eine, aktiver Schwulenhass noch einmal etwas ganz anderes – und Letzterer ist durch die Gesetze massiv befeuert worden. Im Internet treten getarnte Neo­nazis an Schwule heran, überreden sie zu einem Treffen und prügeln dann auf sie ein. Verbal kennt die Hatz schon lange keine Grenzen mehr. Der bekannte Schauspieler Iwan Ochlobystin hat vorgeschlagen, Homosexuelle bei lebendigem Leibe zu verbrennen: „Ich würde sie alle lebendig in den Ofen schieben.“ Dmitri Kisseljow, seit Dezember der Chef vom neuem Staatssender „Russland heute“, bezeichnete gar die Proteste in Kiew als „große Verschwörung zur Homosexualisierung der Ukraine“.

Russland ist ein Land voller Probleme. Der überharte Umgang mit Schwulen dient dem Volk als Ablenkung von den wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten, die es allerorten zur Genüge gibt. Dass Ausländer keine russischen Waisenkinder mehr adoptieren dürfen, wenn nicht klar ist, wie die potenziellen Eltern zur Homosexualität stehen, findet daher nahezu ungeteilten Applaus. Premierminister Dmitri Medwedew erklärte vergangene Woche gegenüber dem amerikanischen Sender CNN, die angebliche Verletzung der Rechte sexueller Minderheiten sei „ein erfundenes Problem“.

Die Kirche befeuert die Schwulenhatz

Menschenrechtler und Schwulenaktivisten fürchten nicht so sehr die Tage der Winterspiele, wenn die Welt gebannt und kritisch auf Putins Russland schaut. Ihnen graut es vor der Zeit danach. Die staatliche Schwulenhatz wird dann weitergehen, mit freundlicher Unterstützung der orthodoxen Kirche. Manche sehen in deren Vorsteher die treibende Kraft für die Antischwulen-Gesetze. Patriarch Kyrill hatte im vergangenen Jahr immerhin erklärt, dass die Ehen von Lesben und Schwulen zum Weltuntergang führen werden. Nikolaj Alexejew, der Gründer der Organisation Gay Russia, hält es für nicht ausgeschlossen, dass Homosexualität in Russland auch bald wieder unter Strafe gestellt werden könnte.

Sollte dies geschehen, dann könnte das zu einem ernsten Problem für Andrej Tanitschew und Roman Kochagow werden. Mitten in der Olympiastadt Sotschi betreiben die beiden Männer einen Schwulenclub – und das schon seit neun Jahren. Von internationalen Medien sind sie in den Wochen und Tagen vor der Eröffnungsfeier regelrecht überrannt worden. Viele Reporter wollten ihr Bild vom bösen Russland bestätigen, haben sie zum Beispiel dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. „Dabei ist Sotschi ein Paradies für Homosexuelle.“ Ob das ihr Bürgermeister weiß, ist freilich nicht bekannt.