Seit drei Wochen gehen die Behörden in Ägypten gegen Homosexuelle vor. Nach einem Rockkonzert begann die mediale Hetze. Dann folgten Razzien, Festnahmen – und sogar Urteile.

Kairo - Mehr als 60 Menschen sind in Ägypten bei einer Welle von Razzien aufgrund ihrer mutmaßlichen Homosexualität festgenommen und teils bereits verurteilt worden. Das berichtet die ägyptische Menschenrechtsorganisation „Egyptian Initiative for Personal Rights“. Laut einer Stellungnahme der Organisation vom 4. Oktober waren zu dem Zeitpunkt 54 Personen in Haft. Medienberichten zufolge ist die Zahl inzwischen gestiegen.

Obwohl Homosexualität in Ägypten nicht gesetzlich strafbar ist, werden laut Berichten in den vergangenen Jahren und auch in den aktuellen Verfahren andere Strafparagraphen angewendet – wie etwa „Ausschweifung“ und „Anstiftung von Ausschweifung“. Laut der US-amerikanischen Zeitung „Washington Post“ wurden inzwischen mindesten 20 Personen zu Haftstrafen von sechs Monaten bis sechs Jahren verurteilt.

Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ berichtete, dass mindestens sechs Personen bei der Festnahme von den Sicherheitskräften zu sogenannten Anal-Tests gezwungen wurden, um ihre mutmaßliche sexuelle Aktivität nachzuweisen. Im Libanon und in Tunesien sind solche Tests bereits verboten.

Regenbogenfahnen auf einem Rockkonzert lösten Hetze aus

Die aktuelle Verfolgungswelle soll nach einem Konzert der libanesischen Band Mashrou’ Leila angefangen haben. Bei dem Konzert, das am 22. September in Kairo vor 35.000 Menschen stattfand, hielten einige Zuschauer Regenbogenfahnen hoch. Bilder davon gingen in den sozialen Medien viral. „Was daraufhin folgte, war ein aggressives, homophobes Medienspektakel, wie wir es sonst nie gesehen haben“, schrieb die Band auf ihrer Facebook-Seite. „Sowohl staatsfinanzierte als auch unabhängige Medien nahmen es sich zum Anlass, widerliche Artikel zu veröffentlichen, die Hassrede schüren und die ägyptische Gesellschaft spalten. Gleichzeitig veröffentlichten sie, unter volksverhetzenden Schlagzeilen, Falschnachrichten über die Band und über nicht-normative Sexualitäten.“ Ein „brutaler Angriff“ in den sozialen Medien sei darauf gefolgt.

Auch TV-Medien hielten sich nicht zurück: Fernsehmoderator Ahmed Moussa hatte Homosexualität als „ein Verbrechen, das schlimmer als Terrorismus ist“ bezeichnet.

Mashrou’ Leila ist eine der erfolgreichsten Rockbands im arabischssprachigen Raum, und eine der einzigen arabischen Bands, die sich für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen (LGBT) ausspricht – und sie auch in ihren Liedern thematisiert. Der Frontsänger Hamed Sinno lebt offen als schwuler Mann. Nach dem Konzert in Kairo hatte der ägyptische Verband für Musiker der Band ein Verbot weiterer Konzerte in Ägypten erteilt. Es ist nicht das erste Mal, dass Mashrou’ Leila aufgrund ihrer Unterstützung von LGBT-Rechten verbannt wird: Sowohl 2016 als auch 2017 wurden ihre Konzerte in Jordanien abgesagt. 2016 wurde Mashrou’ Leilas Auftritt in Amman abgesagt, weil die Lieder der Band „im Gegensatz“ zu religiösen Werten stünden. 2017 haben mehrere jordanische Minister eine Petition gegen den Auftritt unterschrieben.

Einer der Fahnenhalter festgenommen

„Human Rights Watch“ berichtete, dass die ägyptische Oberste Staatsanwaltschaft gegen zwei Aktivisten ermittelt, die am 1. Oktober festgenommen wurden. Gegen Sarah Hegazy und Ahmed Alaa werde wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen, verfassungsfeindlichen Gruppierung emittelt. Alaa ist nach eigenen Angabe einer derjenigen, die auf Mashrou’ Leilas Konzert eine Regenbogenfahne hochhielten. Vor der Festnahme hätte er Morddrohungen bekommen. Laut Hegazys Anwälten, so „Human Rights Watch“, hätten die Beamten auf der Polizeistation es zugelassen, dass sie von anderen Festgenommenen geschlagen und sexuell belästigt wurde.