Am 27. November entscheidet sich, ob ein schwuler SPD-Mann jüngster bayerischer Landrat wird. Bei der CSU herrscht Ausnahmezustand.  

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Mirko Weber (miw)

Stuttgart - Zu den eher wenigen Dingen, die einen stören könnten, wenn man sich länger mit Michael Adam unterhält, gehört sein eisern alle zwanzig Sekunden auf den Blackberry gerichteter Blick: "Klares Suchtverhalten", sagt Adam, er sei nun mal "News-Junkie". Die Antwort ist ein echter Adam. Keine Ausflüchte, klare Sprache, ein bisschen Selbstironie. So hat Michael Adam das niederbayerische Bodenmais als Bürgermeister erobert, als es um Bodenmais eher mau stand. Das war 2008. Da befand sich die Gemeinde kurz vor der Zwangsverwaltung. Ins Rathaus zog Michael Adam, vom Elternhaus sozialdemokratisch geprägt und bei den Jusos groß geworden, nach einer Stichwahl gegen den CSU-Kandidaten, was allein schon gegen die "gottgegebene" Ordnung in Niederbayern zu verstoßen schien. Adam holte 56 Prozent - und das tourismustechnisch gesehen ein wenig zopfige Bodenmais konnte sich tagelang vor journalistischen Übernachtungsgästen kaum retten. War das eine Schau: ein SPD-Bürgermeister in Niederbayern, 23 Jahre alt und Protestant - und Männer liebt er auch noch.

Michael Adam, ein eher häuslicher Typ, der aber im Nu ein Ausgeh- und Repräsentationsgesicht aufsetzen kann, nutzte die ganze mediale Aufregung, um immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass der Freistaat nicht nur aus Oberbayern bestehe. Klugerweise schnitt er dann die erwähnten Zöpfe vor Ort nicht sämtlich ab; er frisierte Bodenmais nur ein bisschen um und ließ zum Beispiel zur Zentralvermarktung wechseln. Heute steht Bodenmais sowohl von den Bettenbelegzahlen her wie auch von der Menge der renovierten Hotels, die sich vom 70er-Jahre-Standard getrennt haben, vergleichsweise prächtig da im Bayerischen Wald, wo das Leben generell kein Leichtes ist. Adam war aber auch immer so ehrlich zuzugeben, dass die Gegend von erklecklichen Förderprogrammen profitiert. Klagen gehört nicht zu Adams Stilmitteln. So wird man populär.

CSU-Vorsitzender gibt Plakataktion in Auftrag

Eher als gedacht mag Adam nun eine weitere Aufgabe zuwachsen: das Amt des Landrats im niederbayerischen Kreis Regen. Das ist ein Posten, der festzukleben schien an Heinz Wölfl von der CSU, an dem selbst Adam, ein durchaus kritischer Mann, nicht viel auszusetzen fand: "schwarz, aber sehr brauchbar", sei der, sagte Adam.

Im September jedoch verunglückte Wölfl mit dem Auto. Was ausschaute wie ein Unfall, stellte sich als Selbstmord heraus. Wölfl war extrem spielsüchtig gewesen und hatte Schulden angehäuft. Im Nachhinein wird in diesem Zusammenhang jetzt manche öffentliche Vergabepraxis bei Ausschreibungen deshalb genau unter die Lupe genommen von der Polizei.

All dies nun - und generell ein akuter Überdruss mancher Menschen an der CSU - hat Michael Adam sicherlich auch ein wenig geholfen. Dennoch war das Ergebnis vom vorangegangenen Wochenende - 42, 7 Prozent für Adam, 34,9 Prozent für Helmut Plenk von der CSU - schon wieder eine große Überraschung, selbst für den an Sensationen mittlerweile fast gewöhnten Michael Adam. Vorsichtig riet er direkt dazu, die Kirche bis zur Stichwahl am 27. November im Dorf zu lassen. Gleichwohl herrscht Ausnahmezustand bei der CSU, deren niederbayerischer Vorsitzender Manfred Weber eine Plakataktion sondergleichen in Auftrag gegeben hat. Gewinnt Michael Adam den Landratsposten in Regen, scheint er wie geschaffen für weiter reichende Aufgaben in der Landespolitik.