Schwules Kino Jenseits von Brokeback Mountain

Von Rolf Spinnler 

„Völlig normal“ sind homosexuelle Lebensgemeinschaften vielleicht im Alltag westlicher Länder. Im Kino sieht es anders aus. Eine cinéastische Weltreise und die Entdeckung der Vielfalt schwulen Filmschaffens.

Eine Liebe, die an sich selbst scheitert und nicht an Schwulenfeindlichkeit: Paulo (Matila Malliarakis, links) und Ilir (Guillaume Gouix) in „Hors les murs“ Foto: Verleih
Eine Liebe, die an sich selbst scheitert und nicht an Schwulenfeindlichkeit: Paulo (Matila Malliarakis, links) und Ilir (Guillaume Gouix) in „Hors les murs“ Foto: Verleih

Stuttgart - Als 2005 Ang Lees Film „Brokeback Mountain“ in die Kinos kam, der die Liebesgeschichte zweier schwuler Cowboys erzählt, wurde er von einem außergewöhnlichen Medienrummel begleitet. Das Melodram wurde als Pioniertat gepriesen, und man konnte den Eindruck gewinnen, hier hätten zum ersten Mal in der Filmgeschichte homosexuelle Männer eine positive Hauptrolle spielen dürfen. Filmhistoriker wissen, dass das nicht stimmt. Wer Klassiker des schwulen Kinos zum Vergleich heranzieht, wird zudem feststellen, dass etwa Luchino Viscontis „Tod in Venedig“ (1971), Rainer Werner Fassbinders „Querelle“ (1982), Patrice Chéreaus „Verführter Mann“ (1983), Pedro Almodóvars „Gesetz der Begierde“ (1986), James Ivorys „Maurice“ (1987) oder Derek Jarmans „Edward II“ (1991) die Liebe zwischen Männern wesentlich weniger keimfrei darstellen als „Brokeback Mountain“. Die Strategie, eine homosexuelle Liebesgeschichte für ein konservatives Publikum annehmbar zu machen, hat eben ihren Preis: viel Pathos, wenig schwule Erotik.

Das heißt nicht, dass in den letzten zwanzig Jahren keine sehenswerten schwulen Filme produziert wurden. Sie finden nur selten den Weg in die deutschen Kinos. Um sie zu sehen, muss man Festivals besuchen, wie etwa hier in der Region das Queer-Film-Festival, das alljährlich Anfang November im Kommunalen Kino in Esslingen eine Woche lang neue Filme mit schwul-lesbischer Thematik vorstellt. Es gibt in Deutschland auch einen Filmpreis, den Teddy Award, der während der Berlinale seit 1987 jedes Jahr für den besten schwulen oder lesbischen Film verliehen wird. Abseits dieser Festivals ist man aber auf DVD oder Download angewiesen, die einem diese Produktionen ins eigene Wohnzimmer bringen, meist in der Originalsprache mit deutschen Untertiteln.

Schwuler Lebensstil in seiner ganzen Vielfalt

In der englischen Zeitschrift „Sight & Sound“ erschien 1992 ein Artikel der Filmkritikerin B. Ruby Rich, der als Manifest für ein „New Queer Cinema“ gelesen wurde. Rich bezog sich dabei auf Regisseure wie Gus Van Sant („My Own Private Idaho“, 1991) oder den schon genannten Derek Jarman. In deren Arbeiten sah sie eine Filmsprache verwirklicht, die nicht mehr der Mehrheitsgesellschaft schwule Charaktere als nette Jungs schmackhaft machte, sondern den schwulen Lebensstil in seiner ganzen provozierenden Vielfalt und Widersprüchlichkeit darstellen wollte.

Inzwischen gibt es noch ein neueres Schlagwort: „New-Wave Queer Cinema“. Geprägt hat es der Journalist Ben Walters 2012 im Londoner „Guardian“. Als Modelle für diesen Trend nennt er „Weekend“ (2011) des englischen Regisseurs Andrew Haigh und „Keep the Lights on“ (2012) des Amerikaners Ira Sachs. Häufig wird diesen beiden noch David Lamberts Debütfilm „Hors les murs“ (Jenseits der Mauern, Belgien/Frankreich/Kanada 2012) als Dritter im Bunde beigesellt. Gemeinsam ist den drei Filmen nach Meinung der Kritiker, dass es in ihnen nicht mehr um das Coming-out oder die Auseinandersetzung mit einer homophoben Gesellschaft geht. Schwulsein ist in diesen Filmen kein Drama mehr, gefeiert wird auch nicht der heilig-sündige Außenseiter wie noch bei Pier Paolo Pasolini. Sie setzen vielmehr postemanzipatorisch den schwulen Lebensstil als selbstverständlich voraus und widmen sich den alltäglichen Problemen in den Beziehungen zwischen zwei Männern.