Aufgrund ihres Alters, das sie nicht in der Zeitung lesen wollen, schied eine Adoption für die Stuttgarter aus, die außerdem darum bitten, ihre Nachnamen nicht öffentlich zu machen. Pflegekinder trauten sie sich nicht zu. Der Wunsch, eigene Kinder mit den eigenen Genen aufzuziehen, war einfach zu groß. „Ich wusste, dass ich mit diesem Mann eine Familie gründen und alt werden will“, sagt Johnny, dessen Eltern aus Italien stammen. Sein Stefan ist in einem kleinen katholischen Dorf in Oberschwaben aufgewachsen – also dort, wo es nicht immer leicht ist, zu seiner Homosexualität zu stehen.
Ampel-Koalition kündigt Initiativen in der Reproduktionsmedizin an
Nun machen die beiden ihr Familienglück öffentlich (am kommenden Montag, 18.15 Uhr, zeigt das SWR-Fernsehen ein Porträt von Almut Röhrl in der Sendung „Mensch, Leute!“), um anderen queeren Menschen Mut zu machen und aufzuzeigen, was in den USA zwar geht, was aber in Deutschland noch immer nicht möglich ist. Große Hoffnungen setzen Stefan und Johnny in die neue Bundesregierung, die im Koalitionsvertrag vereinbart hat, „zur Stärkung der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt“ neue Initiativen zu ergreifen, etwa auch in der Reproduktionsmedizin. Von einem „queerpolitischen Aufbruch“ ist die Rede.
Noch ist es in Deutschland „zum Schutz von Embryonen“ strafbar, bei einer Frau, die bereit ist, ihr Kind nach der Geburt Dritten auf Dauer zu überlassen, eine künstliche Befruchtung durchzuführen oder auf sie einen menschlichen Embryo zu übertragen. Es gibt etliche Agenturen, die Leihmütter im Ausland vermitteln. „Selbst Beratungen dafür sind auf deutschem Boden verboten“, sagt Stefan. Mit seinem Partner musste er nach Paris reisen, um dort alles zu vereinbaren. Ihr Glück wollte es, dass sie in Los Angeles Robin fanden, eine Frau, die bereits Mutter war und als Mitarbeiterin in einer gynäkologischen Praxis dem Thema sehr aufgeschlossen ist. Die Leihmutter darf nicht verheiratet sein, weil nach dem noch geltenden deutschen Recht sonst der Ehemann als Vater gilt. Gleichzeitig mussten die Stuttgarter Männer nach einer Eizellenspenderin suchen.
Die Eltern nennen sich „Papa“ und „Papi“
Am 24. April 2017 sind Robin in Los Angeles zwei Eizellen eingepflanzt worden, die jeweils mit dem Sperma von Stefan und Johnny befruchtet waren. Eine Garantie, ob es klappt, gibt es nicht. Doch das Wunder geschah: Aus beiden Eizellen entstanden Kinder – Zwillinge, deren leibliche Väter sowohl Stefan, als auch Johnny sind. Wer das schöne Familienfoto (drei Kinder und ein Hund) anschaut, kann vermuten, welches Kind von welchem Vater stammt, die in der Familie „Papa“ und „Papi“ genannt werden.
Am 19. Dezember 2017 sind die Babys gesund in Oregon zur Welt gekommen. Johnny und Stefan waren bei der Geburt dabei. Ein neues Leben begann. In diesem Jahr haben die Zwillinge ein Geschwisterle bekommen.
Die Leihmutter bekommt einen fünfstelligen Betrag
Das Glück mit den Zwillingen war so groß, dass beide an ein drittes Wunder glauben wollten. Wieder war Robin, die Leihmutter ihrer ersten beiden Kinder, in den USA dazu bereit. Über die Kosten dafür reden die Väter nicht gern. Aber es ist ein fünfstelliger Betrag, den man allein für die Leihmutter einplanen muss, hinzu kommen die Kosten für Eizellenspende und für Reisen. Die Fernsehjournalistin Almut Röhrl hat die beiden nach Los Angeles begleitet, wo auch die dritte Einpflanzung geklappt hat. Wer diesmal der Vater ist, wollen sie nicht verraten.
Noch turbulenter geht’s seitdem zu im Heim der Rainbow-Familie. Die beiden Väter sind Chefs einer erfolgreichen Personal-Agentur, die jetzt besonders viel zu tun hat, weil viele Firmen kurzfristig Arbeitskräfte suchen, was in der Coronakrise in etlichen Branchen schwierig geworden ist. Das Paar macht Homeoffice, immer mal wieder muss einer mit den Kindern los. Am Freitag etwa ging’s zum Kinderarzt. Die Zeiten, in denen sie abends um die Häuser ziehen konnten, sich mit anderen in Gay-Lokalen trafen, sind längst vorbei. „In der Pandemie geht da sowieso nicht viel“, sagt Stefan, er ist der „Papi“. Doch vermissen würde er nichts. Die Familie steht klar im Vordergrund. An Weihnachten kommen seine Eltern aus Oberschwaben zum gemeinsamen Feiern.
Nicht jedes schwule Paar kann sich eine Leihmutter im Ausland leisten
Für ihren Lebenstraum mussten „Papa“ und „Papi“ sehr viel Geld ausgeben. Ohne ihre gut laufende Agentur wäre dies nicht möglich gewesen. Nicht jedes schwule Paar kann es sich leisten, eine Leihmutter-Agentur zu bezahlen. Und deshalb ist es den beiden Stuttgartern so wichtig, dass die Leihmutterschaft in Deutschland nun endlich von der neuen Ampelkoalition legalisiert wird. Dabei gehe es nicht darum, sich „Designerbabys“ zu kaufen, sondern es Menschen zu ermöglichen, einfach nur Eltern zu werden, um Höhen und Tiefen zu erleben, für die Kinder sorgen – wobei alles noch aufregender wird, wenn auch ein Hund im Haus ist.