Science-Fiction-Autor Hat Captain Kirk das Handy erfunden?

Held von der Brücke der Enterprise: Captain Kirk mit seinem Communicator, der wohl Motorola zum ersten aufklappbaren Handy in den 90er Jahren inspirierte.    Foto:  

Mit dem Roman „Das Jesus-Video“ hat Andreas Eschbach die Bestsellerlisten erobert. Im Interview spricht er anlässlich des Wissenschaftsfestivals über „Star Trek“, Künstliche Intelligenz und seine Stuttgarter Vergangenheit.

Stuttgart - Beim Stuttgarter Wissenschaftsfestival geht es von Mittwoch an um Künstliche Intelligenz, die Mobilität der Zukunft und viele weitere Forschungsthemen. Zum Auftakt spricht der Autor Andreas Eschbach darüber, wie Wissenschaftler bei ihrer Arbeit von Science-Fiction profitieren.

 

Herr Eschbach, Ihre Leser kennen Sie als Bestsellerautor – weniger bekannt ist, dass Sie in Stuttgart etwas Handfestes studierten.

Das stimmt: Ursprünglich wollte ich Physik studieren – aber als ich hörte, dass es ein Fach namens Luft- und Raumfahrttechnik gibt, dachte ich mir: Wow, das ist es, das will ich machen. So kam ich nach Stuttgart-Vaihingen. Leider war das für mich kein Bringer.

Weshalb?

Ich stellte fest, dass die Luft- und Raumfahrttechniker zwar Raketen bauen, aber andere dann in diese einsteigen.

So kann man sich irren.

Für mich war Jules Verne ein großer Held meiner Kindheit. Als ich aufs Gymnasium kam, hat mir ein Freund ein Perry-Rhodan-Heft in die Hand gedrückt. Da war’s um mich geschehen. Ich habe alles verschlungen, was Aliens, Raumschiffe und ferne Planeten auf dem Cover hatte. Später habe ich im Fernsehen die „Raumpatrouille Orion“ gesehen. Bevor so ein schönes Raumschiff nicht in der Wirklichkeit gebaut wird, sind wir noch nicht fertig mit der Raumfahrt.

Haben Sie Ihr Studium beendet?

Nein. Eigentlich darf man das heute gar nicht mehr erzählen, aber gut: Ich habe erst 24 Semester studiert, und es dann doch sausen lassen.

24 Semester – unendliche Weiten eines Studiums.

Ich bin relativ früh Vater geworden, das hat mein Studium nicht beschleunigt. Außerdem arbeitete ich nebenbei in verschiedenen Jobs. Die waren plötzlich viel interessanter als die drögen Fächer an der Uni. Unter anderem war ich als Softwareentwickler tätig. Das war die Zeit, in der jeder eine Computerfirma gegründet hat, der eine Schreibmaschine von einem PC unterscheiden konnte.

Früher zeigten Science-Fiction-Filme Geräte und Zukunftsvisionen, die fernab der Wirklichkeit lagen. Inzwischen scheint die Realität oft verrückter zu sein, als es sich Autoren wie Sie hätten ausdenken können.

Die Science-Fiction hat gewonnen. Wir leben heute in einer Welt, in der zuvor Undenkbares Gestalt angenommen hat. Vielleicht mit Ausnahme der in Romanen herbeifantasierten atomgetriebenen Hubschrauber und Städte auf dem Mond. Für das Internet gab es wenige Vorahnungen in der Science-Fiction-Literatur. Dass sich das Internet derart schnell durchgesetzt hat, kam überraschend, genau wie die schnelle Verbreitung der Handys.

Welche konkreten Dinge haben Sie zuerst in Science-Fiction-Filmen gesehen, die sich später durchgesetzt haben?

Motorola hat ein aufklappbares Handy entwickelt – da nehme ich jede Wette an, dass der Designer ein „Star Trek“-Fan war. Das Teil sah dem Communicator von Captain Kirk verdammt ähnlich. Wissenschaft beeinflusst Science-Fiction und umgekehrt. Das ist immer ein Wechselspiel. Viele Leute sagen, dass sie Physik oder Ingenieurwissenschaften studiert haben, weil sie zuvor „Star Trek“-Fans waren.

Das Auto wurde vor mehr als 130 Jahren in Stuttgart erfunden – technologische Quantensprünge gab es zuletzt jedoch in anderen Bereichen. Warum ist der Fortschritt manchmal eine Schnecke?

Weil es nicht nur um den Fortschritt geht, sondern um eine Veränderung der Verhältnisse. Dabei spielt der Altbestand eine große Rolle. Wenn wir 40 Millionen Autos der alten Technologie haben, dann wirft man die nicht so leicht über Bord wie wenn es nur fünf wären.

Es geht also um Interessen, die den Besitzstand wahren wollen?

Jede Entwicklung ist immer ein Ringen zwischen den Kräften, die etwas verändern wollen, und jenen, die den Status quo erhalten wollen. Wenn die beiden gleich groß sind, passiert nicht viel.

In der Informationstechnologie jagt ein Hype den nächsten. Warum reden gerade alle über Künstliche Intelligenz?

Na ja, die Künstliche Intelligenz wird uns seit mindestens 40 Jahren versprochen. Der Begriff beinhaltet die Vorstellung, dass Computer klüger sein könnten als wir – und damit Probleme lösen können, die wir nicht zu lösen vermögen. Je mehr uns das Gefühl beschleicht, dass wir mit unseren Problemen nicht fertig werden, desto attraktiver wird das für uns.

Bei Ihnen klingt ein pessimistischer Ton an.

Dystopische Filme zeichnen die eine große Katastrophe. Damit rechne ich nicht. Aber wir haben viele Entwicklungen, die auf eine Krise zusteuern – und all diese Entwicklungen könnten gleichzeitig eintreten und sich gegenseitig verschärfen. Wir haben immer noch keinen echten Ersatz für fossile Rohstoffe angesichts des weltweiten Verbrauchs. Die Windräder allein werden uns nicht retten. Gleichzeitig nimmt die Umweltverschmutzung angesichts des globalen Bevölkerungswachstums dramatisch zu. Wie sich der Klimawandel auswirken wird, ist offen. Das wird in der Politik viel geredet – aber in Wahrheit passiert sehr wenig. Man fliegt heute doppelt so viel wie vor zehn Jahren, das dürfte nicht so sein.

Welches wäre ein realistisches und lohnenswertes Ziel?

Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten wäre es interessant, ein Observatorium auf der Rückseite des Mondes zu bauen. Dort wäre man abgeschirmt von allem, was die Erde an Störstrahlungen, Licht oder Radiowellen erzeugt. Von dort aus könnten wir tief hinausschauen in die Galaxis.

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