Anders als auf diesem Bild kann Denis Cerimi seine Lebensgefährtin und seine Kinder in Deutschland nicht sehen. Foto: privat
Denis Cerimi sitzt im Kosovo fest, während seine Kinder im Rems-Murr-Kreis ohne Vater aufwachsen. Der Anwalt des 32-Jährigen kritisiert das deutsche Migrationsrecht deshalb scharf.
Denis Cerimi hat Erfahrung darin, seine Geschichte zu schildern – das ist ihm selbst aus 1000 Kilometern Entfernung anzumerken. Am anderen Ende der Videoschalte sitzt ein Mann mit rotem Sweater und dichtem Bart entlang der Kinnpartie. Er gestikuliert viel, richtet mal beide Zeigefinger auf sich, breitet dann die Arme in demonstrativer Fassungslosigkeit aus. Allerdings hebt er nur selten die Stimme, spricht relativ aufgeräumt.
Während der 90-minütigen Unterhaltung gerät Cerimi nur an einer Stelle ins Stocken: Wenn er erzählt, dass in wenigen Tagen in Waiblingen sein sechstes Kind auf die Welt kommen soll – er selbst aber im Kosovo festsitzt. Die deutschen Behörden verhinderten seine Anwesenheit bei der Geburt, sagt der 32-Jährige. „Das ist absurd“, fügt er hinzu, während er zum Taschentuch greift.
Seine Lebensgefährtin erzieht die gemeinsamen Kinder momentan allein in Waiblingen. Cerimi, Angehöriger der Minderheit der Roma, darf seit 2024 nicht mehr nach Deutschland einreisen. „Hier wird bestehendes Recht kleingeredet“, sagt sein Anwalt Thomas Oberhäuser. „Das macht einen als Juristen richtig fuchsig.“ Was ist so außergewöhnlich an diesem Fall, dass er den erfahrenen Migrationsrechtler Oberhäuser zu einer solchen Aussage verleitet?
Die Geschichte beginnt 1999. In Cerimis Geburtsland, dem Kosovo, herrscht Krieg. Die Eltern des damals Fünfjährigen flüchten und landen mit ihren Kindern in Backnang. Im Rems-Murr-Kreis wächst Cerimi auf. Aufenthaltsrechtlich ist er stets nur geduldet – und somit ohne klare Perspektive. Wenn er über seine Kindheit spricht, fallen Sätze wie diese: „In der Stadt haben manchmal Leute auf mich gezeigt und gesagt: Ey, guck mal da, voll der Zigeuner.“ Cerimi hat indes nicht nur mit Rassismus zu kämpfen, sondern auch mit einer chronischen Erkrankung. Er leidet unter Multipler Sklerose, immer wieder setzen ihn neue Schübe außer Gefecht.
Andererseits sagt er selbstkritisch: „Ich bin in einem schlechten Umfeld mit falschen Freunden aufgewachsen.“ Als Jugendlicher und junger Erwachsener wird er straffällig. In seiner Akte finden sich zwischen 2010 und 2014 sieben Einträge, darunter Diebstahl, schwere Körperverletzung und räuberische Erpressung. Zwischenzeitlich verbringt er viereinhalb Monate in Jugendhaft.
Cerimi wird 2018 abgeschoben, seine Kinder nicht
2013 bringt seine Lebensgefährtin Alinda Vrankaj das erste Kind auf die Welt. Danach habe er beschlossen, Abstand von seinem einstigen Umfeld zu halten, erzählt Cerimi. Dennoch kommt 2016 ein neuer Eintrag in sein Strafenregister hinzu, diesmal wegen Betrugs bei einem Autoverkauf. Aufgrund der – heute verjährten – Straftaten entzieht ihm die Ausländerbehörde Backnang 2018 die Aufenthaltserlaubnis. „Damit wurde eine Familie kaputt gemacht“, sagt der Betroffene.
Cerimi klagt gegen den Beschluss, wendet sich für Beratung unter anderem an den Zentralrat der deutschen Sinti und Roma sowie an den Verein Pro Sinti und Roma. Doch der Einspruch ändert nichts. Cerimi muss 2018 das Land verlassen, inklusive achtjährigem Einreiseverbot. Sein heutiger Anwalt Thomas Oberhäuser ordnet den Beschluss als „nach damaliger Erkenntnislage nachvollziehbar“ ein.
Cerimis Situation wurde 2018 ein Fall für das Stuttgarter Verwaltunsgericht. Foto: VG Stuttgart
Auch die zu diesem Zeitpunkt vier Kinder von Cerimi und Vrankaj erhalten 2018 Abschiebeverfügungen – die jüngste Tochter ist da gerade einen Monat alt. Bei ihnen kommt es aber nie zur Abschiebung. Stattdessen wird später festgestellt, dass sie aufgrund des unbefristeten Aufenthaltsstatus ihrer Mutter seit Geburt deutsche Staatsbürger sind. Das ändert die Sachlage. Denn die Eltern von Kindern, die sogenannte Unionsbürger sind, dürfen nach EU-Recht nicht einfach so aus dem Unionsgebiet ausgewiesen werden.
Vater kehrt nur kurz zu seinen Kindern im Rems-Murr-Kreis zurück
Doch 2018 wird Cerimi in das Nicht-EU-Land Serbien abgeschoben, da er – wie viele Kosovo-Albaner – auch einen serbischen Pass hat. Dort ändert er seinen Namen von ursprünglich Elvis Tahiri zu Denis Cerimi. Als Grund gibt er heute an, dass sein Geburtsname albanisch klinge. Zum Kontext: Die ethnischen Spannungen zwischen Serben und Albanern sind Jahrzehnte nach dem Kosovokrieg noch immer groß.
2023 hebt das Stuttgarter Verwaltungsgericht Cerimis Einreiseverbot auf, aufgrund der Staatsbürgerschaft seiner Kinder. Für die Familie ist es ein erlösender Moment. Cerimi macht nun all das, was er die Jahre zuvor schmerzlich vermisst hat: Er bringt die Kinder in die Schule, unterstützt sie bei ihren Hausaufgaben, kauft ihnen Kleidung. Schon bald erhält er allerdings eine erneute Abschiebeandrohung vom Regierungspräsidium Karlsruhe. Der Grund: Cerimi sei bei seiner Rückkehr 2023 ohne Visum und dementsprechend illegal eingereist.
Im Kosovo ist Denis Cerimi von seiner Familie getrennt. Foto: privat
Das sieht Rechtsanwalt Oberhäuser anders. Er verweist auf das EU-Recht und sagt: „Wenn jemand deutsche Kinder hat, dann kann man nicht verlangen, dass er zur Einreise ein Visum einholt.“ Obwohl der Europäische Gerichtshof seit 2017 immer wieder ähnlich geurteilt habe, schlage sich das hierzulande in der Rechtsprechung kaum nieder. „Niemand will wahrhaben, dass das deutsche Recht in diesem Punkt defizitär ist“, kritisiert Oberhäuser. Doch das Stuttgarter Verwaltunsgericht lehnt eine Klage des Anwalts 2025 ab. Es bestehe kein derartiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Vater und seinen Kindern, dass ihm nach EU-Recht eine Aufenthaltserlaubnis zustehe.
Eine Namensänderung mit Folgen
Infolge der Abschiebeandrohung reist Cerimi 2024 in den Kosovo aus und beantragt dort ein Visum – allerdings mit seinem kosovarischen Pass und dem Geburtsnamen Elvis Tahiri. Die Namensänderung aus Serbien akzeptieren die kosovarischen Behörden nicht. Dies wiederum veranlasst die deutsche Botschaft, den Visumsantrag abzulehnen. Mehr noch: Das Auswärtige Amt deutet die Situation als Einreiseversuch unter falschem Namen und stuft Cerimi als Gefahr für die innere Sicherheit ein – seitdem darf er Deutschland nicht mehr betreten.
Dabei habe man längst nachgewiesen, dass sein Mandant im Kosovo zurecht den Namen Tahiri trug und erst nach einer weiteren Namensänderung – diesmal nach kosovarischem Recht – auch dort Denis Cerimi heiße, sagt Oberhäuser. Der Vorwurf des Einreiseversuchs unter falschem Namen sei also unwahr. „Und selbst wenn er wahr wäre, wäre es nicht verhältnismäßig, ihm deswegen das Zusammenleben mit seinen deutschen Kindern zu verwehren.“
Fall symptomatisch für viele Roma
Zu dem laufenden Visumsverfahren wollen sich die Ausländerbehörde Waiblingen und das Auswärtige Amt nicht äußern. Cerimi hängt bis auf weiteres im Kosovo fest. Dort hat er ein Zimmer in der Nähe der Hauptstadt Pristina, aber keine Arbeit. „Als Roma bekommst du hier nicht einfach so einen Job“, sagt er. Stattdessen schicken ihm seine in Frankreich lebenden Brüder monatlich rund 80 Euro. Das Geld reicht nicht aus, um die wiederkehrenden MS-Schübe zu behandeln.
Cerimi selbst wählt drastische Worte: „Wir Roma werden behandelt wie Tiere.“ Trotzdem ist seine Hoffnung nicht komplett verblasst: „Irgendwann wird ein Richter sagen: Stopp mal, was wird hier gespielt.“ Bei einer Rückkehr nach Deutschland werde er sich zunächst einen Job suchen, sagt er. Darüber hinaus hat Cerimi aber auch ein langfristiges Ziel: Er will eine Organisation gründen, die von Abschiebeverfahren betroffene Roma unterstützt.