Seehofers startet die Islamkonferenz neu Brücken bauen für die Muslime

Ein schwieriger Gastgeber: Horst Seehofer (rechts) eröffnet die Islamkonferenz, zu den Teilnehmern zählt auch der liberale Islamismuskritiker Ahmad Mansour (im Hintergrund). Foto: AP

Bundesinnenminister Horst Seehofer setzt mit seiner Neuauflage der Islamkonferenz die richtigen Akzente und stellt neuerdings auch die richtigen Fragen, findet der StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Es erscheint fast wie ein Wunder: Auch ein Mann wie Horst Seehofer ist lernfähig. Vor einem halben Jahr war der Bundesinnenminister noch der Ansicht, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Jetzt empfängt er Muslime, um mit ihnen auszuloten, wie „ein Islam in, aus und für Deutschland“ entstehen könne. So hat er das Ziel für den von ihm angeschobenen Neustart der Islamkonferenz umschrieben. Das zeugt von einem Perspektivwechsel, der nur zu begrüßen ist.

 

Die leidige Debatte, ob oder inwiefern der Islam zu Deutschland gehöre, führt nicht weiter. Solche Floskeln sind in ihrer Undifferenziertheit realitätsblind, egal unter welchem Vorzeichen sie verkündet werden. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Unsere Geschichte und Kultur sind nicht vom Islam geprägt. Toleranz, Gleichberechtigung, bürgerliche Freiheitsrechte, Gewaltenteilung – das sind alles keine Erfindungen des Islam. Gleichwohl ist der Islam bei uns allgegenwärtig. Allein in Stuttgart gibt es 20 Moscheen. Sie sind oft besser besucht als Kirchen. Was in manchen deutschen Moscheen jedoch gepredigt wird und nicht wenige deutsche Muslime glauben, lässt sich mit dem Rechtsverständnis, den Werten und Traditionen, auf denen unser Zusammenleben beruht, schwer in Einklang bringen. Auch das gehört zu Deutschland: Probleme mit dem Islam.

Islamverbände vertreten nur eine Minderheit

Es gibt also Gesprächsstoff genug für die Runde, die Wolfgang Schäuble 2006 ins Leben gerufen hat. Und es gab gravierende Gründe, die Zielvorgaben und die Gästeliste einer Revision zu unterziehen, was Seehofer nun getan hat. Bisher hatten konservative Dachverbände den Dialog monopolisiert. Kritische Köpfe wurden vergrault. Die Islamverbände vertreten aber nur eine Minderheit der Gläubigen in Deutschland – eine konservative, sehr den Traditionen ihrer Herkunftsländer verhaftete Minderheit. Sie genügen bisher nicht den Normen, um wie Kirchen als Religionsgemeinschaften anerkannt zu werden.

Der Islam in Deutschland hat viel mehr Facetten als bloß die Erinnerung an eine verlorene Vergangenheit. Die vielen Muslime, die wie der Grünen-Politiker Cem Özdemir allenfalls an Feiertagen einmal eine Moschee besuchen und ansonsten ein Leben führen, das sich von dem ihrer Nachbarn kaum unterscheidet, haben keine Institutionen als Fürsprecher. Das war schon immer ein Dilemma der Islamkonferenz. Dort sitzen jetzt richtigerweise auch liberale Vertreter aus dem muslimischen Milieu mit am Tisch. Sie können sich im Unterschied zu den Verbandsfunktionären auf kein Mandat berufen. Gleichwohl ist die neue Meinungsvielfalt unverzichtbar.

Der Staat muss Leitplanken setzen

Der Dialog verfolgt nicht den Zweck, den Islam staatlich zu regulieren – ein Gespenst, was manche konservative Muslime an die Wand malen. Er kann aber Brücken bauen, die es dem Islam ermöglichen, in einer offenen Gesellschaft zu existieren, ohne Randexistenz zu bleiben. Das ist ein schwieriger Prozess. Er kann nur gelingen, wenn der Staat Leitplanken setzt, ohne sich in religiöse Interna einzumischen. Islamgläubige, die zu Deutschland gehören wollen, müssen anerkennen, dass Religion Privatsache ist. Sie sollten Religionsfreiheit nicht bloß als Privileg reklamieren, sondern akzeptieren, dass es auch das Recht gibt, religiöse Ansichten zu kritisieren, womöglich gar zu verspotten – und die Pflicht zu gesellschaftlichem Engagement.

Die Islamkonferenz ist trotz allem eine Erfolgsgeschichte – hat aber ihre Schattenseiten: Noch beeinflussen undurchsichtige Organisationen den islamischen Religionsunterricht. Noch predigen in den Moscheen zu viele dubiose Import-Imame, finanziert von ausländischen Geldgebern. Die islamistische Szene nimmt ebenso zu wie der muslimische Antisemitismus. Die Islamkonferenz sollte sich eigentlich irgendwann selbst überflüssig machen. Doch bis dahin gilt: Der Weg ist das Ziel.

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