Seelsorge Erste Gräben zuschütten

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Trauer und Freude empfindet Matthias Vosseler in Sachen Stuttgart 21. Jetzt will der Stiftskirchenpfarrer versöhnen.

 Foto: Steinert
Foto: Steinert
Stuttgart - Wenn Deutschlands schnellster Geistlicher in diesen Tagen den Bonatzbau betritt, weiß er, dass er keine Zeit hat zum Davonlaufen. "Der Hauptbahnhof", sagt Matthias Vosseler, "gehört ausdrücklich zu meinem Seelsorgegebiet". Seit gut 15 Monaten ist der passionierte Marathonläufer im Hauptamt Pfarrer der Stiftskirche; dort registriert der 40-Jährige nicht nur, dass Stuttgart 21 die größte Bahnbaustelle ist, welche die Landeshauptstadt je erlebt hat, sondern auch ein tiefer Eingriff ins Leben vieler Bürger. In einer persönlichen Erklärung, die der evangelische Pfarrer gestern verschickte, bezieht Vosseler Position zu dem umstrittenen Milliardenprojekt. Dabei gibt er seinem Brief zwei Überschriften. Die erste lautet "Trauer".

Seit Kindheitstagen zähle er die Einfahrt in den Kopfbahnhof "zu den schönsten Schienenstrecken im Lande"; die Eisenbahn sei "weithin sichtbar präsent" gewesen – "das wird mir fehlen". Als Sportler und Naturschützer sei er zudem um die Luft in der Stadt besorgt. "Ich trauere um jeden Baum, der gefällt werden muss", schreibt Vosseler, "und ich werde zählen, ob es auch tatsächlich 5000 neue Bäume sind, die gepflanzt werden." Den zweiten Teil seines Briefes hat der Geistliche mit den Worten "Vorfreude und Freude" überschrieben. Obwohl er die Frage, ob der Bau des Tiefbahnhofs nötig gewesen wäre, in seinem Herzen "nicht ganz zweifelsfrei bejahen" könne, werde er das Neue "mit kritischer Sympathie begleiten".

Er freue sich auf die Menschen, die in der Stadtmitte wohnen werden; die Menschen, die hier Arbeit finden; die Menschen, die Stuttgart besuchen werden. Konkret wolle er Angebote für die vielen Arbeiter schaffen. Und nicht nur das: "Wir werden auch die Verletzten der Baustelle besuchen und die Toten begraben."

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