Seelsorge für Geflüchtete Ukrainische Nonnen helfen in Stuttgart

Die ukrainischen Ordensschwestern Magdalena und Solomija (rechts). Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Ordensschwestern Magdalena und Solomija leisten Seelsorge für Geflüchtete in Stuttgart und Umgebung. Sie werden oft gebeten, für die Männer an der Front zu beten. Sie hoffen, bald in ihre Klöster zurückzukehren, die zur Aufnahmestation geworden sind.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Ob sie etwa auch geflüchtet seien? Viele Kinder stellten den Nonnen gerade diese Frage, erzählt die ukrainische Ordensschwester Magdalena. Zuletzt habe sie ein etwa zehn Jahre alter Junge aus Charkiw angesprochen, den sie am Rande eines Gottesdienstes in Tübingen kennenlernte. „Nein“, habe sie dem Jungen geantwortet. „Ich bin nicht geflüchtet. Ich bin da, weil Du da bist. Ich gehe aber davon aus, dass ich zurückkehren kann.“

 

Gemeinsam mit ihrer Ordensschwester Solomija ist Schwester Magdalena am 20. März aus der Westukraine nach Stuttgart gekommen. Der Pfarrer der hiesigen ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde, Roman Wruszczak, hatte um Unterstützung gebeten: für die Betreuung der Geflüchteten in der Diözese, aber auch der bereits hier lebenden Landsleute. Auch deren Bedürfnis nach Seelsorge sei gerade groß. Die Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heiligen Familie, entschied, die zwei Schwestern nach Süddeutschland zu entsenden. Weil Nonnen aus dem Osten der Ukraine in den Klöstern Schutz suchten, hätten sie die Kapazität gehabt zu unterstützen, erklärt die 61-jährige Schwester Solomija.

In Gedanken in der Ukraine

Leicht ist es den Nonnen nicht gefallen, ihr Heimatland zu verlassen. Hätten sie es sich aussuchen können, sie wären dort geblieben, sagen beide. Die Klöster ihres Ordens im Westen der Ukraine seien zur Aufnahmestation geworden, dort lebten nun vor allem geflüchtete Familien aus den Kriegsgebieten. Ihnen hätten sie gerne persönlich zur Seite gestanden. „Aber wir respektieren die Entscheidung der Kirche“, sagt Schwester Solomija. Sie halten übers Smartphone Kontakt mit ihren Mitschwestern. „In Gedanken sind wir in der Ukraine“, sagt sie.

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Schwester Solomija schreibt sich auch mit Müttern von Kindern mit Behinderung, die sie schon lange unterstützt. Diese seien besonders belastet. Einige hätten so schwer behinderte Kinder, dass sie gar nicht mit ihnen fliehen könnten, erzählt sie.

Auch mit dem Waisenhaus des Ordens in der Nähe von Lwiw sind die beiden Nonnen in Kontakt. In dem Haus leben 17 Kinder. Im Stock drüber außerdem einige junge Erwachsene. Allesamt ehemalige Heimkinder, die an ihrem Zuhause hängen. Für einen gerade 18-Jährigen beten die Nonnen jeden Tag: Sergei, der nun im Osten an der Front kämpft. „Wir sollen ruhig schlafen, er verteidigt uns“, habe er ihnen zuletzt geschrieben. So übersetzt es Andreas Woloschyn, ein freiwilliger Helfer aus der ukrainischen Community in Stuttgart, der das Interview erst möglich macht. Für bis zu drei Monate werden die beiden Nonnen in Stuttgart bleiben – so lange dürfen sie sich ohne Aufenthaltstitel in Deutschland aufhalten. Sie sind im Kolpinghaus untergebracht, teilen sich dort ein Zimmer. Der Alltag ist anders als im Kloster, wo der Tag um 6 Uhr beginnt und streng durchgetaktet ist. Hier wissen sie morgens meist nicht, was der Rest des Tages bringt. Bis irgendwann „Pfarrer Roman“ anruft und ihnen berichtet, wo es diesmal hingeht. Er koordiniert in der Diözese die Hilfen für die geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer. Schwester Solomija und Schwester Magdalena besuchen Gottesdienste, Einrichtungen für Geflüchtete, gehen aber auch auf Demonstrationen. Immer wieder werden sie angesprochen, ob sie für Angehörige in der Ukraine, ob sie für die Männer an der Front beten könnten. Dem Jungen aus Charkiw habe sie versprochen, für seine Großeltern zu beten. Diese seien dort geblieben, erzählt die 45-jährige Magdalena.

Sie verspricht, für die Großeltern in der Ukraine zu beten

Aus Buschta geflüchtet, dem Ort des Massakers

Angesprochen auf ihre Begegnungen in den ersten Tagen in Stuttgart, berichten sie zum Beispiel von einem 70-Jährigen namens Konstantin, den sie vor der Kirche am Fasanenhof trafen. Ihn haben sie angesprochen, weil er ganz verloren dastand. Er ist Witwer, kennt niemanden hier, lebt in einer Unterkunft in der Region mit Geflüchteten aus anderen Weltregionen. Kam dort an mit dem, was er am Leib trug. „Er konnte gar nicht sagen, was er braucht, weil er alles braucht“, schildert sie. Überhaupt sei es ihm schwer gefallen zu reden. Das Erlebte habe ihn sprachlos gemacht. Ihm fehle eine Beschäftigung, um sich abzulenken, habe er dann doch noch gesagt. Eine Mutter und ihre 14-jährige Tochter hingegen hätten aktiv das Gespräch gesucht. Sie lernten die beiden auf einer Demonstration kennen. Sie kämen aus Butscha – nach einer Woche unter russischer Besatzung sei es ihnen gelungen, dem Horror dort zu entkommen. Doch auch auf der Flucht hätten sie Gewalt erlebt, habe die traumatisierte Mutter erzählt.

Nun lassen sie die Bilder aus ihrer Heimatstadt, die die Weltgemeinschaft in Schock versetzt haben, nicht los. Sie seien weiterhin mit den beiden in Kontakt, erzählen die Schwestern. Noch seien diese in der Schleyerhalle untergebracht, aber sie hätten eine eigene Unterkunft in Aussicht.

Ihre Einsätze sind intensiv. Am Sonntag waren die Nonnen abends um 22 Uhr zurück auf ihrem Zimmer. „Wir haben aber erst dann gemerkt, dass der Tag lang war“, sagt Schwester Solomija. Wie finden sie selbst Ruhe? „Im Gebet.“

Schwesterngemeinschaft 1911 gegründet

Orden
Die Ordensgemeinschaft der Heiligen Familie der Ukrainisch-griechischen Katholischen Kirche besteht seit 1911. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die Bedürftigsten zu kümmern. Die Haupttätigkeit des Ordens habe in der Zeit der Sowjetunion in der Arbeit mit Waisenkindern gelegen, heißt es in einer Mitteilung von Pfarrer Roman Wruszczak. Heute gehören dem Orden 57 Schwestern an, die sich auf neun Klöster verteilen. Schwester Magdalena arbeitet in einem geistlichen Zentrum im Kurort Morschyn. Solomija lebt und arbeitet in Dolyna, wo sie sie um Kinder mit Behinderung kümmert. vv

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