Seelsorge in Fellbach Wie Corona auch die Psyche belastet
Angst vor Ansteckung, Kurzarbeit, Kontaktbeschränkungen: all das bedrücke Menschen – sagen Ärzte und Seelsorger.
Angst vor Ansteckung, Kurzarbeit, Kontaktbeschränkungen: all das bedrücke Menschen – sagen Ärzte und Seelsorger.
Fellbach - Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Christos Charisoulis, beobachtet seit Monaten, dass das Thema Corona viele Menschen psychisch sehr belaste. Er hat Anfang diesen Monats die Facharztpraxis von Lothar Berghoff im Fellbacher Ärztehaus in der Cannstatter Straße übernommen, nachdem er dort bereits seit Mitte 2019 tätig war. „Viele Menschen und vor allem solche, die bereits zuvor unter psychischen Erkrankungen litten, sind stark verunsichert. Corona ist auch in unserer Praxis angekommen“, sagt er. Manche regelmäßigen Patienten hätten aus Angst vor Ansteckung ihre Termine abgesagt, andere versuchten, zusätzlich und eilig Notfalltermine zu bekommen.
Da sei einerseits die Angst um sich selbst, als auch die Sorge um eventuell besonders gefährdete Angehörige, die im Krankheitsfall dann auch in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen nicht besucht werden dürften. Dazu komme die permanente Präsenz des Themas: „Das erzeugt Angst, Anspannung und Druck“, sagt der 43-jährige Facharzt.
Das Spannungsniveau in der Gesellschaft sei durch die Hygiene-Regeln, das Maskentragen und die soziale Distanz generell höher geworden. „Die Interaktion zwischen den Menschen ist reizbarer, die Stimmung ist grantiger, für manche ist es besonders schwierig, gewohnte Freiheiten nicht mehr genießen zu können.“ Wer sowieso unter einer psychischen Erkrankung leidet, komme mit all dem noch schlechter zurecht.
Auch dass sich die berufliche Situation für viele verändert habe, belaste zusätzlich, sagt Charisoulis. Im Homeoffice fehlten Rückmeldung und soziale Kontakte, dazu kämen Kurzarbeit und die generelle Sorge um den Arbeitsplatz. Und absehbar sei diese Situation auch nicht, den Menschen werde klar, dass das alles viel länger gehen könnte als vermutet.
„Am häufigsten sehen wir in unserer Praxis Menschen mit Depressionen und Angststörungen“, erklärt Christos Charisoulis. Und gerade die seien es, die am meisten darunter leiden, wenn Tagesrhythmen sich ändern oder feste – vielleicht sogar erst wieder mühsam errungene – Strukturen wegbrechen: „Struktur ist eine ganz wichtige Ressource, um psychische Krankheiten zu verhindern oder besser aus einer Depression heraus zu kommen.“ Seine Praxis habe viele Terminanfragen, und etliche seiner Patienten würden gerne noch engmaschiger betreut werden, sagt der Facharzt für Psychiatrie. Kinder bekämen zwar mit, dass ihre Eltern angespannter seien als sonst, aber generell reagierten sie flexibler auf Veränderungen, ist der Arzt überzeugt.
Aktuelle Forschungen hätten ergeben, dass die Corona-Pandemie auch nach ihrer Abflachung wohl noch eine Welle psychischer Belastungen nach sich ziehen werde: „Bis die menschliche Interaktion wieder so sein wird wie vor der Pandemie, das wird Zeit brauchen.“
Zudem werde unter Fachleuten diskutiert, ob eine durchlittene Infektion langfristig nicht nur innere Organe, sondern auch die Psyche schädigen könne. „Ärzte jeder Fachrichtung werden wohl noch lange Zeit mit den Auswirkungen von Corona zu tun haben“, ist Christos Charisoulis überzeugt.
Auch im seelsorgerischen Bereich werden die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche der Menschen spürbar. Die Pfarrerin Beate Hirsch ist in der Altenheimseelsorge tätig, unter anderem im Philipp-Paulus-Heim in Fellbach. „Erstaunlicherweise können manche Senioren sehr gut damit umgehen, andere sind sehr verunsichert“, sagt sie. Auch viele Angehörige suchten das Gespräch mit ihr: „Solange Besuche möglich sind, ist die Lage akzeptabel.“
Das Maske tragen sei für Angehörige und Pflegepersonal ein sehr großes Handicap: „Schlecht hörende oder demente Menschen sind darauf angewiesen, aus der Mimik ihres Gegenübers zu lesen“, erklärt die Pfarrerin. Auch könne man dementen Senioren die aktuelle Lage und ihre Auswirkungen nur schwer vermitteln. Der absolute Lockdown sei für Heimbewohner „ganz schrecklich“ gewesen: „Für manche ist die Situation wie ein Trigger, alte Ängste kommen wieder hoch, der Alltag wird als beschwerlich und bedrohlich empfunden, das Wegfallen der Unmittelbarkeit schafft Fremdheit“, sagt die Pfarrerin und hofft, dass es mit dem für Besucher im Pflegeheim geplanten Einsatz von Schnelltests nicht mehr nötig sein wird, alte Menschen so sehr zu isolieren wie im Lockdown im Frühjahr.