Der Ritt auf der Wilden Maus, das auf die Spitze getriebene Profane, die pure Lust am Vergnügen. Im Freizeitpark, sollte man meinen, ist die Kirche, ist das Göttliche, besonders weit weg. Höllisch, der Ritt, teuflisch die Lust, sündhaft die Sucht nach dem Kick.
Willkommen an diesem Wintermorgen im Europa-Park. Man kam schon als Kind. Dann wieder, als man selber Kinder hatte. Kommt auch jetzt wieder, da die Kinder aus dem Haus sind. Mehrmals im Jahr. Und man redet Jargon. Wilde Maus ist der Name eines bestimmten Typs Achterbahn, in Rust wird sie Matterhorn-Blitz genannt.
Der Park ist am schönsten, wenn man ihn für sich hat, also ehe alle anderen auch da sind. Mit den beiden Seelsorgern Andrea Ziegler und Thomas Schneeberger geht es durch Island. Nordische Mythologie, heidnischer Kult, die ratternde Holzachterbahn ist nach Wodan, dem einäugigen Himmelsgott benannt. Man könnte einsteigen und drauflostheologisieren: Fährt Gott mit uns Achterbahn? Uninteressant. Den Heidenkult nimmt man gar nicht wahr, und die allermeisten Besucher fahren eh nie Achterbahn.
Was würde Gott davon halten?
Es fällt leicht, all das Schwere und Bedrückende hier abzustreifen, darum sind die Leute hier. Wenn man im Morgenlicht in Leonardo da Vincis Propeller-Gondel durch den Vormittag schwebt, haben sich auch Sinnfragen erledigt. Ein letzter Versuch: Kann man es in diesen entgrenzt tabulosen Zeiten des Anything Goes gutheißen, wenn sich Leute im Freizeitpark eine kirchliche Trauung wünschen? Geht eine solche Zuspitzung nicht über das Erträgliche hinaus?
Andrea Ziegler, evangelische Diakonin, und ihr katholischer Kollege Thomas Schneeberger bekommen solche Fragen immer wieder gestellt. Es langweilt. „Ich bin inzwischen tatsächlich ein bisschen allergisch“, sagt Andrea Ziegler, 48. „Ich finde, es steht uns als Mensch gar nicht zu, darüber zu urteilen, ob jemand hier heiraten will, weil es eine schöne Location ist. Oder aus Glaubensgründen. Ich glaube, es ist immer noch Gott, der wirkt. Und ich glaube, er wirkt überall.“ Oder wie es Thomas Schneeberger, 52, ausdrückt: „Es geht uns darum, als Kirche nicht Dinge immer gleich zu bewerten, wer zum Beispiel was aus welchen Motivationen heraus tut. Wir wertschätzen und machen den Menschen ein Angebot.“
Die Erlebniskonsumenten von heute wollen perfekte Illusionen
Es ist lange her, aber tatsächlich gab es eine Zeit, als die Kirchen das wüste Treiben in Rust beargwöhnten. Sogar an Karfreitag brauste dort die Wilde Maus! Aber die Kirche, in 2000-jähriger Wandlungsfähigkeit erprobt, wäre nicht die Kirche, wenn sie nicht auch darauf eine Antwort gefunden hätte.
Der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski hat sie auf dem Silbertablett serviert. 1998 schrieb er in einer Studie: „Traumnoten für Traumwelten. Hier finden die Menschen, was in vielen Großstädten vermisst wird: Sauberkeit, Sicherheit und Freundlichkeit des Personals.“ Die Erlebniskonsumenten von heute wollten perfekte Illusionen. Und seien auch mit Scheinwelten zufrieden, wenn sie die Wirklichkeit überträfen. Opaschowski nannte die Freizeitparks die „Kathedralen des 21. Jahrhunderts“.
Der evangelische Zirkuspfarrer Martin Lampeitl aus Reutlingen und dessen damaliger Bischof nahmen es wörtlich. Anstatt den Konflikt zu suchen, kontaktierten sie den Europa-Park. Die Betreiber-Familie Mack war froh drum – all die Anfragen um eine Hochzeit oder ein Ehe-Jubiläum hatten sie absagen müssen. 2005 verabredeten die Kirchen und der Park dann eine Kooperation. Bitte macht nicht noch eine Show, sagten die Macks, das machen wir im Zweifel besser!
Die Macks als Schausteller: 250 Jahre Familientradition
Man könnte es für eine Umarmungsstrategie der Parkbetreiber halten, dass sie seinerzeit die Kirchen umgarnten. Aber wer Gründervater Franz Mack, Jahrgang 1921, und dessen gottesfürchtige Frau Liesel noch erlebt hat, weiß, wie unverstellt sich die beiden zum Glauben bekannten.
250 Jahre Familientradition, das ist eine Hausnummer. Um 1780 fingen die Macks mit Fahrgeschäften an, auch wenn es damals Postkutschen und Fuhrwägen für die Landwirtschaft waren. Hundert Jahre später bauten sie ein Orgel-Transportgefährt und entwickelten das Ding weiter für Zirkusleute und Schausteller.
Das klassische Marketing würde heute von Kundenorientiertheit sprechen. Bei den Macks spricht man bis heute von Menschenfreundlichkeit. Senior-Chef Roland Mack hat den Satz, der überm Eingangsportal hängen könnte, geprägt: „Man muss Menschen mögen!“ Dessen Vater Franz fasste den Rahmen noch weiter, er kannte sein windiges Gewerbe und kam für sich zu der Überzeugung: „Es gibt keine kriminelle Spinner und schwierige Menschen, es gibt nur verhaltensoriginelle.“
Der Glaube ist auf die nächste und übernächste Generation übergegangen
Den alten Mack, sagte der alte Pfarrer Lampeitl in einem Abschiedsgespräch 2019, habe umgetrieben, wie die kommenden Generationen das Christentum weiterleben würden. Die Macks bauen seit 100 Jahren Fahrgeschäfte für Schausteller, die wiederum fest im Glauben verwurzelt sind und jedes Fahrgeschäft segnen lassen. Mitten im Park steht die Böcklinkapelle, darin bestattet sind die Gebeine der ursprünglichen Herrscherdynastie. Die Macks als die neuzeitlichen Herrscher kauften den Böcklins Schlosspark samt Renaissanceschloss ab. Der Glaube ist auf die nächste und übernächste Generation übergegangen. Die Kapelle steht bis heute, die Macks ließen zudem eine Norwegische Stabkirche bauen.
Martin Lampeitl und sein katholischer Kollege Andreas Wilhelm mochten seinerzeit nicht als eine Art Wanderprediger den Park durchstreifen. Man einigte sich auf das Konzept einer „kommunikativen Kirche“: Das Erzbistum Freiburg und die Badische Landeskirche stellten die beiden als Park-Seelsorger ab, der Park ließ die beiden ihr Amt nach Belieben ausgestalten. Der Musiker Lampeitl („Jeder Gottesdienst sollte Elemente einer Session im Pub haben und umgekehrt“) gab Konzerte im Irish Pub. Der Benediktiner Andreas Wilhelm setzte auf die Stabkirche als Ruhepol, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.
Der Park ist eine mittelgroße Stadt. Mehr als 5000 Menschen arbeiten hier in der Hochsaison, bis zu 40 000 Gäste drängen sich über Boulevards und durch Gassen. Das Kirchlein, nah am Fjord Rafting, ist auch heute Treffpunkt für die Seelsorger. „Aber unser Versammlungsort ist digital“, sagt Andrea Ziegler, „viele schreiben uns über Instagram an. Leute, die hier geheiratet oder ihr Kind haben taufen lassen, folgen uns.“
Das Kerngeschäft bleibt das persönliche Gespräch
Oder treffen beim Community Day aufeinander. Hundert Menschen aus dem deutschsprachigen Raum, Leute zwischen sieben und 70, die sich zur Schnitzeljagd durch den Park zusammentun. „Die waren nicht wegen der Achterbahn da, die wollten Gemeinschaft erleben“, schwärmt Andrea Ziegler. Und Thomas Schneeberger ergänzt: „Früher war es das Gemeinde- oder Pfarrfest. Heute ist es ein Community Day. Am Abend, nach einem gemeinsamen Abendessen, gehst du anders auseinander. Du hast Leute getroffen, die du noch nie gesehen ist. Mich hat das sehr beeindruckt.“
Das Kerngeschäft bleibt das persönliche Gespräch. Sonntags, wenn Gottesdienst gefeiert wird, sagt Andrea Ziegler, kommen Angestellte und Gäste auf sie zu: „Ich habe dringend Gesprächsbedarf!“ Oder man steht in zivil in einer Gruppe, fängt ein Gespräch an und nach 20 Minuten sagt die mittelalte Dame zu Thomas Schneeberger: „Das passiert mir auch nicht oft, dass ich mit Leuten einfach über solch privaten Sachen spreche. Wer sind Sie eigentlich?“ Das will er sein, sagt Schneeberger: das sympathische Gesicht der Kirche. „Wenn uns das gelingt, jenseits von theologischen, akademischen Fragestellungen, dann ist viel gelungen.“
Thomas Schneeberger ist ausgebildeter Kriseninterventionshelfer. Wenn eine Achterbahn steckenbleibt und Fahrgäste eine halbe Stunde lang im Looping hängen, ist das noch keine Krise, jedenfalls nicht für die harten Fans. „Aber alles, was zwischen Himmel und Erde passieren kann, passiert auch hier“, sagt er. „Die Arme hochreißen, wenn die Achterbahn auf die Gerade schießt – und im nächsten Moment müssen wir Abschied nehmen.“ An seinem ersten Tag im Park gab es eine Trauerfeier für den damaligen Gärtnerei-Leiter. „Es war bewegend zu erleben, wie das Unternehmen, dieser sonst so lärmige Freizeitpark, inmitten der Krise sich versammelt, die Reihen schließt, trauert und gemeinsam Abschied nimmt.“
Ein neuer dienender Geist in die Parkwelt
Von den alten Macks erzählt man sich Geschichten, wie sie Leuten mit schweren Schicksalen geholfen haben. Eine Frau vom Hochschwarzwald, der der Mann weggestorben war, kam mit Roland Mack ins Gespräch. „Ziehen Sie runter von Ihrem Berg, Ihre Söhne können bei uns mitarbeiten und wenn Sie wollen, Sie auch!“ Ein Jahr später, beim Neujahrsempfang, kam eine Frau auf den damaligen Seelsorger Wilhelm zu: „Herr Pfarrer, wollen Sie ein Wunder sehen? Dieser Mann hat bewirkt, dass wir unser Zuhause aufgegeben und hier unten neu angefangen haben.“
Solche Geschichten gibt es bis heute. Andrea Ziegler erzählt von einem Paar von der Ostsee, das sich, inzwischen alt und kränkelnd, noch einmal einen Besuch gönnen wollten. „Die haben mich angerufen und gefragt, ob ich übermorgen Zeit hätte, um an ihrem Lieblingsort einen Segen zu sprechen. Und dann haben wir uns in der Stabkirche getroffen. Sie haben mir ihr Leben erzählt, sich viel von der Seele geredet. Ich glaube, es war ein Highlight in deren Leben: Dieser letzte gesegnete Besuch.“
Mit den beiden jungen Seelsorgern scheint ein neuer dienender Geist in die Parkwelt eingekehrt zu sein. Früher musste mancher Hochzeitswunsch abgesagt werden, heute gibt es übers Jahr rund 100 Anfragen – alle werden erfüllt. Thomas Schneeberger hat auf Kosten der Kirche ein Maskottchen entwerfen lassen, die Plüschhummel Joy. Es gibt ein evangelisches und ein katholisches Bilderbuch, in dem die beiden als Andrea und Thomas auftreten.
Das Freizeitpark-Geschäft ist ein schweres
Andrea Ziegler hat einen 23 Jahren alten Praktikanten an ihrer Seite, den Studenten Silas Höflinger. „Der weiß jetzt schon, was er später einmal machen will: hier arbeiten.“
Das Zirkus-, Schausteller- und Freizeitpark-Geschäft ist ein schweres. Aber es so federleicht daher kommen zu lassen, das ist die große Kunst. Thomas Schneeberger ist fest davon überzeugt, „dass Menschen, die hier am Abend wieder rausgehen, das Gefühl haben, innerlich zu strahlen, indem sie dieses äußerliche Lichtermeer in sich aufnehmen“.
Sie seien dann danach im Auto zwar total erschöpft, aber nähmen etwas mit. So erlebe er es jedenfalls bei seinen Kindern. „Ich glaube, das ist die konkrete Umsetzung einer Vision von gelingendem Leben. Und es ist unser kirchlicher Auftrag, daran mitzuarbeiten. Deswegen haben wir, glaube ich, hier unseren Platz gefunden. Mehr denn je.“