Seelsorger im Krankenhaus Sindelfingen Er nimmt sich Zeit für todkranke Menschen

Die Kapelle am Klinikum Sindelfingen ist unter anderem der Arbeitsort von Martin Süßer. Foto: /Stefanie Schlecht

In seinem Amt als Krankenhaus-Seelsorger hat der Pfarrer Martin Süßer täglich mit Schwerstkranken, Sterbenden und ihren Angehörigen zu tun. Wie geht der 59-Jährige mit der Herausforderung um, und was treibt ihn an?

Martin Süßer ist 22 Jahre lang evangelischer Gemeindepfarrer im Kreis Böblingen gewesen. Nun wagt er einen Neuanfang. Sein Arbeitsort ist nicht etwa eine Kirche, sondern das Sindelfinger Krankenhaus. Dort ist der 59-Jährige, der mit seiner Frau in Holzgerlingen wohnt, seit April als von der Kirche beauftragter Seelsorger im Einsatz. Er kümmert sich mit seinem katholischen Kollegen um schwerkranke Patienten: Drunter sind Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, einen Verkehrsunfall hatten oder an einer unheilbaren Erkrankung leiden und ihre Angehörigen. Ihnen schenkt er ein offenes Ohr.

 

Zum Einstieg machte der Pfarrer erst einmal ein vierwöchiges Pflegepraktikum und lernte die einzelnen Stationen kennen. Er ist überall im Einsatz, die Gesellschaft von Martin Süßer ist bei den Patienten beliebt. Denn der 59-Jährige hat das, was im Krankenhausalltag für viele Ärzte und Pflegekräfte Mangelware ist. Er hat Zeit – Zeit für die Patienten und ihre Angehörigen, und auch Zeit für Klinikmitarbeiter. „Ich bin derjenige, der das Privileg hat, nicht unter Zeitdruck zu stehen“, sagt er über diesen kleinen Schatz, der quasi Hauptbestandteil seiner Jobbeschreibung ist. Der wirtschaftliche Druck im Krankenhaus sei eben enorm. Neben der eigentlichen Aufgabe bleibe nicht viel Raum für ein persönliches Gespräch.

Vom Umgang mit Wut, Ärger und Trauer

Sein erster morgendlicher Besuch führt in mittlerweile meist auf die Intensivstation. Dort liegen Menschen, die schwer verunglückt sind oder erst vor Kurzem eine niederschmetternde Diagnose erhalten haben. „Manche Patienten haben das Bedürfnis, mir etwas zu erzählen. Manche stehen vor einer wichtigen Entscheidung und brauchen einen Rat, und manche wollen, dass ich ihnen etwas vorsinge oder aus einem Buch vorlese“, erzählt der Pfarrer.

Manche Menschen könnten kaum sprechen und seien in ihrem Körper gefangen. Da sitze er manchmal einfach am Bett und leiste Gesellschaft. „Auch die Stille muss man aushalten“, sagt er. Seine Aufgabe sei nicht, die kranken Menschen zu trösten, sondern sie begleiten und zu stärken. Wut und Trauer der Betroffenen müssten herauskommen. „Man muss den Emotionen Raum geben“, sagt Süßer, dem bei der neuen Aufgabe auch seine Ausbildung als geistlicher Begleiter und Exerzitienbegleiter und seine Tätigkeit als Referent für Generationen- und Altenarbeit zugutekommen.

Süßer wird auch gerufen, wenn ein Patient im Sterben liegt, oder sich Personen in einer psychischen Ausnahmesituation befinden. Sei es, weil sie in einen Unfall verwickelt sind, oder ein Angehöriger schwer verunglückt ist. Und er hält Gottesdienste.

Martin Süßer gefällt seine neue Arbeit als Krankenhaus-Seelsorger. Sie sei zwar ganz anders als seine bisherige Aufgabe als Gemeindepfarrer, wo er manche Familien über viele Jahre hinweg begleitet habe und richtige Beziehungen entstanden seien. „Im Krankenhaus kommt man den Menschen in kurzer Zeit sehr nahe. Die Gespräche sind schnell tiefgründig. Es sind Momente intensiver Begegnungen“, sagt der Pfarrer. Manche Patienten würden in den Gesprächen über sich hinauswachsen. „Jeder Mensch hat Ressourcen, die man im Alltag so gar nicht erahnt“, sagt Süßer.

Und es sei auch ein gutes Gefühl, wenn man einer sterbenden Person noch eine letzte Freude bereiten konnte durch eine Art Abschiedsritual. Sei es durch eine Berührung, durch Musik oder durch Worte.

Beim Orgelspielen kommt er zur Ruhe

Doch nicht alle Erlebnisse kann der Pfarrer gleich gut verarbeiten. Es gibt sehr belastende Situationen. Zum Beispiel, wenn todkranke Patienten keinerlei Angehörige oder Freunde hätten. Oder wenn er zu einer sterbenden Person gerufen werde, die eine andere Sprache spreche und das Pflegepersonal nichts über diese Person wisse. Da stoße auch er an seine Grenzen. Aber: „Es ist dennoch nicht immer alles bedrückend und schwer, man lacht auch mal miteinander.“

Wenn er alltägliche Dinge vergesse, sei das für ihn ein Zeichen, dass er überlastet sei. „Dann lege ich mich nach der Arbeit einfach hin und schlafe ganz viel. Danach geht es wieder“, meint er. Als Ausgleich geht der gebürtige Deufringer, dessen Frau ehrenamtlich in der Hospizarbeit tätig ist, zudem im Wald spazieren oder spielt Orgel. „Früher war ich einmal nebenberuflicher Kirchenmusiker“, erzählt er. Jüngst hat sich der Pfarrer ein neues Musikinstrument angeschafft: eine Leier, ein Zupfinstrument. „Der Klang berührt auf eine besondere Art und Weise und kann dort helfen, wo Worte nicht mehr ankommen“, sagt der evangelische Pfarrer.

Hilfe in kritischen Lebenslagen

Klinikseelsorge
 Seelsorgerinnen und Seelsorger stehen Patienten, Angehörigen und Mitarbeitenden des Krankenhauses zur Seite. Sie besuchen Patienten am Krankenbett, begleiten und beraten Angehörige und Mitbetroffene. Seelsorger bringen auch ihren christlichen Glauben ein und begleiten Menschen auch mit Gebeten und Zeichen, die trösten und ermutigen.

Bezahlung
 Die Klinikseelsorge ist eine Einrichtung der evangelischen Landeskirche in Württemberg und der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

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