Seelsorger in der Göppinger Klinik am Eichert Täglicher Spagat von Empathie und Abstand

Achim Esslinger in Schutzkleidung ist auf dem Weg zu Covid-Patienten, die in der Klinik behandelt werden. Die Pandemie macht Seelsorge auf Distanz notwendig. Foto: Giacinto Carlucci

Corona bringt viele Menschen an ihre Grenze, besonders in Krankenhäusern: Der Klinikseelsorger Achim Esslinger aus Göppingen kümmert sich um Covid-Patienten und versucht jeden Tag, die richtige Balance zwischen Zuwendung und Distanz zu finden.

Göppingen - Es gibt Momente, da spüren auch Klinikseelsorger die geballte Wucht der Tragik, der Trauer und des Schmerzes. Vor allem in Situationen, in denen die Corona-Pandemie ihre hässlichste Fratze zeigt. Achim Esslinger erlebt diese Momente nahezu tagtäglich. Der evangelische Pfarrer ist seit 2018 Seelsorger in der Klinik am Eichert in Göppingen und betreut in diesen Monaten speziell Covid-Patienten, weil seine Kollegen zur Risikogruppe zählen. Er begleitet Familien, in denen sich alle Angehörige infiziert haben, manche mit dem Tod rangen, es schafften oder auch nicht. Er steht Familienmitgliedern bei, die kaum mit der Schuld leben können, weil sie das Virus in die Familie trugen und der Opa nun nicht mehr da ist. Und er begleitet Sterbende zu Hause, die offensichtlich schwere Symptome haben, aber den Weg ins Krankenhaus nicht oder nicht rechtzeitig angetreten haben.

 

Achim Esslinger ist Profi. Als koordinierender Notfallseelsorger im Landkreis hat der 55-Jährige schon viel gesehen. Er weiß, wie es ist, wenn das Leben von Patienten nicht gerettet werden kann, wenn Menschen bei einem Unfall Knall auf Fall aus dem Leben gerissen werden, wenn Angehörige aus Wut und Trauer verzweifeln, wenn ein junges Paar sein Baby nicht lebend mit nach Hause nehmen darf. Und doch verlangt auch ihm die Pandemie einiges ab. Das fängt schon damit an, dass er auf Covid-, Verdachts- und Intensivstation nur mit voller Montur gehen darf. Schutzanzug, FFP3-Maske, Visier. „Da gibt es erstens ein Kommunikationsproblem“, sagt Esslinger. „Normalerweise bin ich schwarz gekleidet. Mit der Schutzkleidung sehe ich aus wie eine Pflegekraft, da geht jede Individualität verloren“, schildert der Pfarrer die Schwierigkeit – für ihn, aber auch für die Patienten, die er besucht. Von der erschwerten Atmung ganz zu schweigen.

Die Zuwendung ist distanzierter geworden

In seiner „Komplett-Verkleidung“ spricht er mit den Menschen, die ihn gerufen haben. „Aber ich sollte sie nicht mehr anfassen. Eigentlich gehört das aber zu Seelsorge dazu“, sagt der Geistliche leise. Und wenn, dann findet die Berührung mit Gummihandschuhen statt. Umarmungen sind völlig tabu. „Die Zuwendung ist distanzierter“, fasst Achim Esslinger zusammen. Auch zu den Angehörigen. „Früher saßen wir uns gegenüber, haben zusammen gebetet, geheult und geklagt.“ Heute könne er den Sterbenden begleiten und nach dem Tod segnen – ohne das Beisein der Angehörigen. Für die Ehefrau eines verstorbenen Mannes habe er die kleine Segensfeier per laut gestelltem Telefon übertragen. Die Nachbarin, ebenfalls eine ältere Dame, wollte auch dabei sein. Sie habe aber nicht gewusst, wie sie ihr Telefon laut stellen soll und diesen wichtigen Moment mit ihrem Bekannten verpasst. Unwiederbringlich. „Das Sterben ist einsamer geworden. Das ist für beide Seiten eine Belastung.“

Es sind diese Situationen, die den Pfarrer nachdenklich machen. Das medizinisch gebotene Besuchsverbot in der Pandemie (nur für Sterbende, Kinder und gebärende Frauen ist Besuch erlaubt) lasse Patienten und Angehörige gleichermaßen alleine. Achim Esslinger ist daher für beide da, in diesen Zeiten sogar verstärkt für Angehörige, die telefonisch bei ihm Trost und Zuspruch suchen und sich auch nach dem Befinden des Familienangehörigen im Krankenhaus erkundigen. Und wie sieht es mit den Ärzten und Pflegekräften aus? Brauchen nicht auch sie Unterstützung? „Das kommt selten vor. Die arbeiten sehr konzentriert, einige von ihnen sind bestimmt auch belastet“, berichtet der Seelsorger. Er glaubt, dass der eine oder andere vielleicht Redebedarf hat, wenn die Pandemie vorbei ist.

Das Anziehen der Schutzkleidung ist zur Routine geworden

Für Achim Esslinger war es keine Frage, die Covid-Patienten zu betreuen. Hat er keine Angst vor Ansteckung? „Am Anfang war es mir schon mulmig“, räumt er ein. „Aber die Kirche muss da sein, wo es den Menschen schlecht geht“, lautet sein Credo. Ihm sei aber auch klar gewesen: „Ich muss mich schützen.“ Mittlerweile sei eine gewisse Routine eingekehrt, auch beim Anziehen der Schutzkleidung. Dem Seelsorger ist aber bewusst, dass die Sicherheit trügerisch sein kann: „Ein Fehler beim Ausziehen, eine kleine Unachtsamkeit, dann könnte ich schwer krank werden oder zumindest mal drei, vier Wochen ausfallen.“ Doch die Angst vor einer Infektion sei nicht sein ständiger Begleiter.

Achim Esslinger ist froh, dass das von Seelsorgern, Psychologen, Sozialbetreuern und Sozialdiensten der Klinik ausgearbeitete Konzept für einen Ausnahmezustand wie damals in Italien bisher nicht gebraucht wurde – „Gott sei Dank“. Es sieht vor, dass bei einem katastrophalen Auswachsen der Pandemie auch große Menschenansammlungen betreut werden könnten. Der 55-jährige Göppinger, verheirateter Vater zweier Kinder, macht kein Hehl daraus, dass trotz langer Ausbildung und aller Professionalität auch er manchmal an Grenzen stößt. Zermürbend sei es, wenn sich schwere Covid-Erkrankungen in die Länge ziehen, ohne dass es in eine bestimmte Richtung geht. „Wenn ich merke, dass bei mir selbst was hängen bleibt, wegen der eigenen Biografie, dann muss ich mir Hilfe holen. Und das passiert auch manchmal.“ Grundsätzlich sei es wichtig, als Ausgleich „schöne Dinge zu tun, die einen an einen genügend gütigen Gott glauben lassen“, sagt der Geistliche. Esslinger hofft, dass die Pandemie bis zum Sommer vorbei ist. „Mein Wunsch ist es, dass wir es gut durchstehen, ohne die Menschlichkeit zu verlieren.“

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