InterviewSeelsorgerin aus Nürtingen „Kirche bekommt ein Gesicht“

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Mehr als 70 000 Essen sind in den elf Jahren des Bestehens der Nürtinger Vesperkirche ausgegeben worden. Für die Seelsorgerin der Lutherkirche, Barbara Brückner-Walter, ist der gemeinsame Tisch das größte Inklusionsprojekt der Kirche.

Die Pfarrerin  Barbara Brückner-Walter empfängt die   Besucher der Vesperkirche seit elf Jahren in der Lutherkirche. Foto: Ines Rudel
Die Pfarrerin Barbara Brückner-Walter empfängt die Besucher der Vesperkirche seit elf Jahren in der Lutherkirche. Foto: Ines Rudel

Nürtingen - In der Nürtinger Lutherkirche ist der Tisch wieder gedeckt. Seit elf Jahren lädt die Evangelische Kirchengemeinde dort gemeinsam mit ihren Partnern zur Vesperkirche ein. Die Hausherrin, Pfarrerin Barbara Brückner-Walter, ist von Anfang an dabei. Sie bezeichnet die drei Wochen als ein großes Inklusionsprojekt.

Frau Brückner-Walter, das Ideal der Inklusion geht davon aus, dass jeder Mensch akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilhaben kann – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung. Ist das nicht ein bisschen viel Anspruch für drei Wochen?
Ja, aber so viel gelebtes Miteinander, sowohl unter den ehrenamtlichen Helfern, als auch unter den Gästen, gibt es sonst in der Stadt nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren 70 000 Essen ausgegeben. Menschen aus den verschiedensten Milieus und Gesellschaftsschichten sitzen an einem Tisch. Mehr als 250 Helferinnen und Helfer sorgen jedes Jahr dafür, dass sich die Gäste wohlfühlen.
Bei allem Respekt vor dem Engagement: es ist aber auch nur ein gelebtes Miteinander auf begrenzte Zeit.
Nicht nur. Die Vesperkirche und mit ihr die Begegnungen, die sie ermöglicht, wirkt weit über die drei Wochen im Winter hinaus. Ich werde das ganze Jahr über darauf angesprochen. Richtig ist aber auch, dass wir lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein sind. Eine kleine Insel in einer Welt, in der das Differenzieren und das gegenseitige Ausgrenzen zunimmt.
Viele kleine Tropfen können einen Stein aber auch höhlen. Die Zahl der Vesperkirchen in der Region ist dagegen überschaubar. Die Filder mit ihren drei Großen Kreisstädten sind ein weißer Fleck auf der Landkarte. Müsste es nicht noch mehr Inseln geben?
Natürlich. Auf den Fildern ist sicherlich ein ganz großer Bedarf da. Aber nicht nur dort nimmt die Zahl derer zu, die finanziell nicht mehr über die Runden kommen. Das ganze Land könnte daher noch massenhaft Vesperkirchen brauchen. Und sie wären vermutlich alle voll.
Voll ist ein gutes Stichwort. Die Vesperkirchen platzen aus den Nähten, was man von den Gottesdienste nicht behaupten kann. Sorgt die Vesperkirche denn nicht für mehr Zulauf im regulären Gottesdienst?
Nein, leider nicht. Wir haben an den Sonntagen nach der Vesperkirche auch nicht mehr Besucher in der Kirche. Das muss man akzeptieren. Die Gattung Gottesdienst tut sich als Veranstaltung eben schwer. Andererseits zeigen wir mit der Vesperkirche aber auch, dass Kirche mehr ist, als nur Gottesdienst. Sie hat eine enorme Außenwirkung. Davon, und von dem hohen Ansehen, welches das Projekt in der Öffentlichkeit genießt, profitieren wir über die drei Wochen hinaus.
Inwiefern?
Mit der Vesperkirche bekommt die Kirche ein Gesicht. Mehr noch: Sie hilft uns, unser Profil als Christen zu schärfen. Wir verstecken uns nicht, sondern transportieren mit dem Projekt eine deutliche Botschaft. Wir führen die Vesperkirche ganz bewusst als Veranstaltung der Evangelischen Kirchengemeinden in der Stadt durch.
An wen richtet sich die Botschaft?
Sie richtet sich nach innen, an die Gemeinde. Sie gibt eine Antwort auf die Frage, wie wir als Christen unseren Glauben leben. Aber sie richtet sich auch nach außen in eine vielfältiger und bunter werdende Gesellschaft hinein. Vielen Muslimen beispielsweise drängt sich im täglichen Leben der Eindruck auf, das Christentum sei eine Privatangelegenheit. Nicht nur sie fragen sich, wie und ob wir denn als Christen unseren Glauben überhaupt leben. Mit der Vesperkirche geben wir da eine überzeugende Antwort.
Wird die Antwort auch gehört?
Wer sich umschaut, sieht an den Tischen der Vesperkirche auch muslimische Frauen mit Kopftuch. Das ist ein eher seltener Anblick in einer christlichen Kirche.
Wen hätten Sie denn gerne noch zu Gast?
Es ist uns bisher nicht gelungen, die Flüchtlinge anzusprechen.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Nein. Möglich ist, dass die Hemmschwelle zu groß ist, der Stolz gegenüber der vermeintlichen Armenspeisung überwiegt oder einfach das Essen nicht passt. Über die Gründe können wir nur spekulieren.
Es gibt aber auch Menschen, die darüber nicht allzu traurig sind.
Das ist eine Entwicklung, der wir uns nicht nur als Vesperkirche stellen müssen. Die Menschen, die hier in prekären Verhältnissen leben, fühlen sich immer häufiger allein gelassen. Das betrifft nicht so sehr die Hilfen der öffentlichen Hand, als vielmehr die ehrenamtlichen Strukturen. Wenn sich alles auf die Flüchtlinge konzentriert, besteht die Gefahr, dass diese Menschen noch mehr ins Hintertreffen geraten.

Die Fragen stellte Thomas Schorradt.