„Seemannsgarn“ im Alten Schauspielhaus Großes Vergnügen mit Seemanns-Ohrwürmern
Bei der Uraufführung des Lieder-Potpourris „Seemansgarn“ im Alten Schauspielhaus in Stuttgart trifft das Comedian-Harmonists-Ensemble souverän jeden Ton.
Bei der Uraufführung des Lieder-Potpourris „Seemansgarn“ im Alten Schauspielhaus in Stuttgart trifft das Comedian-Harmonists-Ensemble souverän jeden Ton.
Man staunt über sich selber, weit von der deutschen Küste und von Hamburg entfernt, wie vertraut einem Seemannsklischees sind, etwa der Klabautermann, der Seglergruß „Mast- und Schotbruch!“, Skorbut oder Matrosen, die Hein heißen.
Das Lieder-Potpourri „Seemannsgarn“, jetzt im Alten Schauspielhaus uraufgeführt, spart nicht mit derartigem Viermaster-Vokabular, und auch die Bühne (Ausstattung: Beate Zoff) zeigt eine liebevoll-naturalistische Hamburger Hafenkneipe mit Schiffsmodellen, „Seestücken“ und Freddy-Quinn-Plattenhüllen an der Wand.
Hier residiert die resolute Wirtin Maria mit ihrer Tochter, der VWL-Studentin Sybille. Heiligabend. Maria hat einen ESC-Contest („European Seemannslieder Contest“) ausgerufen, den sie mit sechs Herren bestreitet. Es ist das sechsköpfige Comedian-Harmonists-Ensemble (musikalische Leitung und Arrangements: Florian Fries am Piano), das erst im Juli bravourös in der Komödie im Marquardt gastierte.
„La mer“ – was für ein traumhaft samtiges Chanson! „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ ist dagegen handfester. Der charakteristische Comedian-Harmonists-Sound mit dem betörenden Falsett erklingt bei dem wunderbar zarten Lied „Ein bisschen Leichtsinn kann nicht schaden“. Doch dies ist kein Comedian-Harmonists-Abend, wenngleich der typische Summton immer wieder anklingt.
Ansonsten musizieren die beiden Damen und die sechs Herren einfach höchst professionell, bisweilen mit sechs Instrumenten, und treffen bei jedem Song souverän und amüsant den richtigen Ton. Frank-Lorenz Engel (Buch, Regie und Choreografie) hat den Liedreigen mit Sprechtexten verknüpft, die eine Liebes- und Familienzusammenführungs-Schmonzette bilden. Etwas flau und klischeehaft, bisweilen aber auch witzig sind die Dialoge geraten. Auf der Bühne ist viel Bewegung, man singt nicht nur, sondern tanzt auch ganz locker und leicht.
Die Songs reißen allesamt mit, etwa „Ich werde mich an den Jonny schon gewöhnen“, mit schönem Sopran dargeboten von Birgit Reutter. „Penny Lane“ von den Beatles auf „Reeperbahn“ umgemünzt (das sind auch drei Silben) klingt klasse. Und wie erfrischend ist es, wenn Lénárd Kókai den Ohrwurm „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ mit hoher Stimmlage singt und man das Gedröhne von Hans Albers sofort vergisst. Schön ist auch eine zeitgenössisch inspirierte Textabweichung: Statt „Ob du’n Mädel hast oder ob kein’s“ erklingt: „Ob du’n Mädel hast oder Karl-Heinz“. Michael Rapkes Michael-Jackson-Persiflage mit „Bad“ ist ein Knaller. Herausragend agiert Antje Rietz als Wirtin der „Hafenklause“. Das Couplet „Enthüllungen einer Striptease-Tänzerin“ von Günter Neumann hat einen geradezu Brechtschen Tonfall. Rietz (die übrigens auch Trompete spielt) singt den lakonischen Text ganz wunderbar mit ihrer klaren, schön nüchternen Stimme.
Zu erleben ist ein gekonnt arrangierter musikalischer Abend, dem man sich mit wohligem Vergnügen hingeben kann. Das Publikum dankt mit viel Beifall im Stehen.
Seemannsgarn:Altes Schauspielhaus, weitere Aufführungen bis 25. Januar.