Sehbehinderte im Schmidener Sportpark Mit blindem Vertrauen durch den Klettergarten

Rainer Rückle, der Projektlieter des Hochseilgartens in Schmiden, coacht die sehbehinderten Kinder und Jugendlichen. Foto: Nicklas Santelli
Rainer Rückle, der Projektlieter des Hochseilgartens in Schmiden, coacht die sehbehinderten Kinder und Jugendlichen. Foto: Nicklas Santelli

Im Schmidener Sportpark stellen sich sehbehinderte Kinder einer ganz besonderen Herausforderung in schwindelerregender Höhe.

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Schmiden - Auf einem zwei Zentimeter dicken Seil entlang zu balancieren, ist eine wacklige Angelegenheit. Das Ganze in schwindelerregender Höhe eine persönliche Herausforderung. Dabei die Augen schließen? Bei vielen mag allein der Gedanke daran ein mulmiges Gefühl auslösen.

Koray und seine Freundinnen Anna, Marie und Aika kennen es nicht anders. Die vier Freunde sind blind – und das schon seit sie klein sind. Sie kennen sich aus der Schule, der Betty-Hirsch-Schule von der Nikolauspflege am Kräherwald in Stuttgart. Je nach Art der Sehbehinderung lernen die Schüler dort mit verschiedenen Methoden, etwa das Lesen unter Schwarzlicht oder die Brailleschrift. Sie besteht aus ins Papier gepresste Punktmustern und wird mit den Fingerspitzen gelesen.

Am Wochenende feierte Koray seinen 13. Geburtstag im Hochseilgarten Fellbach im Sportpark Schmiden. „Wir haben lange überlegt, wo und wie wir seinen Geburtstag feiern können“ sagt Korays Mama Sonny Utan. „Für Blinde ist die Auswahl nicht allzu groß.“ Als sie ihrem Sohn den Hochseilgarten in Schmiden vorschlug, war der Feuer und Flamme. Und auch Rainer Rückle, der Leiter des Parks, war sofort von der Idee überzeugt. „Wir hatten noch nie eine Gruppe von Blinden bei uns im Hochseilpark. Das ist auch für uns eine neue Erfahrung und Herausforderung.“

Die Aufregung vor dem Start ist den Kindern sichtlich anzumerken

Die Aufregung vor dem Start ist den Kindern sichtlich anzumerken. Ob das auch wirklich alles sicher sei, wollen sie noch das ein oder andere mal klären, bevor es ans Üben geht. Noch auf dem Boden werden die Karabiner ertastet und es wird ausprobiert, wie das Ein- und Umhängen mit ihnen funktioniert. Jedes Kind hat einen persönlichen Klettertrainer. Das Vertrauen zu ihm ist das A und O. Er stützt, erklärt jeden noch so kleinen Schritt und macht Mut.

Den brauchen die Kinder auch, erklärt Koray, denn „für uns ist der Parcours besonders schwierig, weil wir ja alles ertasten müssen.“ Bei Aika ist der Wille um einiges größer als die Angst. „Mein Ziel ist es, den ganzen Parcours durchzuklettern!“

Dann geht es auch schon los. Während die Kinder an Krampen Baumstämme hochklettern und in der Höhe auf Seilen balancieren, feuern sie sich an und jubeln sich gegenseitig zu, wenn wieder jemand eine Etappe gemeistert hat. Das „blinde Vertrauen“ der Kinder auf die Betreuer und die Ausrüstung ist bewundernswert. Wegen der Genauigkeit, mit der sie ihre Aufgaben meistern, vergisst man beim Zusehen immer wieder, dass es sich um Blinde handelt.

Die nächste Station ist das Entlanghangeln an einem Netz. Als Koray auch diese Etappe erfolgreich abschließt, hält ihm der Trainer Chris die Hand zum Einschlagen entgegen – vergeblich. Mama Sonny lacht. „Tja, das passiert eben immer mal wieder. Man vergisst einfach, dass sie nichts sehen.“

Koray ist an den Folgen seiner frühen Geburt in der 23. Woche erblindet. Dadurch nimmt er jedoch Geräusche und Gerüche viel intensiver wahr. „Eine Überraschung, was es zum Mittagessen gibt? Das ist bei unserem Sohn unmöglich“, erzählt Papa Öner. „Er riecht es sofort.“ Auch habe Koray eine unglaubliche Auffassungsgabe, er lerne schnell und viel. „Die Kids hören immer aufmerksam zu. Das unterscheidet sie vielleicht von Gleichaltrigen, die sehen können.“ Außerdem erweckt es den Eindruck, dass die blinden Kinder auffällig nett und fürsorglich miteinander umgehen. Anders, als man es von vielen Sehenden im frühen Teenageralter gewohnt ist.

Der Höhepunkt im Hochseilgarten ist der „Flying Fox“, gestartet wird auf zehn Metern Höhe

Der Höhepunkt im Hochseilgarten ist der „Flying Fox“. Gestartet wird auf zehn Metern Höhe. Den Klettergurt an ein 50-Meter-Stahlseil gehängt, saust man mit beachtlicher Geschwindigkeit Richtung Boden. Nacheinander kommen alle unten an, jeder mit einem noch breiteren Grinsen im Gesicht. „Das war wie Seilbahn fahren, nur viel cooler“ meint Marie. Ihre Zwillingsschwester Anna will am liebsten nochmal fahren. Aika ist stolz auf sich. „Ich hab’ mein Ziel erreicht!“ Und auch Koray ist überglücklich, dass er es geschafft hat.

Ein krönender Abschluss für die Kinder ist Rainer Rückle in seinem Park definitiv gelungen. Der Projektleiter des Hochseilgartens ist mehr als nur zufrieden. „Als mich Korays Mutter gefragt hat, ob wir auch mit einer Gruppe Blinder klettern würden, war ich sofort begeistert. Aber dass wirklich alles so gut klappt, hätte ich nicht erwartet. Ich dachte, die Kinder würden viel mehr Unterstützung brauchen.“

Zum Abschluss grillen die jungen Tarzane auf dem Sportgelände und tauschen sich dabei aufgeregt über die Erlebnisse aus. Sowohl sie, als auch Rainer Rückle und sein Team haben die neue Aufgabe erfolgreich gemeistert.




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