Sehenswerte Schau in Heilbronn Was Heilbronns neues Museum besser macht
Geschichte ist langweilig? Im Deutschhof Heilbronn wurde eine ungewöhnliche Zeitreise inszeniert zum Fühlen, Staunen – und Lernen.
Geschichte ist langweilig? Im Deutschhof Heilbronn wurde eine ungewöhnliche Zeitreise inszeniert zum Fühlen, Staunen – und Lernen.
Immobilienhändler wissen ein Lied davon zu singen: Lage ist das A und O. Das galt letztlich schon vor 4000 Jahren. Wer damals an wichtigen Knotenpunkten lebte und die Verteilung von begehrten Rohstoffen kontrollierte, der konnte sich dumm und dämlich verdienen. Denn Kupfer und Zinn waren begehrt, weil sich mit ihnen Bronze herstellen ließ. Und das bedeutete, seine Siebensachen nicht mehr mühsam aus Holz, Stein oder Knochen fertigen zu müssen, sondern endlich fast jede gewünschte Form gießen zu können – und das sogar in Serie.
Als um 2200 vor Christus die Bronzezeit begann, führte der neue Werkstoff Bronze zu großen Veränderungen. Es entstanden spezialisierte Berufe; man begann, Wissen und Material mit anderen Kulturen zu tauschen. Es wurden nun aber auch all die schönen Schmuckstücke gefertigt, die gewöhnlich in Museen sicher in Vitrinen verwahrt werden. Jetzt kann man sich einen dieser kunstvoll geschlungenen Armreifen selbst ums Handgelenk legen oder eine bronzene Radnadel berühren, mit der die Menschen einst Mäntel und Umhänge zusammenhielten. Original sind sie freilich nicht, aber die Nachbildungen berühren zu dürfen, ist einprägsamer als so manches Objekt hinter Glas.
Im Museum im Deutschhof in Heilbronn lässt sich Geschichte nun auf ungewöhnlich lebendige und sinnliche Weise erleben. Hier kann man schnuppern, wie die Kältesteppe riecht, dort streichelnd das Sommer- mit dem Winterfell eines Rentiers vergleichen. Die Sinne werden auf vielerlei Weise gekitzelt in der neuen Sammlungspräsentation „1 für alle“. Denn die Heilbronner Museen haben – wie so viele Häuser – ganz unterschiedliche Sammlungen: Archäologie, Kultur- und Kunstgeschichte, aber auch Fundstücke aus der Natur. Und mit ihnen ist nun ein anschaulicher Streifzug vom Jura bis in die Bronzezeit durch die Vergangenheit inszeniert worden – am Beispiel von Heilbronn und der Region.
Und als im Trias-Zeitalter die Erdteile noch zusammenhingen, lagen Heilbronn und die Region auf dem Superkontinent Pangäa südlicher als heute – und zwar mitten im Wüstengürtel der Erde. Es hat 100 Millionen Jahre gedauert, bis das Schichtstufenland entstand, auf dem das heutige Leben stattfindet. Ohne sich in allzu komplizierten Details zu verlieren, kann man in der Ausstellung erfahren, wie diese Entwicklungen vonstatten gingen und dabei imposante Objekte bestaunen – etwa riesige Salzbrocken aus dem Heilbronner Salzlager, die entstanden, als Meerwasser verdunstete. Ob Salz- oder Sandstein – die Ausstellung schlägt immer wieder den Bogen in die Gegenwart und zeigt, wie wichtig diese Bodenschätze noch heute sind – ob als Grundlage für Schotter, Kies und Splitt oder für Badesalz.
An sich wollen Museen protzen mit ihren Schätzen, sodass das Publikum in den Sammlungspräsentationen meist erschlagen wird von der Fülle des Immergleichen. Hier nicht. Die wenigen Originale wurden sorgfältig ausgewählt und dem didaktischen Konzept untergeordnet. Ziel dieser Neupräsentation ist nicht, zu zeigen, was Heilbronn besitzt oder was die Kuratoren stolz erforscht haben, sondern es geht allein darum, dem Publikum die verschiedenen Epochen der Vergangenheit möglichst verständlich zu vermitteln und vielleicht auch bewusst zu machen, dass das Hier und Jetzt nicht das Maß aller Dinge ist.
Besonders reizvoll sind dabei die Fundstücke , die in der Region ausgegraben wurden – zum Beispiel Gussformen, mit denen im 9. und 8. Jahrhundert vor Christus Sicheln hergestellt wurden. In Heilbronn-Neckargartach hat man sogar zahllose dieser Formen aus Lettenkeupersandstein entdeckt – und sie können bestens veranschaulichen, wie die Bronzeklingen gegossen und bearbeitet wurden. Das Kupfer, das man hierzu benötigte, kam aus den Alpen, das Zinn aus Osteuropa, Spanien oder England. Auch in der Bronzezeit war man also schon vom Welthandel abhängig.
Noch ist die bereits eröffnete Neupräsentation nicht abgeschlossen, einige Vitrinen sind noch leer – und doch setzt dieses neue Konzept Maßstäbe in der Museumsarbeit, weil hier Wissensvermittlung nicht mehr allein über Texte stattfindet. Plötzlich scheinen die Beile, Äxte oder Keramikgefäße selbst zu sprechen und zu erzählen, wie die Menschen in der Jungsteinzeit sesshaft wurden. Dadurch benötigten sie neue Werkzeuge und auch Pflüge, um den fruchtbaren Lössboden zu bestellen. Auch das Zusammenleben der Gemeinschaften musste nun organisiert werden, und man begann, die Toten auf Gräberfeldern zu bestatten.
Auch das Thema Klimawandel taucht auf im Zusammenhang mit der Eiszeit, in der Mammuts, Waldelefanten und Nashörner die Heilbronner Region bevölkerten. Wind, Wasser und Eis formten die Landschaft, und es gab extreme Klimaschwankungen. Sind unsere Wetterkapriolen also normal? An einer Hörstation erzählt der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, wie sein Haus 2021 bei Starkregen überflutet und das gesamte Dorf zerstört wurde. Auch wenn es immer Kalt- und Warmzeiten auf der Erde gab, erklärt er, liefen die klimatischen Veränderungen derzeit mit deutlich höherem Tempo ab als zu früheren Zeiten.
Quartier
Der Deutschhof ist ein abgeschlossenes Quartier, das auf die 1225 gegründete Heilbronner Kommende des Deutschen Ordens zurückgeht. Heute sind hier die Sammlungsbestände der Städtischen Museen Heilbronn untergebracht.
Ausstellung
Geöffnet Di 10 bis 19 Uhr, Mi bis So 10 bis 17 Uhr.