Sehenswürdigkeiten im Kreis Esslingen Sechs geschichtsträchtige Kapellen

Die Nikolauskapelle in Esslingen galt vor allem im Mittelalter als Ruheort. Foto: Roberto Bulgrin/bulgrin

Im Kreis Esslingen gibt es so manche Kapelle mit beeindruckender Historie, die oft viele Jahrhunderte zurückreicht. Ein Überblick.

Region: Corinna Meinke (com)

Gemeinsam mit der Pliensaubrücke gilt die Innere Brücke in Esslingen als eine der ältesten Steinbrücken nördlich der Alpen. Unter ihr fließen heute der Roß- und der Wehrneckar hindurch. Im Jahr 1286 erbaut, ist sie eine Meisterleistung der mittelalterlichen Baukunst in Esslingen.

 

Als einmalig in Deutschland dürfen die drei Brückenhäuschen und die Nikolauskapelle, die auf den Brückenpfeilern errichtet wurden, angesehen werden. Schon immer war die Innere Brücke eng bebaut und genoss eine besondere Lage an dem Handelsweg, auf dem wertvolle Waren wie Seide, Gold, Edelsteine, Gewürze und Wolle von Flandern über Esslingen und Ulm bis nach Italien und von den Märkten in der französischen Champagne bis nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, transportiert wurden.

Kaufleuten, Flößern, Pilgern und Schiffern diente die Nikolauskapelle jahrhundertelang als Anlaufstelle. Sie ließen sich dort seit dem 14. Jahrhundert segnen; die drei Brückenhäuschen sind deutlich jünger: Sie kamen erst im 18. Jahrhundert dazu.

Heiliger Nikolaus von Myra

Die in gotischem Stil gebaute Kapelle, die dem heiligen Nikolaus von Myra geweiht ist, gilt als die einzig erhaltene von früher einmal 17 Esslinger Kapellen. Im 16. Jahrhundert wurde die Brückenkapelle zum Verkaufsstand umgewandelt, und in der Zeit von 1822 bis 1848 war sie die erste Werkstatt der Feilenfabrik Friedrich Dick. Der Verschönerungsverein nutzte die Kapelle von 1880 an, um allerlei Antiquitäten aufzubewahren. Historisches ist heute auch in einem Lapidarium unter den drei Brückenbögen untergebracht: Dort finden sich Überreste des alten Karmeliterklosters aus dem 13. Jahrhundert.

Die Nikolauskapelle selbst ist inzwischen eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. So hatten es der Gemeinderat und der damalige Oberbürgermeister Dieter Roser 1956, gut ein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, beschlossen. Zur Straßenseite ist die Kapelle durch ein Gitter verschlossen, das einen Blick ins Innere und auf eine entsprechende Inschrift gestattet.

Das älteste Gebäude von Wernau

Auf einer kleinen Anhöhe gelegen, bietet die Kapelle Maria Hilf einen schönen Blick über Wernau. Der Bau der kleinen, einschiffigen Saalkirche aus der Zeit der Gotik hängt mit der damaligen Pestwelle zusammen: Die Einwohner von Steinbach, das 1938 in der heutigen Stadt Wernau aufgegangen ist, bauten die Kapelle zu Ehren Marias 1667 als Dank dafür, dass sie vor der Pest bewahrt worden waren.

Noch heute erinnert an diese Entstehungsgeschichte die Figur links neben dem Altar. Sie stellt den heiligen Sebastian dar, der als Schutzpatron vor der Pest gilt. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich eine Darstellung des heiligen Nepomuk, der als Schutzpatron gegen Überflutungen durch den Steinbach verehrt wurde. An Maria Himmelfahrt finden in der Kapelle, die als das älteste Gebäude in Wernau gilt, Gottesdienste statt. Um 1850 bereitete sich Anselma Bopp, die später die sogenannten Thuiner Franziskanerinnen gründete, in der Kapelle auf ihr Klosterleben vor.

Vor der Kapelle befinden sich heute ein ein Kräutergarten und ein Brunnen. Ein Kriegerdenkmal an der Ostseite erinnert an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

Die Ottilienkapelle und ihre Quelle

Die Plochinger Ottilienkapelle, die 1328 geweiht wurde, steht auf geschichtsträchtigem Boden, da hier bereits in vorchristlicher Zeit eine Kultstätte bestanden hatte. Die Kelten verehrten das dortige Quellheiligtum, heute als Ottilienbrunnen bekannt, dessen Wasser man zuschrieb, es lindere und heile Augenleiden.

Die heilige Ottilie, die um 660 im Elsass blind geboren wurde, aber der Legende nach durch das Taufwasser die Sehkraft erhielt, gilt als Schutzpatronin der Sehbehinderten und Blinden. Vor der Kapelle an der Kirchmauer befindet sich das bronzene Ottilienbrünnele, das Karl Ulrich Nuss 1978 gestaltet hat. Heute spendet die salinische Bitterquelle Mineralwasser aus 90 Meter Tiefe. Im Chor erinnert ein zwölfteiliger Bilderzyklus von 1432 an die Ottilienlegende.

Von den um 1380 entstandenen 15 Fresken, die in der Kapelle die Leidensgeschichte Christi zeigen und später übertüncht wurden, konnte der Restaurator Lothar Bohring 1993 nur noch sechs nachmalen. Im selben Jahr wurden Teile des ursprünglichen Fußbodens entdeckt. Die reich verzierten Terrakottafliesen sind heute – geschützt unter Panzerglas – zu sehen.

Vom Wellinger Kirchle blieb nur der Turm

Viel war von der Sankt Georgskapelle nicht mehr übrig. Dennoch fand sich 1976 eine Bürgerinitiative „Wellinger Kirchle“ zusammen, die sich für den Erhalt des Bauwerks einsetzte, von dem nur der Turm übrig geblieben war. Die Kapelle selbst – sie stammte aus dem Mittelalter – war Ende des 17. Jahrhunderts eingestürzt. Vermutlich fehlten der Gemeinde damals die finanziellen Mittel, um sie zu erhalten. Immerhin blieb neben dem Turm auch die 1450 in Esslingen gegossene Glocke übrig. Der stattliche Turm wurde bereits 1925 von örtlichen Handwerkern renoviert. Später gestaltete die Bürgerinitiative, die von Otto Kuppinger gegründet worden war, den Kirchplatz unter der Friedenslinde neu, an dem zuvor auch das Milchhäusle gestanden hatte.

Seit 1978 wird das Kirchle als Dorfmuseum genutzt, und das jährliche Kirchlesfest hat sich seither ebenfalls etabliert. 1979 wurde die Bürgerinitiative vom Land Baden-Württemberg als „vorbildliche kommunale Bürgeraktion“ ausgezeichnet, und 1981 ging aus der Bürgerinitiative der Verein „Förderkreis Wellinger Kirchle“ hervor. Zuletzt wurden das Ziffernblatt der Uhr verkupfert und das Kirchle 2001 außen renoviert.

Kirche mit besonderen Fenstern

Die gelbe Muschel auf blauem Grund weist Pilgerinnen und Pilgern auch den Weg nach Bodelshofen, das an einer Querspange des Jakobswegs liegt. An der dortigen Jakobskirche können sich die Wanderer ihren Stempel abholen und einen Blick in die Dorfkirche romanischen Ursprungs werfen; der Bau geht auf das Jahr 1275 zurück. In dem gotischen Kirchenschiff ist ein Wandfries aus dem 15. Jahrhundert zu sehen, der die Passionsgeschichte illustriert. Der Name der kleinen Kirche geht auf den Apostel Jakobus zurück.

Bekannt ist die Kapelle vor allem auch für ihre besonderen Glasfenster. Der Künstler und Glasmaler Hans-Gottfried von Stockhausen, der in Stuttgart, Washington und Edinburgh lehrte und 2010 in Remshalden-Buoch (Rems-Murr-Kreis) gestorben ist, schuf für die Kapelle in Bodelshofen insgesamt vier Glasfenster. Das erste Werk, das heutige Südfenster, entstand im Jahr 1953, weitere folgten 1986, 1990 und 1996. Auch in der Eusebiuskirche in Wendlingen finden sich Chorfenster, die von Stockhausen entworfen wurden; sie entstanden in den Jahren 1957 und 1962. In der Jakobskirche Bodelshofen finden bis heute mehrmals im Monat Gottesdienste statt.

Kapelle mit langer Geschichte

Seit Jahrhunderten ist die Kapelle auf dem Friedhof im Wendlinger Ortsteil Unterboihingen ein fester Anlaufpunkt für Gläubige. Ihr ursprünglicher Name geht auf den Wandermönch und Missionar Columban (auch Kolumban) von Luxeuil zurück, der im Jahr 540 geboren wurde. Neben den Unterboihingern pilgerten auch Gläubige aus der weiteren Umgebung zu der Kapelle, die ursprünglich „Ad sanctum Columbanum im Hürnholtz“ hieß.

Ihre genaue Entstehungszeit ist unklar, man vermutet, dass sie vor dem Jahr 1100 gebaut wurde, dafür sprechen die Grundmauern des Turmes. Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Kapelle, die zur Diözese Konstanz gehörte und lange Zeit die einzige Pfarrkirche im Dorf war, im Jahr 1275 in Verbindung mit der Zahlung einer Kreuzzugssteuer. Als im 15. Jahrhundert in der Ortsmitte eine neue Kirche gebaut wurde, übertrug man den Namen Sankt Kolumban auf den Neubau, und aus der Friedhofskapelle wurde die „Kapelle zu Unserer Lieben Frau im Hirnholz“. Bei Renovierungsarbeiten wurden dort Wandmalereien entdeckt. Bis heute ist das Kirchlein ein kunstgeschichtliches Schmuckstück, das für Gottesdienste und Andachten genutzt wird.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Esslingen Sehenswürdigkeiten