Sehenswürdigkeiten in Stuttgart Stuttgart spielt Verstecken

Bei der Neueröffnung im August 2020 auffällig markiert: das Hegelhaus in der Eberhardstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Stadt hat oft ein seltsam distanziertes Verhältnis zu sich selbst und zu ihren Schätzen, findet Jan Sellner, Leiter der Lokalredaktion. Sie sollte sie besser präsentieren.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Man stelle sich Stuttgart als Spiel vor. Spielidee ist es, die sehenswertesten Orte der Stadt zu finden. Eine knifflige Aufgabe für die ganze Familie, weil kaum Hinweisschilder existieren, die Auskunft geben würden, wo sich diese Orte befinden. Man verirrt sich daher leicht. Der Weg ist außerdem gepflastert mit allerlei Hindernissen, etwa Baustellen und schulterzuckenden Passanten. Wer es dennoch schafft, Stuttgarts Sehenswürdigkeiten zu finden, darf sich als Gewinner fühlen.

 

Natürlich ist das übertrieben. Aber nur maßvoll und nicht maßlos. Denn in der Tat beschleicht einen auf dem Weg durch die Stadt häufig das Gefühl, Stuttgart spiele Verstecken mit sich selbst. Aus nicht bekannten Gründen hat sich die Stadt eine merkwürdige Zurückhaltung auferlegt, was ihre Attraktionen, besonders ihre Kleinode, betrifft. Es gibt sie. Zweifellos. Doch wo verstecken sie sich? Man muss sie suchen. Es fehlt an freundlichen Hinweisen und aufmerksamem Geleit.

Stuttgarts Leuchttürme blinken zu selten

Im Internet wirkt Stuttgart weniger in sich gekehrt. Das Stadtmarketing listet akkurat auf, was die Landeshauptstadt zu bieten hat – von der Staatsgalerie bis zum Schweinemuseum. Und ja, es gibt Stadtführungen und Sightseeingtouren mit roten Doppeldeckerbussen. Damit einher geht jedoch oft ein eher förmliches Verhältnis zur Stadt. Woran es mangelt, ist ein selbstverständlicher, selbstbewusster Umgang mit Orten, Häusern und Einrichtungen, die Stuttgart besonders machen. Und damit auch ein tieferer Bezug zur Stadtgeschichte. Diese Stadt hat Daimler und Porsche hervorgebracht und vieles mehr: die Weißenhofsiedlung, die zum Weltkulturerbe gehört, und das Stuttgarter Ballett, das Weltruf genießt. Daneben existieren viele andere große und kleine Leuchttürme, die jedoch viel zu selten blinken: Stuttgarts Orchester etwa oder sein einzigartiger Bodenschatz: die Mineralquellen.

Stuttgart ist die Stadt der schlummernden Schätze. Sie müssen besser zugänglich gemacht und präsentiert werden. Hier kann es tatsächlich passieren, dass man jahrelang am Geburtshaus des größten Sohnes der Stadt, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, in der Eberhardstraße vorbeigeht. Und auch jetzt, im Jahr des 250. Geburtstags des Philosophen, führt einen der Weg – trotz freien Eintritts – nicht automatisch in das vorbildlich renovierte Haus mit seinem sehenswerten Museum. Wo bleibt das Interesse? Diese Frage richtet sich immer auch an die Stuttgarterinnen und Stuttgarter selbst. Gleichzeitig ist es bürgerschaftlichem Engagement zu verdanken, dass Orte wie das Hotel Silber erhalten geblieben sind.

Ein Vorschlag für Wahlplakate: „Stuttgarts Schätze heben!“

Eckstein, Eckstein, Stuttgart muss versteckt sein! Warum eigentlich? Die distanzierte Haltung der viermaligen Kulturhauptstadt zu sich selbst ist mit landestypischer Zurückhaltung allein nicht zu erklären. Sie spiegelt sich in den verhalten geführten Diskussionen um einen angemessenen Ort für das Linden-Museum und für ein Konzerthaus. Oder in der zu geringen Beachtung, die viele kleine Theater und Ensembles erfahren.

Die OB-Kandidaten sollten auf ihre Plakate schreiben: „Stuttgarts Schätze heben!“ oder etwas Ähnliches. Jedenfalls sollte die Stadt sich ihrer Schätze erinnern und mal was anderes als Verstecken spielen. Zum Beispiel „Memory“!

jan.sellner@stzn.de

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