Seilbahn von Schönaich nach Böblingen Keine Spinnerei, sondern Pilotprojekt
Die Idee einer Seilbahn vom Rauhen Kapf nach Schönaich hat Charme, wirft aber auch eine Reihe von Fragen auf.
Die Idee einer Seilbahn vom Rauhen Kapf nach Schönaich hat Charme, wirft aber auch eine Reihe von Fragen auf.
Das Jahr 1954 war ein Schicksalsjahr für den Rauhen Kapf: Damals siedelte die IBM sich auf dem idyllischen Fleckchen Erde an der Hangkante Richtung Schönaich an. Im selben Jahr tuckerte allerdings auch der letzte Personenzug auf der Bahnstrecke Richtung Schönaich. Die Linie wurde daraufhin stillgelegt, Schönaich dann im Jahr 1959 endgültig vom Schienenverkehr abgehängt. Da rollte dann auch der letzte Güterzug übers Gleis. Die Nachbarstadt Böblingen allerdings florierte, nicht zuletzt dank IBM und Hewlett-Packard, die die Stadt im Südwesten zu einem der Hightech-Standorte der noch jungen Republik machten.
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Und knapp 70 Jahren später? IBM in Böblingen hat noch immer einen guten Klang in der Branche, dort forschen sie an Datenservern und Technologien für den Quantencomputer. Doch die IBM auf dem Rauhen Kapf ist vom kommenden Jahr an Geschichte, sie siedelt nach Ehningen um. Stattdessen entsteht auf dem Rauhen Kapf ein neuer Stadtteil mit Häusern in innovativer Holzbauweise, nachdem der Immobilienunternehmer Norbert Ketterer – ein ehemaliger Böblinger – der IBM das Gelände im Jahr 2018 abgekauft hatte. Jetzt wurde erstmals sichtbar, was sich Stadt und Architekten dort vorstellen können. Und das lässt aufhorchen.
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Die markanteste Idee ist der Bau einer Seilbahnverbindung nach Schönaich. Sie soll die Endhaltestelle der Schönbuchbahn am Zimmerschlag sowohl mit dem neuen Stadtteil als auch mit Schönaich verknüpfen. Ist das nur Spinnerei? Größenwahn der Planer? Durchaus nicht. Die Stadt Böblingen bekundet ernsthaftes Interesse, solch eine Bahn zu prüfen und als Pilotprojekt gegebenenfalls umsetzen zu wollen. Der Gedanke hat tatsächlich Charme. Warum soll, was in den Skigebieten der Alpen hervorragend funktioniert, nicht auch am Schönaicher First funktionieren? Die Förderkapazitäten solcher Bahnen sind immens, der Eingriff in die Natur vergleichsweise gering – es müssen keine Schienentrassen, Straßen oder Tunnel gebaut werden.
Außerdem könnte Schönaich auf diese Weise besser an den Nahverkehr angebunden werden, was zusätzlich die Schönbuchbahn aufwertet. Es entstünde eine Hochbahn mit Seltenheitswert, sind urbane Seilbahnen in Deutschland doch bisher die absolute Ausnahme. Der Tourismusfaktor des Schönaicher Firsts wäre auf einen Schlag vervielfacht. Doch noch ist das Vorhaben Zukunftsmusik, weil vor allem Fragen der Finanzierung und Machbarkeit noch völlig ungeklärt sind.
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Beteiligen müssten sich freilich Böblingen und Schönaich, vermutlich auch der Landkreis. Allerdings kommt hier das Land Baden-Württemberg ins Spiel, dessen Verkehrsminister Winfried Hermann schon 2018 eine Studie zu urbanen Seilbahnen veröffentlichen ließ. Darin heißt es: „Insbesondere auf nachfragestarken Punkt-zu-Punkt-Verbindungen mit möglichst wenigen Zwischenstationen können Seilbahnen ihre Vorteile ausspielen.“ Das Land hat für Pilotprojekte Fördertöpfe aufgestellt. Das beantwortet die Geldfrage, zumindest zum Teil.
Eine andere ist die nach der Akzeptanz in der Bevölkerung. Interessanterweise laboriert Stuttgart schon länger an einem Seilbahnprojekt in Vaihingen. Ironie des Schicksals: Auch hier geht es um die Anbindung des ehemals von der IBM genutzten Eiermann-Areals. Da die Trasse aber durch das Gebiet des Rosental-Parks verlaufen könnte, regt sich Widerstand in der Bevölkerung. Eine Initiative will das Projekt aus Gründen des Landschaftsschutzes verhindern. Droht dieses Szenario in Schönaich und Böblingen? Dafür sind die Ideen noch zu frisch, die Machbarkeit noch zu wenig geprüft. Noch ist beispielsweise unklar, wo die Trasse überhaupt verlaufen und wo in Schönaich eine „Talstation“ gebaut würde.