Der Tag, an dem Johann Schmitz zum letzten Mal mit seinem Enkel spricht, ist ein Dreikönigstag. Das war vor acht Jahren. Seitdem fahnden Johann und seine Frau Maria nach ihrem vermissten Enkel. Im Gegensatz zur Polizei glauben sie, dass Felix noch lebt.

Region: Verena Mayer (ena)

Schwetzingen - Der Tag, an dem Johann Schmitz zum letzten Mal mit seinem Enkel spricht, ist ein Dreikönigstag. Früh an diesem Freitagmorgen klingelt in dem Reihenhaus in Schwetzingen das Telefon. Schmitz’ Enkel Felix ist dran. Er weint. „Bitte komm mich holen“, fleht er seinen Opa an. „Bitte, bitte!“ Der kleine Bub will nicht zu seinem Papa, der ihn ein paar Augenblicke später für ein gemeinsames Wochenende abholen wird. Johann Schmitz redet auf Felix ein. Es gebe doch keinen Grund zu weinen. Die Zeit mit dem Papa werde sicher schön und vergehe schnell. Sobald er zurück sei, dürfe Felix zum Spielen vorbeikommen, verspricht Johann Schmitz. Felix geht ins Papa-Wochenende – und kehrt nicht zurück.

Acht Jahre sind seither vergangen. Und kein Tag, an dem sich Johann Schmitz keine Vorwürfe gemacht hat. Warum nur hat er nicht auf den weinenden Felix am Telefon gehört? Er war doch sonst immer gern zum Papa gegangen. Warum fühlte sich der Junge dort plötzlich nicht mehr wohl? Seit acht Jahren suchen Johann Schmitz und seine Frau Maria nach einer Antwort – und nach Felix, der im April elf Jahre alt würde. „Ich bin sicher, dass er irgendwo ist und wir es irgendwann wissen werden“, sagt Maria Schmitz. Ihr Mann nickt und wischt seine Tränen weg. Die Großeltern, die ihren Enkel nun schon länger vermissen, als sie ihn verwöhnen konnten, sind deshalb so überzeugt, dass Felix lebt, weil es für sie viele Ungereimtheiten gibt.

Felix hätte am 8. Januar 2006 um 18 Uhr vom Papa-Wochenende zurück sein sollen. Doch an der Tür von Mutter Manuela ertönt keine Klingel. Schließlich läuft sie selbst die zwei Straßen zur Wohnung ihres Ex-Mannes Michael Heger. Hinter den Fenstern ist alles dunkel. Auch sein weißer Opel Astra ist nirgends zu sehen. Und sein Handy ist abgeschaltet. Die Mutter hofft, dass der Vater nur mal wieder die Besuchszeit verlängert hat. So wie damals, als er Felix einfach einen Tag später zurückgebracht hat, weil er mit ihm auf einen Campingplatz gefahren war. Doch als die Polizei am Morgen des 9. Januar Hegers Einzimmerwohnung durchsucht, ist klar: Hier könnte etwas Schlimmeres passiert sein. Im Bett entdecken die Polizisten zwei Bücher, in denen Selbstmordmethoden beschrieben werden. Seither leben die Großeltern Johann und Maria Schmitz in einem Zustand, den sie „unmenschlich“ nennen.

Die Vermissten sind unauffindbar

Am 10. Januar 2006 wird der weiße Opel Astra des Vaters entdeckt. Er steht in einer Parkbucht an der Landesstraße 83 im Bühlertal, mehr als 100 Kilometer von Felix’ Zuhause entfernt. Daneben liegt eine Mülltüte, an der Blutspritzer kleben. Eine riesige Suchaktion beginnt. Hunderte Polizisten, Dutzende Suchhunde, Revierförster und Jagdpächter durchstreifen das idyllische, teilweise unwegsame Gelände. Am 13. Januar entdecken die Sucher zwischen Felsen einen Unterschlupf. Darin: ein Handschuh von Felix und sein Schnuller. Außerdem: die Jacke seines Vaters, dessen Rucksack, Personalausweis und EC-Karte. Als die Fahnder schließlich auch auf ein leeres Fläschchen Weinbrand, eine leere Pulle Amaretto und eine leere Packung Schlaftabletten stoßen, erhärtet sich ihr Verdacht: Michael Heger hat sich und seinem Sohn etwas angetan. Doch die Vermissten selbst sind unauffindbar.

Bis zum 26. Februar. Sieben Wochen nach Felix’ Verschwinden entdecken Spaziergänger die Leiche von Michael Heger. Sie liegt nur 300 Meter von der Stelle entfernt, wo die Polizei Mitte Januar den Opel sichergestellt hatte. Wieder wird das Gebiet durchforstet. Doch von Felix – keine Spur. Der Junge bleibt verschwunden.

Wenn Johann und Maria Schmitz über ihren ehemaligen Schwiegersohn sprechen, kommt ihnen kein böses Wort über die Lippen. Sie haben fast 13 Jahre ihres Lebens mit ihm verbracht. Ihre Tochter Manuela hatte Michael an der Uni in Mannheim kennengelernt. Dort studierte er Germanistik, Englisch und Politik. In einem Beruf arbeitete er allerdings nie. Michael Heger hielt nicht so viel von einem geregelten Leben, verstand sich eher als Lebenskünstler. Deshalb gab es öfter Diskussionen in der Familie, manchmal auch Streit. Doch die ehemaligen Schwiegereltern haben in all den Jahren gelernt: Michael ist ein friedfertiger Mensch. „Der konnte keiner Maus was zuleide tun“, sagt Maria Schmitz. „Und seinen Sohn hat er über alles geliebt“, sagt ihr Mann. Die Eheleute können sich nicht vorstellen, dass Michael Heger dem kleinen Felix etwas angetan hat. Sie glauben auch nicht, dass Michael Heger sich selbst umgebracht hat. Es müsse etwas anderes passiert sein.

Die Polizei glaubt, dass der Bub tot ist

Bei der Obduktion des Leichnams stellt sich heraus, dass der damals 39-Jährige kaum Spuren von Alkohol im Körper hatte. Und die Schlaftabletten erweisen sich als zu harmlos, um sich damit das Leben nehmen zu können. Die Rechtsmediziner schreiben als offizielle Todesursache in ihren Bericht: erhebliche innere Brust- und Lungenverletzungen. Die Ermittler der Sonderkommission Wiedenfelsen gehen schließlich davon aus, dass Michael Heger – warum auch immer – im Wald gestürzt ist und sich dabei so schwer verletzt hat, dass er starb. Dass Michael Heger das Opfer eines Verbrechens wurde, schließen sie aus. Was mit Felix passiert ist, können die Spezialisten nicht sagen. Doch sie halten es für wahrscheinlich, dass der knapp dreijährige Bub auch tot ist. Vielleicht hat ihn sein Vater ertränkt oder unauffindbar vergraben?

Johann und Maria Schmitz können mit dieser These nicht leben. Die Großeltern, die für Felix eher Eltern waren, bekommen starke Psychopharmaka und professionelle Betreuung. Doch sie brechen die Behandlung ab. Die Psychologin spricht ihnen zu viel über den potenziellen Tod ihres Enkels. Johann und Maria Schmitz suchen nach Lebenszeichen. Während sich ihre Tochter Manuela traumatisiert mehr und mehr zurückzieht, fahren die Rentner wieder ins Bühlertal und ergründen den Wald. Sie tragen T-Shirts, auf denen Felix zu sehen ist. Sie verteilen Flyer und Plakate in mehreren Sprachen. Und sie stellen ihr eigenes Ermittlerteam zusammen.

Die gelernten Krankenpfleger Schmitz konsultieren den aus dem Fernsehen bekannten Kriminalbiologen Mark Benecke. Sie hören ihn gerne konstatieren, dass bei den polizeilichen Ermittlungen etwas vermurkst worden sei. Das verzweifelte Ehepaar trifft auf den omnipräsenten Polizeipsychologen Adolf Gallwitz und ist erleichtert, als er sagt, er halte es nicht für ausgeschlossen, dass Felix noch lebt.

Hat sich der Ex-Schwiegersohn ins Ausland abgesetzt?

Johann und Maria Schmitz engagieren einen Privatdetektiv, der den hoffnungsvollen Nachnamen Engel trägt. Als Herr Engel – für 60 000 Euro Honorar – herausfindet, dass Michael Heger mit esoterischen Gruppierungen in Portugal Kontakt hatte, sind sie erst mal froh: endlich eine Spur! Wollte der Vater mit Felix im Westen der Iberischen Halbinsel untertauchen, um seinen Sohn ganz für sich alleine zu haben?

Es gibt vier Zeugen, die zwischen dem 6. und dem 18. Januar 2006 unabhängig voneinander einen Mann mit einem Buben gesehen haben, auf die beide die Beschreibung von Michael Heger und Felix passt. Zu einer Zeit also, in der die Polizei noch das Bühlertal durchsuchte. Alle Zeugen haben die beiden Personen in der Nähe der französischen Grenze gesehen. Für Johann und Maria Schmitz ist dies ein weiteres Indiz dafür, dass sich ihr Ex-Schwiegersohn mit ihrem Enkel ins Ausland absetzen wollte. Hat Michael Heger mit den Kleidungsstücken, den leeren Flaschen und der Tablettenschachtel vielleicht nur falsche Spuren gelegt, um Zeit zu gewinnen?

Für Johann und Maria Schmitz ist es so gewesen. Sie sind überzeugt, dass Michael Heger lange im Voraus Vorbereitungen für sein Verschwinden mit Felix getroffen hat. Davon muss der Bub etwas mitbekommen haben. Nur so erschließt sich, warum Felix an jenem Dreikönigstag nicht zu seinem Vater wollte.

Das zermürbende Gefühl der Ohnmacht

Doch dann muss während der Flucht irgendetwas passiert sein, ein Ereignis, dass Heger damals das Leben kostet. Nur so können sich die Großeltern erklären, warum er keine letzte Nachricht hinterlassen hat. Zwar verfasst Heger auf der Rückseite seiner Führerscheinkopie eine Nachricht, aber als eindeutigen Abschiedsbrief bewertet ihn die Polizei nicht. Er schreibt an seine Ex-Frau, dass er die vergangenen drei Jahre als Zeit des gegenseitigen Hasses und der gegenseitigen Verachtung empfunden habe und dass wohl alles besser gelaufen wäre, wenn er „die dicke Knete“ angeschleppt hätte. Am Schluss heißt es: „Mach’s gut! Und Scheiße – ich liebe Felix leider viel zu sehr.“ Zu sehr, um ihn umzubringen?

Seine Großeltern sind sicher, dass Michael Heger einen Helfer gehabt hat. Dieser muss Felix nach dem tödlichen Zwischenfall einfach selbst behalten und Hegers Leichnam im Wald abgelegt haben. Die Heerscharen von Suchern entdeckten den Toten sieben Wochen lang folglich nicht, weil er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht dort war.

Johann und Maria Schmitz haben einen Anwalt, der die Ermittler mit Beschwerden und Anträgen überzieht. Der Baden-Badener Jurist Alexander Moser sorgt ehrenamtlich dafür, dass ein auffälliger Punkt an Hegers linkem Handgelenk erneut untersucht wird. Er erstattet sogar Anzeige wegen Mordes gegen die Bewohner einer nahe gelegenen Wohnung. Die Überprüfung der Spuren hat die Polizei bis jetzt so wenig auf eine neue Fährte gebracht wie die vom Detektiv ausgelöste Recherche in Portugal. Doch Moser vertreibt bei dem Rentnerpaar Schmitz immerhin das zermürbende Gefühl der Ohnmacht.

Im Hobbyraum des Schwetzinger Reihenhauses liegt ein Riegel Kinderschokolade im Regal. Johann Schmitz hat ihn dort vor acht Jahren für Felix deponiert. Das Suchen und Finden der Schokolade war ein spielerisches Ritual zwischen dem alten und dem jungen Mann. „Noch mal, noch mal, Opa“, hört der Großvater in seinen Erinnerungen den Enkel um Nachschub bitten. Johann Schmitz hat nichts vergessen. Er ist jetzt 78, seine Frau Maria 75. Er sagt: „Wir werden suchen, solange wir leben.“

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