Sekte in Russland Gefangen im Untergrund

Sie kannten keine Spiele, kein Eis, kein Badevergnügen: Mit 27 Kindern hat eine Sekte in Russland mehr als ein Jahrzehnt in einem unterirdischen Bunkersystem gelebt. Bei ihrer Befreiung litten viele unter schweren Verhaltensstörungen.

Korrespondenten: Elke Windisch (win)

Russland - Als Zuschauer des staatlichen russischen Nachrichtenkanals Rossija 24 kam man sich vor wie in einem Gruselfilm: verhärmte, blasse und unterernährte Kinder, von denen viele noch nie die Sonne gesehen hatten, waren da zu sehen. Sie kannten keine Spiele, kein Eis, kein Badevergnügen. Fast zehn Jahre lang waren sie Geiseln eines größenwahnsinnigen muslimischen Geistlichen, der sich zum Propheten erklärt hatte und allen, die ihm nicht folgten, mit Weltuntergang und Sintflut drohte. Rettung wie seinerzeit in der Arche Noah gäbe es nur für jene Gläubigen, die bereit waren, ihm in ein unterirdisches Tunnelsystem zu folgen, das die Sektenmitglieder selbst ausheben mussten.

70 Menschen, darunter 27 Kinder im Alter von einem bis 17 Jahren, schrieb das Massenblatt „Komsomolskaja Prawda“, habe eine Sondereinheit der Polizei in der Nähe von Kasan, der 800 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Hauptstadt der Teilrepublik Tatarstan aus dem Labyrinth befreit. Und das eher zufällig.

Eine Schule haben die Kinder nie besucht

Eigentlich waren sie unterwegs, um nach den Terroristen zu fahnden, die Ende Juli einen Anschlag auf den Mufti – den obersten islamischen Geistlichen – und dessen Stellvertreter verübt hatten. Seine Weltuntergangsfantasien hatte Faisrachman Satarow, der selbst ernannte Prophet, schon kurz nach seiner „Erleuchtung“ 1980 zu verbreiten begonnen. 1996 nahmen sie konkrete Gestalt an. Die Sekte kaufte ein etwa 700 Quadratmeter großes Gelände am Stadtrand von Kasan, errichtete dort eine Moschee, grub mehrere Brunnen und begann dann mit dem Ausheben von Tunneln und Zellen, die bis zu sieben Stockwerke tief unter die Erde gebaut wurden. Dort kamen viele der Kinder später auch zur Welt. Eine Schule hat keiner von ihnen je besucht. Unterricht erteilte Sektenchef Satarow selbst – beim Koran-Lesen bei Kerzenschein. Alles andere hielt er für „weltliches Teufelszeug“. Ohne seine ausdrückliche Erlaubnis durfte auch keines der Sektenmitglieder das Gelände verlassen. Die Kinder wurden inzwischen in Kliniken eingewiesen, wo sie erstmals in ihrem Leben einen Gesundheitscheck bekommen. Später, sagte der Kinderschutzbeauftragte des Präsidenten, Pawel Astachow, würden sie in Kinderheimen betreut werden.

Adoptiveltern für sie zu finden dürfte extrem schwierig werden. Bei den meisten wurden schon bei ersten Untersuchungen schwere Verhaltensstörungen diagnostiziert. Die Sekte von Kasan ist nicht die erste, die in Russland für Aufsehen sorgt. Im Tal von Minussinsk in Südsibirien hat seit Anfang der neunziger Jahre Vater Wissarion – eine angebliche Reinkarnation Jesu – seine Jünger um sich versammelt und diesen eine streng vegane Lebensweise verordnet. 2007 hatten sich im Gebiet Pensa in Zentralrussland 30 Erwachsene und vier Kinder in Erdbunkern eingeschlossen, um dort unter spartanischen Bedingungen das Ende der Welt zu erwarten. Nach vier Monaten stieß ein orthodoxer Geistlicher zu ihnen. Er hatte ein höchstwillkommenes Geschenk dabei – die Klosterkasse. Die muslimische Sekte dagegen soll hoch verschuldet gewesen sein.

Sekten haben Erfolg bei verunsicherten Menschen

Vor allem damit versuchen Experten das Abtauchen unter die Erde zu erklären. Andere warnen, Sekten hätten immer dann Erfolg, wenn die Menschen sich extrem verunsichert fühlen und in ihrer Angst vor der Zukunft das Heil bei Gurus, Zauberern oder Wunderheilern suchen. Bisher jedoch wandten sich Sekten vor allem an die Anhänger christlicher Konfessionen. Der Islam, so erklärte ein muslimischer Geistlicher das Phänomen, sei kämpferischer und attraktiver und daher „gegen Sekten so resistent wie iranische Rosen gegen Pilzkrankheiten“. Traurige Berühmtheit erlangte bisher nur die Sekte der Assassinen. Auf der Burg Alamut im Nordiran wurde Männern mit Drogen das Paradies vorgegaukelt, in das sie als Selbstmordattentäter im Namen des Glaubens eingehen würden.




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