Sektenberaterin aus dem Kreis Böblingen Warum sich Menschen Sekten anschließen – und wie man ihnen entflieht

Oft geht es bei Svenja Hardeckers Arbeit darum, Betroffene zu unterstützen, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Foto: Simon Granville

Svenja Hardecker aus dem Kreis Böblingen berät Angehörige und Betroffene, die Opfer von Sekten geworden sind. Wie das abläuft, wer solchen Gruppierungen zum Opfer fällt und welche Rolle die Coronapandemie und die Sozialen Medien spielen.

Digital Desk: Chiara Sterk (chi)

Ob Lifecoaches und Yogis, Esoteriker oder Verschwörungstheoretiker, evangelikale Freikirchen oder Scientology: Svenja Hardecker aus dem Kreis Böblingen ist Theologin und arbeitet als Weltanschauungsexpertin bei der Evangelischen Landeskirche. Sie berät Betroffene und Angehörige, die Sekten oder anderen „konfliktträchtigen weltanschaulichen Gruppierungen“ zum Opfer fallen. Den Begriff Sekte verwendet Hardecker selbst nicht, „weil er von außen kommt und wertend klingt.“

 

Meistens wenden sich Angehörige an Hardecker und ihre Kollegen, oftmals auch Freunde von Betroffenen. „Oft fragen sie, ob wir diesen Coach auch kennen oder, ob sie sich Sorgen machen müssen, wenn ihr Freund nur noch von Schwingungen spricht“, sagt Hardecker. Wenden sich Betroffene an sie, sei das meist, wenn sie dabei sind, sich aus einer Gruppierung zu lösen, oder im Nachhinein. „Oft wünschen sich Angehörige auch, dass wir auf die Betroffenen zugehen, aber das geht nicht, wir beraten nur, wer beraten werden will.“ Von außen einschreiten könne man nicht, dafür wiege die Religionsfreiheit zu schwer.

Abgesehen von Angehörigen rufen auch Jugendämter oder Bürgermeister bei ihnen an. „Wenn der Bürgermeister seine Stadthalle an eine Meditationsgruppe vermieten will und wissen will, was das für eine Gruppe ist.“ Am meisten werde zu Esoterik und neuen christlichen Sondergruppen gefragt. Außerdem halten sie immer wieder Vorträge und recherchieren, auch im Internet.

Die Beratung ist kostenlos, auf Wunsch auch anonym und meistens rufen die Klienten an. Ob man Mitglied in der Kirche sei, wird nicht gefragt. „Oft wünschen sich Angehörige, dass wir dafür sorgen, dass eine belastende Situation aufhört“, sagt Svenja Hardecker. „Wir können aber nur helfen, dass die Angehörigen einen besseren Umgang mit der Situation finden.“ Wie es dann weitergeht, kommt ganz auf den Bedarf und die Person an.

Es gibt Menschen, für die ist mit einem Anruf alles geklärt. „Sie verstehen die Gruppierung besser, können es beurteilen und wissen besser, wie sie damit umgehen können.“ Andere Klienten begleiten Hardecker und ihre Kollegen über einen längeren Zeitraum, irgendwann verlängert sich der Rhythmus meistens. „Manche rufen auch alle paar Monate noch einmal an.“

„Gute Gründe, warum sich Menschen einer Sekte anschließen“

Genauso wie Betroffene stets selbst bestimmen, wann sie über welches Thema sprechen wollen. Denn lösen sich Betroffene aus sektenähnlichen Gruppierungen, ist Hardeckers Job noch nicht erledigt. Oftmals verlieren Menschen ihr gesamtes Umfeld. „Dabei erleben die Betroffenen ohnehin häufig eine schwere Krise, weil sie die letzte Zeit hinterfragen.“ Da geht es oft auch darum, sie dabei zu unterstützen, selbstständig Entscheidungen zu treffen, die sich für sie selbst gut anfühlen.

„Es gibt immer gute Gründe, warum Menschen sich einer konfliktträchtigen weltanschaulichen Gruppe anschließen“, sagt Hardecker. Meist denken sie, etwas besonders Tolles gefunden zu haben. Da geht es um normale menschliche Bedürfnisse – die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die Welt zu etwas Besserem zu verändern, Sehnsucht nach Familie, sich leistungsfähiger zu machen. „Eine Frau hat mir mal erzählt, dass sie die Menschen in ihrer neuen Gruppe als Engel gesehen hat, weil sie so nett waren.“ Und dabei lassen sie sich auf etwas ein, das sie gar nicht wollen, „aber das merken sie meist erst später.“ Dann wird aber vonseiten der Gruppenleitenden meist argumentiert, dass man sich nicht ganz entschieden habe, es an einem selbst liege. „Es kann also tatsächlich leicht sein, nicht zu merken, was für einer engen Weltanschauung man sich da angeschlossen hat.“

„Die Art des Angebots muss dazu passen, was eine Person sucht“, sagt Hardecker. In Krisensituationen oder wenn sich etwas im Leben verändere, sei man dafür besonders anfällig, „und das kann ja nun wirklich jedem mal passieren.“ Bei jungen Menschen passiere das zum Beispiel oft, wenn sie in eine neue Stadt ziehen und dort nach Anschluss suchen. Oder aber wenn jemand den Job verliert oder krank wird. „Das sind nicht unbedingt verletzliche Menschen, sondern es ist eine verletzliche Phase.“ Und auch Bildungsstand und Intellekt schützen nicht.

Die Zentralen Beratungsstellen für Weltanschauungsfragen in Baden-Württemberg, kurz Zebra, verzeichnet mehr Anfragen von Frauen als von Männern, schreibt aber in ihrem Jahresbericht 2023 dazu, „dass Frauen eben nach wie vor noch öfter zum Hörer greifen.“ Die Anzahl an Männern, die sich an die Beratungsstellen wenden, nehme jedoch zu. Was das Alter angeht, geben sie an, dass sich meist Menschen zwischen 40 und 60 Jahren bei ihnen melden.

Während der Coronapandemie kamen mehr Anfragen

Wann wird es gefährlich? „Eine starke Abgrenzung zwischen der Gruppierung und dem Außen ist immer ein Indiz“, sagt Hardecker. Wenn bei Entscheidungen zum Beruf, der Kleidung, der Partnerwahl oder dem Wohnort stark reingeredet wird, ein weiteres. „Gefährlich wird es vor allem, wenn jemand schwer krank ist und jegliche Schulmedizin ablehnt.“ Kleinere Gruppierungen würden dabei immer wieder unterschätzt, sagt die Expertin. „Da bekommen die Betroffenen aus ihrem Umfeld weniger Rückfragen und es ist meist weniger transparent, wofür sie stehen.“ Mit der Coronapandemie habe ihr Telefon öfter geklingelt, sagt Hardecker. „Weil Verschwörungserzählungen plötzlich bei ganz vielen Menschen in den Nahbereich gerückt sind.“

Aber auch andere Krisen spielen eine Rolle und die sozialen Medien. „Damit steigt der Druck, einfache Antworten zu finden.“ Der Algorithmus bevorzuge zudem extreme Positionen, mache es Einzelpersonen leicht, vorzugeben, dass sie „das nächste große Ding starten.“ Sie sieht die sozialen Medien aber auch als Chance: „Damit sind auch die Möglichkeiten gewachsen, sich als Aussteigende auszutauschen, sogar international.“

Sekten

Infomaterial
Das baden-württembergische Kultusministerium hat eine Checkliste zusammengestellt, anhand der man feststellen kann, ob Gruppierungen gefährlich sein können.

Sektenähnliche Gruppierungen
Wer unsicher ist, worum es sich bei einer Gruppierung handelt, kann bei der Evangelischen Landeskirche vorbeischauen. Zu vielen weltanschaulich konfliktträchtigen Gruppierungen ist dort nachzulesen, was es damit auf sich hat.

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