Selbstbedienung in Herrenberg Diese Metzgerei öffnet rund um die Uhr

Bettina und Klaus Gräther in ihrem Verkaufsraum, der ohne Personal für den Verkauf funktioniert. Foto:  /Peter Gebhardt

Vor Corona wollte Familie Gräther ihre Metzgerei im großen Stil ausbauen. Die explodierenden Kosten brachten sie dann auf die Idee eines Geschäfts ohne Verkaufspersonal. Mit Erfolg.

So richtig ins Bild gerückt sieht sich Bettina Gräther beim Fototermin im ersten Versuch nicht. Zu viele Lücken in den Regalen sind aus Sicht der Mitinhaberin der familiengeführten Metzgerei mitten in Herrenbergs Teilort Haslach im Verkaufsraum noch zu sehen. Volle Auslagen sind ihr natürlich lieber, doch ihr Dilemma für ein schöneres Bild ist zugleich der sichtbare Beweis der kleinen Erfolgsgeschichte von Klaus und Bettina Gräther, zu denen natürlich noch ihre drei erwachsenen Kinder gehören. Dabei sollte diese Geschichte nach dem Willen der Familie vor einigen Jahren noch einen ganz anderen Verlauf nehmen.

 

2019 war es, als Klaus und Bettina Gräther mit durchaus ehrgeizigen Plänen an die Öffentlichkeit gingen. Neben der Haslacher Sporthalle sollte ein ganzer Komplex mit Fleisch-und Wurstverarbeitung, einem kleinen eigenen Schlachthaus und natürlich einem Laden für den Verkauf entstehen. Eigentlich der richtige Zeitpunkt nach den Negativ-Schlagzeilen um den Gärtringer Schlachthof. Etwa zum jetzigen Zeitpunkt sollte der Spatenstich vollzogen werden.

Mit Corona explodieren die Preise – und schließlich das Großprojekt

Doch dann kam Corona. Und mit dem Virus explodierten auch die Preise. „Nichts war mehr sicher. Lieferketten für Material brachen zusammen, alle Planungen standen auf der Kippe“, blickt Klaus Gräther zurück. Die ohnehin schon nicht geringen Kosten im siebenstelligen Bereich erhöhten sich innerhalb eines Jahres um mehr als das doppelte. Irgendwann wollten die Mittelständler dieses Risiko nicht mehr eingehen – und zogen die Reißleine.

Im Januar 2022 fiel dann die folgenschwere Entscheidung, Abstand vom Großprojekt auf der grünen Wiese zu nehmen. „Es war die einzig richtige Entscheidung, auch wenn sie schwer fiel“, betont Bettina Gräther. In ihren Worten schwingt auch durchaus etwas Erleichterung mit, den Druck eines riesengroßen Investments im Millionenbereich nun nicht mehr zu spüren. Zu klären blieb allerdings trotzdem noch die Zukunft. „Wir saßen eines Abends zusammen und fragten uns: Wo stehen wir in fünf Jahren?“.

Von der Schwierigkeit, Verkaufspersonal zu finden

Die Erinnerungen von Metzger Gräther sind durchaus frisch, auch die Antworten kommen zügig: „Es war immer schwieriger, Verkaufspersonal zu finden. Wir wollten uns unabhängiger machen“. Auch ihr Sohn Simon, selbst Metzgermeister, damals noch in der fränkischen Ferne unterwegs, war in die Ideenfindung eingebunden. „Der Plan eines Selbstbedienungsgeschäfts mit durchgehenden Öffnungszeiten war relativ schnell geboren“, so Klaus Gräther.

Die Idee war das Eine, die realistische Einschätzung der Möglichkeiten allerdings das Andere. Und so sahen sich die Gräthers in weiten Teilen von Süddeutschland um. Gleiche und ähnliche Geschäftskonzepte wurden verglichen. Unter dem Strich stand die Entscheidung: Ja, wir wagen es! Im Januar dieses Jahres war alles spruchreif. Die Metzgerei würde – nun in anderer Form - in Haslach weiter bestehen können.

Die Resonanz in den ersten Wochen ist überwältigend

Am 16. Juni 2023 war es soweit. Nach den Umbauarbeiten konnte es endlich losgehen. Natürlich schwang bei Bettina und Klaus Gräther auch einiges an Unsicherheit mit. Wie würde das Konzept ankommen? Wie sind die Verkaufszahlen? Schon nach wenigen Wochen ist ein Trend erkennbar. Und der ist durchaus positiv. Bettina Gräther sucht nach den richtigen Worten, um es dann doch förmlich heraussprudeln zu lassen: „Wir sind geflasht! Die Resonanz in den ersten Wochen ist überwältigend“.

Für diesen Run scheint es allerdings gute Gründe zu geben. Der erste ist sicher das Sortiment. „Wir haben zu fast einhundert Prozent alles beibehalten, was wir auch im vorherigen Konzept mit der Bedienungstheke angeboten haben“, rechnet Klaus Gräther vor. Ein anderer Grund ist das Bezahlkonzept. Sowohl Bar- als auch Kartenzahlungen werden akzeptiert. Damit werden auch die alteingesessenen Kunden angesprochen.

Vorbestellen und zu bestimmten Zeiten mit Behälter vorbeikommen

Letztlich geht das Selbstbedienungskonzept aber nur auf, wenn die Qualität stimmt. Ein Fakt, der für die Kunden entscheidend ist. In die Käuferzufriedenheit reihen sich auch Sandra und Andreas Decke ein. Das Ehepaar wohnt unweit des Geschäfts in Haslach und nutzt die durchgehenden Öffnungszeiten gerne. „Wir können jetzt rund um die Uhr einkaufen. Und das Angebot ist genauso gut wie eh und je“, freut sich Andreas Decke. Was für Ehefrau Sandra ebenso wichtig ist: „Mit einer App können wir sogar alles vorher bestellen“.

Das mit der App nimmt dann auch einigen Kritikern den Wind aus den Segeln. Denn es gibt bei verpackten Waren natürlich auch den Aspekt Plastikmüll. „Bei uns kann jeder Kunde mit seinem eigenen Behältnis nach Wahl vorbeikommen und die bestellte Ware zu bestimmten Zeiten dann ohne Verpackung mitnehmen“, erklärt Bettina Gräther. Ehemann Klaus ist sehr wichtig, etwas anderes loszuwerden: „Bei einer Bedienungstheke werden die Wurstenden täglich bis zu zwei Mal schon allein wegen der Optik abgeschnitten. Diesen Abfall vermeiden wir nun. Mir ist wichtig, dass wir aus Respekt vor dem Tier auch einhundert Prozent verwerten“.

Es gibt hier auch andere regionale Produkte

Beim Blick durch den Laden in der Haslacher Hohenzollernstraße fällt auf, dass längst nicht nur Fleisch-und Wurstwaren zum Kauf angeboten werden. Ein regionales Angebot wie Tiefkühl-Backwaren aus dem Hause Baier über Eis vom Bauernhof, Eierteigwaren sowie Milch, Joghurt, Pesto und noch vieles mehr füllt die Regale. Nicht ohne Stolz klärt Klaus Gräther auf: „Wir sind der Haslacher Bevölkerung verbunden und wollen damit einen Beitrag zur Grundversorgung leisten“. Das wird beim Blick auf die Versorgungslage im 1800 Einwohner zählenden Dorf auch deutlich. Ein Friseur, zwei Gaststätten, drei Bauern mit Selbstversorgersortiment und eben die Metzgerei Gräther. Das war’s.

Für Familie Gräther hat sich der Schritt mit ihrem neuen 24/7-Laden bisher gelohnt. Nicht unerwartet kommt deshalb auch fast aus einem Munde die Hoffnung: „So darf es gerne weitergehen“. Sicher würden auch die Haslacher gerne mit „ihrer“ Metzgerei den 20. Geburtstag im kommenden Jahr feiern.

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