Mit umgedrehtem Baseball-Cap und finsterer Miene steht Gordana Mijic im Sindelfinger Ernst-Schäfer-Haus vor einem kleinen Jungen. „Wie siehst du denn aus? Was sind denn das für Schuhe? So würde ich ja nie rumlaufen“, beschimpft sie den gerade mal sieben Jahre alten Knirps, der betreten zu Boden blickt. Auf den ersten Blick eine erschreckende Szene. Wer aber genau hinsieht, bemerkt die zuckenden Mundwinkel und das unterdrückte Kichern des Jungen.
Was will der andere?
Gordana Mijic ist nämlich keine gemeine Schulhofmobberin. Im Gegenteil: Die Sindelfingerin hilft Kindern durch Selbstbehauptungstraining dabei, sich gegen solche Menschen zu wehren.
Bei Beleidigungen lautet die Devise zum Beispiel: ruhig bleiben. „Was wollen denn die Kinder, die euch beleidigen?“, fragt Gordana Mijic in die Runde. Ein weiterer Siebenjähriger meldet sich. „Unser Essen klauen“, lautet sein Vorschlag. Gordana Mijic schmunzelt. „Manchmal vielleicht“, räumt sie ein. „aber meistens steckt etwas anderes dahinter.“
Kinder, die andere Kinder ärgern, seien in der Regel unzufrieden mit sich selbst. Haben irgendetwas in ihrem Alltag erlebt, das sie frustriert hat. „Ihr müsst aber immer daran denken, dass das nichts mit euch zu tun hat.“ Wem es trotzdem schwerfällt, mit Beleidigungen klarzukommen, der solle sich über den Kern der Aussagen Gedanken machen. Denn im Endeffekt sei es doch egal, ob jemand die Klamotten eines anderen hässlich findet. „Die Person, die am meisten Zeit mit euch verbringt, seid ihr selbst“, sagt Gordana Mijic. „Und nur ihr müsst euch gefallen.“
Reden ist wichtig
Die Übungen der Selbstbehauptungstrainerin zielen aber nicht nur darauf ab, in Krisensituationen ruhig zu bleiben. Denn in manchen Fällen hilft Ruhe den Kindern nicht weiter. Zum Beispiel, wenn Gewalt im Spiel ist. Gordana Mijic rät den Kids an dieser Stelle, sich für den Schulweg drei Punkte zu suchen, an denen sie Hilfe holen können. Zum Beispiel in Geschäften. Sind keine Geschäfte oder Passanten in der Nähe, empfiehlt Mijic in Notsituationen bei fremden Personen Sturm zu klingeln. Aber egal, ob man sich bei einem Fremden, einem Lehrer oder den eigenen Eltern Hilfe sucht – der Schlüssel lautet immer: Kommunikation. Nur wer konkret sagt, was er will, hat auch die Chance, sein Ziel zu erreichen und Missverständnisse zu vermeiden. „Das sage ich auch immer meinen Kindern“, erklärt Gordana Mijic. „Die Menschen können eure Gedanken nicht lesen, ihr müsst ganz klar sagen, was ihr wollt und wo die Grenzen sind.“
Wenn sich ein Kind bei einem Betreuer über ein anderes Kind beschwert, können die Erwachsenen ohne Details zum Beispiel nicht einschätzen, ob sie eingreifen müssen oder nicht. „Sie wissen nicht, ob das Kind vorher schon versucht hat, sich selbst zu helfen und wie ernst die Lage ist.“
Mutter mit Agenda
Wie wichtig Kommunikation ist, weiß Gordana Mijic auch aus persönlicher Erfahrung. Ihre eigenen Eltern, erzählt sie, haben ihr als Kind nämlich nicht beigebracht, über Probleme zu reden. „Da hieß es immer, ich soll leise sein“, sagt sie. „Deshalb habe ich nie gelernt, mich selbst zu behaupten.“
Als die 33-Jährige selbst Mutter wurde, wollte sie ihrem Nachwuchs etwas anderes vermitteln. Denn Kinder müssen nicht leise sein. Sie dürfen, ja sollen sogar, jederzeit ausdrücken können, was ihr Problem ist. 2018 hat Gordana Mijic deshalb ein Fernstudium zur Erziehungsberaterin absolviert. Ein Jahr später ergänzte sie ihr Wissen durch eine Coaching-Ausbildung bei Daniel Duddek, dem Gründer der „Stark auch ohne Muckis GmbH“. Seitdem bringt sie Kindern in Präventionskursen bei, wie sie mit Konflikten, Streits und Mobbing umgehen können.
Der direkte Kontakt geht verloren
Laut Gordana Mijic haben die sozialen Medien und die Corona-Pandemie hier einiges kaputtgemacht. „Die Kinder wissen heutzutage gar nicht mehr, wie sie ihre Konflikte selbst lösen“, so ihre Feststellung. „Jeder schaut nur noch ins Tablet oder Handy, aber der direkte Kontakt zu anderen geht immer mehr verloren.“ Das sei eine sehr problematische Entwicklung: „Denn je früher Kinder lernen, mit Konflikten umzugehen, desto leichter haben sie es, wenn sie älter sind.“
Mehr Infos gibt es im Internet unter: www.stark-mit-gordana.de