Die Szene hat sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt: Sie sitzt als Kind am Küchentisch, vor sich einen Teller mit kalt gewordenen Kässpätzle. Sie weiß: Bevor der Teller nicht leer gegessen ist, darf sie nicht aufstehen. „Ich bin von klein auf gedrillt worden, alles zu essen, was auf dem Teller lag. Wenn ich das nicht gemacht habe, bin ich bestraft worden“, erzählt Regina. Ein natürliches Sättigungsgefühl habe sich bei ihr daher nie entwickeln können, sagt die Frau, die an der Binge-Eating-Störung (BES), der in Deutschland am häufigsten auftretenden Essstörung, erkrankt ist.
Menschen, die daran leiden, verlieren beim Essen regelmäßig die Kontrolle – sie können weder aufhören noch steuern, was und wie viel sie essen. Sie stopfen während dieser Fressattacken Unmengen von Lebensmitteln wahllos in sich hinein. „Man fühlt sich wie in einer Nebelwolke, um einen ist nichts und in einem ist auch nichts – es gibt nur diese Fresserei“, beschreibt Regina das, was sie als „eine Teufelskrankheit“ bezeichnet. Zwangsläufig nehmen Menschen mit einer Binge-Eating-Störung an Gewicht zu. Und leiden unter all den körperlichen Problemen, die starkes Übergewicht mit sich bringen kann: Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen und Schäden am Bewegungsapparat, etwa Gelenkschmerzen.
Das ganze Leben dreht sich ums Essen
Hinzu kommt der ständige psychische Druck. „Das ganze Leben ist darauf ausgerichtet, wo man wieder etwas zu essen kaufen und wie viel Geld man dafür ausgeben kann“, sagt Regina, die im Laufe ihrer jahrelangen Leidenszeit auch viele Diäten gemacht hat. „Ich hatte nie den Körper einer Miss Twiggy, aber ich habe natürlich versucht, den Schönheitsidealen nachzueifern und auch mal 30 Kilo abgenommen.“ Inzwischen schafft sie es, nur drei Mahlzeiten pro Tag zu essen. „Das ist ein großer Schritt. Ich bin jetzt vom ständigen Essen abstinent, und das ist eine Wohltat.“
Geholfen hat ihr der Austausch mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe. In Reginas Fall war es die gemeinnützige Interessengemeinschaft der Overeaters Anonymous, zu Deutsch: Anonyme Überesser, welche die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung als eine von mehreren Anlaufstellen für Menschen mit zwanghaftem Essverhalten empfiehlt. Deren Genesungsprogramm orientiert sich an dem der Anonymen Alkoholiker, wobei Abstinenz für die Overeaters Anonymous bedeutet, sich des zwanghaften Essens zu enthalten.
„Wir wollen frei von Essenszwängen leben“, sagt Beate, die seit mehr als 20 Jahren Woche für Woche an den Treffen der Selbsthilfegruppe teilnimmt. Anders als Regina leidet die heute 57-Jährige nicht am Binge-Eating-Syndrom, sondern war schon als Teenie magersüchtig. „Je dünner, desto besser war meine Devise“, sagt Beate. Irgendwann ging sie dazu über, Ausrutscher, sprich Essanfälle, dadurch auszugleichen, dass sie sich übergab. „Mit den Jahren ist mir die Situation völlig entglitten“, erzählt die zweifache Mutter, die unzählige Diäten hinter sich hat. „Irgendwann habe ich mich nach jedem Essen übergeben. Mit Mitte 30 war ich am Tiefpunkt. Ich wusste, das fliegt mir bald alles um die Ohren.“ Und ihr sei klar gewesen, dass sie unter einer Krankheit, einer Sucht leide und diese zum Stillstand kommen müsse.
Wörter wie „Schokolade“ oder „Rostbraten“ können Essattacken auslösen
Im Jahr 2002 besuchte sie deshalb zum ersten Mal ein Treffen der Overeaters Anonymous. Die Selbsthilfegruppe richtet sich, anders als ihr Name vermuten lässt, an Menschen mit allen Arten von Essstörungen, auch an Magersüchtige und Orthorektiker – Leute, die sich streng an bestimmte, ihrer Überzeugung nach der Gesundheit zuträgliche, Ernährungsvorschriften halten und im Verlaufe der Zeit immer mehr Lebensmittel von ihrem Speiseplan entfernen.
Bei den Treffen gebe es Gemeinschaft und gute Gespräche, aber keine Ratschläge und Diättipps, sagen Regina und Beate: „Wir reden wenig über Essen und erwähnen keine Namen von Lebensmitteln.“ Denn jedes Wort, sei es „Schokolade“, „Rostbraten“ oder „Chips“ könnte ein Triggerwort für Anwesende sein und eine Essattacke auslösen.
Die Treffen haben einen ritualisierten Ablauf. Jedes Mal stellen sich die Teilnehmenden mit dem Vornamen und ihrem Essproblem vor, erzählen, wie es ihnen seit dem letzten Zusammensein ergangen ist und gehen die „12 Schritte“, so nennen die Overeaters Anonymous ihr Genesungsprogramm, durch. Dieses besteht aus Grundsätzen, die einen inneren Wandel bewirken sollen. Schritt 2 lautet beispielsweise: „Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.“
Die Overeaters Anonymous seien keine Sekte
Das klingt nach einer Religion. „Wir glauben, dass es etwas Größeres gibt, das den Schalter in einer Person umlegt“, sagt Beate: „Manche nennen es Gott, andere haben andere Begriffe dafür.“ Für sie selbst sei diese Vorstellung sehr hilfreich gewesen: „Nach ungefähr fünf Wochen bin ich abstinent geworden und konnte aufhören, mich zu übergeben.“ Es gebe aber auch Freidenker, die nicht an eine höhere Macht glaubten: „Keiner sagt, wo es langgeht.“ Auch seien die Overeaters Anonymous keine Sekte, wie manche vermuteten. „Eine Sekte hat einen Guru, wir nicht. Und jede Sekte nimmt Geld, wir nehmen keines. Wir haben auch keine Mitgliederlisten.“
Vielen Betroffenen fehle Urvertrauen, häufig seien sie in Elternhäusern aufgewachsen, in denen Sucht ein Thema war. „Regina und ich hatten beide Mütter, denen wir es nie recht machen konnten“, sagt Beate, die Essstörungen als Ausdruck tief liegender seelischer Probleme bezeichnet. „Wir haben eine seelische Sucht, aber die hat auch körperliche Komponenten.“ Den meisten Menschen mit zwanghaftem Essverhalten falle es schwer, sich zu entspannen: „Essen dient als Gefühlsregulation und wird benutzt, um Gefühlsspitzen, Angst oder Arbeitsdruck zu dämpfen.“
Heute plant Beate ihre Mahlzeiten und isst nichts Süßes, denn Zucker ist für sie ein Trigger, der zwanghaftes Essen auslöst. Sie selbst habe keine Essgier mehr und fühle sich frei, könne ein Leben ohne Scham leben. Auch Regina sagt, sie müsse nicht mehr „ständig etwas im Schnabel haben“. Die Gespräche in der Gruppe drehten sich gar nicht so viel um Essen, sagen die Frauen. „Es geht viel ums Leben und wie man es angeht – und darum, dass wir nicht perfekt sein müssen.“
Mehr zum Thema im Internet unter: www.overeatersanonymous.de
Ein Nachmittag zum Thema Essstörungen in Waiblingen
Informationstag
Die Gruppe Overeaters Anonymous – Menschen mit Essstörung lädt zu einem Informationsnachmittag nach Waiblingen ein. Am Samstag, 7. Oktober, ab 14 Uhr schildern zwei Frauen ihre persönliche Geschichte zum Thema Essstörung. Darunter fallen Bulimie und Binge-Eating ebenso wie Magersucht und Orthorexie. Die Veranstaltung findet im ersten Stock des Jakob-Andreä-Hauses, Alte Rommelshausener Straße in Waiblingen, statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig, die Teilnahme ist kostenlos.
Treffen
Eine Selbsthilfegruppe der Overeaters Anonymous trifft sich jeden Mittwoch von 19 bis etwa 20.30 Uhr in der Friedrichstraße 22 in Ludwigsburg. Dort gibt es kostenlose Parkplätze, auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Treffpunkt gut zu erreichen. Weitere Informationen zur Selbsthilfegruppe sind unter der E-Mail-Adresse ludwigsburg@overeatersanonymous.de erhältlich.