Selbstmord im Gefängnis Hinter Gittern schwindet der Lebensmut

Von Frederike Poggel 

Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit: das Leben hinter Gittern nimmt vielen Häftlingen den Lebensmut. Jedes Jahr töten sich etwa 60 Gefangene selbst.

Im Gefängnis herrscht oft Hoffnungslosigkeit vor. Foto: dpa
Im Gefängnis herrscht oft Hoffnungslosigkeit vor. Foto: dpa

Stuttgart - Zuletzt hat der mutmaßliche Parkplatzmörder mit zwei Suizidversuchen Schlagzeilen gemacht. Anfang Juni hätte der Prozess gegen den 56-Jährigen beginnen sollen, der an verschiedenen Treffpunkten für Schwule zwei Männer jeweils mit einem Kopfschuss getötet haben soll. Die Anklage lautet auf zweifachen Mord. Nur Tage vor Prozessauftakt fand ein Justizbeamter den Mann aber leblos in seiner Zelle in Stammheim: Der Aidskranke wollte sich das Leben mit einer Überdosis Medikamenten nehmen, die er sich sprichwörtlich vom Mund abgespart haben muss. Erst vor wenigen Wochen versuchte er ein zweites Mal, seinem Leben mit Schnitten am Hals ein Ende zu setzen.

Bundesweit setzen Studien zufolge jedes Jahr etwa 60 Gefangene ihrem Leben ein Ende. Drei waren es 2010 allein in Baden-Württemberg, 18 weitere haben im Land versucht, sich in ihrer Zelle zu töten. Im Jahr 2005 hat es in Deutschland noch 93 Suizide hinter Gittern gegeben, 13 davon im Land. Die Zahlen sind über die Jahre zwar kontinuierlich gesunken, doch das liegt vor allem an der sinkenden Anzahl der Inhaftierten. Die Suizidrate, also die Anzahl der Selbsttötungen im Vergleich zur Zahl der Gefängnisinsassen, ist ziemlich konstant geblieben.

Gefühl der Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht

"Das Risiko, durch Suizid zu sterben, ist für einen Gefangenen um ein Vielfaches höher als für einen freien Menschen", schreibt die Psychologin Katharina Bennefeld-Kersten in einer Studie von 2005, für die sie knapp 500 Selbsttötungen untersucht hat. Das liege einerseits an der Klientel, die schon eine Suchtgefährdung oder geringe soziale Integration mitbringt. Zum anderen gebe es im Gefängnis viel weniger ungeklärte Fälle als draußen: Todesarten wie Ertrinken oder tiefe Stürze scheiden schon allein wegen der örtlichen Gegebenheiten nahezu aus.

Ein weiterer Aspekt ist das Umfeld selbst, das oft mit einem Gefühl der Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht einhergeht. Am schwersten ist die erste Zeit: Laut der Studie von Bennefeld-Kersten geschieht fast jeder zweite Suizid in den ersten drei Monaten nach der Inhaftierung. Mit jeder Woche, die vergeht, sinkt die Suizidgefährdung. Fachleute sprechen deshalb auch vom Inhaftierungsschock. "Die Häftlinge werden herausgerissen aus ihrem gewohnten Umfeld. Ihre neue Umwelt empfinden sie als latent bedrohlich - und kommen dadurch auf Ideen, die sie sonst vielleicht nicht hätten", sagt Alexander Schmid, der Landesvorsitzende desBundes der Strafvollzugsbediensteten. "Die Inhaftierung ist eine Situation, die Suizidalität hervorrufen oder steigern kann", heißt es auch in einem Papier, mit dem die Beamten in den Justizvollzugsanstalten im Land arbeiten.

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