Selbstständig in Gärtringen Ohne Quotenmann als Architektinnen erfolgreich

Julia Horbach und Natalie Dürr haben 2021 ihr Architekturbüro Juna gegründet. Foto: Stefanie Schlecht

Julia Horbach und Natalie Dürr leiten ein Architekturbüro in Gärtringen. Eine Seltenheit in der männerdominierten Baubranche. Warum sie erfolgreich sind.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Der erste Tag als selbstständige Architektinnen fiel just auf den ersten Tag Homeschooling im zweiten Corona-Lockdown. Im Januar 2021 war das; die vier Kinder von Julia Horbach und Natalie Dürr kehrten damals nach den Weihnachtsferien nicht an ihre Schulen zurück, sondern lernten von zu Hause aus. Mit dem eigenen Architekturbüro Juna Fuß fassen und nebenher Deutsch und Mathe betreuen – der Start in die Selbstständigkeit war für die zwei Frauen heftig.

 

Aber die Situation brachte auch Vorteile mit sich, sagen beide im Rückblick. Denn auch ihre Kunden, die Bauherren, waren im Homeoffice und dadurch flexibel für Vor-Ort-Termine verfügbar. Ihre beiden Ehemänner arbeiteten ebenfalls von zu Hause und konnten bei der Kinderbetreuung einspringen. Und nicht zuletzt wollten zu jener Zeit sehr viele Leute bauen. „Eigentlich war es perfekt zum Starten“, sagt Julia Horbach.

Fest etabliert in der Architekturszene im Raum Böblingen

Heute, viereinhalb Jahre später, haben Horbach und Dürr ihre Heimarbeitsplätze längst gegen ein gemeinsames Büro in Gärtringen ausgetauscht. Sie haben viele Bauprojekte zusammen realisiert; vor allem Einfamilienhäuser, aber auch Umbauten, Dachaufstockungen oder Sanierungen. Sie haben sich einen Ruf aufgebaut und sind in der Baubranche im Raum Böblingen fest etabliert.

Selbstverständlich ist das nicht: Horbach weiß von einer Studie, wonach in Deutschland nur vier Prozent aller Architekturbüros rein frauengeführt sind. „Mir war lange nicht bewusst, dass wir so ein Exot sind“, sagt die 43-Jährige. Dennoch wundert es die Juna-Architektinnen nicht. Als sie Mütter wurden, seien sie von Vorgesetzten wenig unterstützt worden; in Teilzeit zu arbeiten, sei ihnen teils verwehrt worden. „Es gab Chefs, die meinten, nach einem Jahr Kinderpause brauche man gar nicht mehr dran denken, als Architektin Fuß zu fassen“, sagt Dürr.

In Aidlingen haben die Architektinnen ein Holzhaus gebaut. Foto: Markus Guhl/Stuttgart

Auf völliges Unverständnis gestoßen seien sie dann mit der Idee, sich selbstständig zu machen. „Uns wurde gesagt: Das geht nicht, wenn man Kinder hat. Man kann so keine vernünftige Bauleitung machen, man kann kein Architekturbüro führen, wenn man nur halbtags arbeitet“, erinnert sich Dürr. Tatsächlich sei sie anfangs selbst skeptisch gewesen und hätte überlegt, ob sie womöglich einen Quotenmann einstellen sollten, um für voll genommen zu werden.

Erst als Chefinnen für voll genommen

Schließlich hatten sie oft erlebt, wie sie auf Baustellen respektlos behandelt wurden: Handwerker, die nicht mit ihnen redeten oder nicht ausführten, was sie verlangt hatten. Oder die ihnen gegenüber meinten, der Auftrag sei so nicht umsetzbar – und als der Chef nachfragte, war auf einmal alles möglich. „Ich bin sehr groß. Kleine Männer haben manchmal ein Problem mit mir“, sagt Natalie Dürr.

Der Umgang änderte sich, als sie ihr eigenes Büro gründeten. Auf einmal begegnete man ihnen auf Augenhöhe. „Es ist viel besser geworden, seit ich Chefin bin“, sagt Horbach. „Plötzlich waren die Türen offen.“ Das liege aber auch daran, dass sie nun steuern können, mit wem sie zu tun haben möchten. „Ich suche jetzt Firmen aus, mit denen ich gut zusammenarbeiten kann.“

Ihre Arbeit kommt gut an. Sie bekommen positive Rückmeldung für die Art und Weise, wie sie sich organisieren, zuhören, die Expertise anderer anerkennen und Probleme im Team angehen. „Selbst gestandene Handwerker sind positiv überrascht und sagen: Toll, Sie erreicht man immer“, sagt Horbach. „Unsere Organisation, das Kümmern, das ist eine Stärke, die wir haben.“

Inzwischen haben die Juna-Architektinnen drei Angestellte: eine Innenarchitektin, eine Architektin und eine studentische Mitarbeiterin. „Wir haben nichts gegen Männer, das hat sich so ergeben“, sagt Horbach und lacht. Alle drei seien Mütter in Teilzeit. Wenn jemand ausfällt, weil der Sohn krank ist, oder pünktlich gehen muss, um die Tochter abzuholen, hätten alle Verständnis.

Flexibel dank der Selbstständigkeit

Die beiden Chefinnen arbeiten inzwischen wieder in Vollzeit, sind aber mittags bei den Kindern und kommen anschließend zurück ins Büro. „Es klappt gut, die Kinder werden ja größer“, sagt Horbach. Das Geschäft brummt. „Wir haben viel Arbeit, viele neue Anfragen, obwohl es bei Kollegen kriselt. Wir bemerken keine Rezession bei uns“, sagt Dürr. Im öffentlichen Bereich konnten sie Böblingen, Aidlingen und Wildberg als Auftraggeber gewinnen. Ein Ziel: „Wir träumen von einem Industriebau.“

Was raten sie jungen Architektinnen? „Macht euch frei von Glaubenssätzen wie: Man muss 24 Stunden am Tag an Architektur denken und darf keine Hobbys haben“, sagt Dürr. „Man muss gar nichts.“ Horbach nickt und ergänzt: „Man muss sich nicht entscheiden zwischen Kind und Karriere. Niemand sollte sich so klein machen.“

Frauen, die bauen

Juna
Die Kombination aus den beiden Vornamen Julia und Natalie hat den Büronamen Juna ergeben. Das ist ein nordischer Frauenname, der Geburt und Entstehung bedeutet – was zum schöpferischen Arbeiten der zwei Frauen passt.

Frauen
Mitte der 2000-Jahre studierten in Deutschland erstmals hälftig Frauen und Männer Architektur. Obwohl der Anteil der weiblichen Architektinnen und Stadtplanerinnen in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist, gibt es in dem Bereich weiterhin deutlich mehr männliche als weibliche Erwerbstätige.

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