Ob bei der Wohnungssuche, im Home-Office oder unter Freund:innen – manchmal hat unsere Autorin als Selbstständige das Gefühl keiner nimmt sie ernst. Teil eins unserer Serie.

Ich habe einen Job. Eigentlich nicht nur einen, sondern mehrere. Ich schreibe für verschiedene Magazine, ich fotografiere, ich verfasse und halte Traureden für Hochzeitspaare. Und auch wenn ich für keinen dieser Jobs ein Büro und feste Arbeitszeiten brauche, bin ich – oh Wunder! – ganz gut ausgelastet.

 

In der Woche arbeite ich sicherlich auch meine 35-40 Stunden, sitze gern mal noch bis spätabends am Laptop oder führe Interviews und Kennenlerngespräche mit Paaren am Wochenende, weil sie sonst keine Zeit haben. Das alles hält gewisse Menschen aber trotzdem nicht davon ab, mir das Gefühl zu geben, keinen richtigen Job zu machen.

Ein Beispiel: Letztes Jahr habe ich mich gemeinsam mit einem Freund nach einer neuen Wohnung umgeschaut. Drei Zimmer, Küche, Bad, Altbau, Balkon – das, was eben alle wollen. Er ist festangestellter Redakteur, ich bin selbstständig. Und ratet mal, wessen Gehaltsnachweise der gefühlt letzten drei Jahre sie gerne haben wollten. Nicht seine. Doch selbst wenn ich die feinsäuberlich zusammensuche, belege, dass ich mir diese Wohnung vermutlich auch alleine hätte leisten können, als WG schon erst recht, kommt die Absage. Und da kann man mir erzählen, was man will, aber scheinbar sind Ende 20-Jährige mit Selbstständigkeit keine sehr gefragten Mieter:innen.

Lebensunterhalt von der Couch aus verdienen

Auch bei meinen Eltern ist der Groschen noch immer nicht ganz gefallen. „Ach, du arbeitest gerade?“ ist der Satz, der am häufigsten fällt, wenn ich ausnahmsweise mal wieder am heimischen Küchentisch vor dem Bildschirm sitze. Ja, Papa. Ich arbeite. Auch wenn ich dafür nur den Laptop aufklappen muss, statt wie du 35 Minuten in die Schule zu fahren. Mein Papa ist nämlich Lehrer, kann mit dem „ganzen digitalen Mist“ so gar nichts anfangen. Er versteht auch bis heute nicht ganz, wie man seinen Lebensunterhalt theoretisch von der Couch aus verdienen kann.

Die Erklärung, ich sei gerade beschäftigt, hilft aber noch lange nicht dabei, in Ruhe arbeiten zu können. Nein, man wird trotzdem gebeten, jetzt doch mal die Spülmaschine auszuräumen, den Müll rauszubringen – „und willst du nicht doch schnell einen Kaffee mit uns trinken?“ Versteht mich bitte nicht falsch, ich liebe meine Eltern. Aber ich würde auch einfach gerne mal länger als 15 Minuten an einem Artikel schreiben, ohne irgendwas gefragt zu werden.

Und wer jetzt denkt: Ach, das liegt doch bestimmt an der Boomer-Generation, der irrt. Denn auch unter meinen Freund:innen finden sich einige, für die meine Art zu arbeiten nicht so richtig greifbar scheint. Klar, ich bin nicht an feste Arbeitszeiten gebunden. Ich kann meine Arzt- und Friseurtermine auf den Vormittag legen, einkaufen gehen, wann ich will und Verabredungen auch mal auf einen Dienstag um 14 Uhr legen. Trotzdem gibt es Deadlines, manchmal Meetings oder einfach lange To-Do-Listen, die irgendwann mal abgearbeitet werden sollten.

Mittags Kaffee trinken und nachts vom Flughafen abholen

Bei meinen Freund:innen hingegen bin ich längst als die eingespeichert, die immer kann. Einen spontanen Trip nach Barcelona, der schon am Donnerstag losgeht? Ich bin dabei. Kaffeetrinken am Mittwoch um 12 Uhr? Logo! Manchmal fällt mir genau das aber auch auf die Füße – zum Beispiel, wenn mal wieder jemand ausgerechnet an einem Montag umzieht und ich zu den drei einzigen Menschen ohne 9-to-5-Job gehöre. Oder wenn mal wieder jemand nachts um 2:30 Uhr am Flughafen in Leinfelden-Echterdingen landet und die letzte Bahn schon längst abgefahren ist. „Du musst ja nicht früh aufstehen, oder?“ Nicht zwingend, aber meine drei Deadlines am Tag drauf lassen trotzdem grüßen.

Ich weiß natürlich, das ist alles Meckern auf hohem Niveau und tauschen würde ich auch nicht wollen. Ein bisschen mehr Seriosität würde ich mir für mich und die Wahrnehmung meines Arbeitsalltages trotzdem wünschen. Aber man kann ja bekanntlich nicht alles haben.