Selbsttest Wie gut ist der virtuelle Supermarkt?

Zwar hat Corona den Online-Supermärkten Auftrieb gegeben. Doch die Zahl der Anbieter, die Frischware wie Obst und Gemüse oder Wurst und Fleisch im Sortiment haben, ist begrenzt. Foto: artursfoto - stock.adobe.com/Arturs Budkevics

Wegen der Corona-Pandemie kaufen Verbraucher häufiger Milch, Gemüse, Obst und Co. im Internet ein. Ein Selbstversuch zeigt, wie alltagstauglich die Online-Lebensmittelhändler wirklich sind.

Stuttgart - Wenn der Postmann einmal klingelt, füllt sich der Kühlschrank. In der Pandemie haben etliche Verbraucher einen neuen Einkaufstrend bei Lebensmitteln entwickelt: Milch, Käse, Obst und Gemüse werden per Mausklick bestellt. Internet statt Einkaufsnetz. Wie alltagstauglich sind Online-Supermärkte? Ein Selbstversuch zeigt die Tücken für den Verbraucher auf.

 

Wie verbreitet sind Online-Supermärkte?

Corona hat den Online-Supermärkten Auftrieb gegeben: Laut dem E-Commerce-Branchenverband behv lag das Wachstum im ersten Quartal 2021 bei 84 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum – der Umsatz stieg von 361 auf 666 Millionen Euro. Allerdings ist das Niveau sehr niedrig: 1,5 Prozent beträgt der Anteil des Online-Handels am gesamten Lebensmittelumsatz. „Der Markt wird zwar größer, und der Wettbewerb nimmt zu“, sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI. „Aber noch verdient in Deutschland keiner Geld mit dem Online-Geschäft im Lebensmittelsortiment.“ Vor allem die aufwendige Zustellung verhindere es bisher, in die Nähe der Profitabilität zu gelangen.

Wie groß ist die Auswahl an Anbietern?

Die Zahl der Anbieter, die Frischware wie Obst und Gemüse oder Wurst und Fleisch im Sortiment haben, ist begrenzt. Neben etablierten Händlern wie mytime.de, der sich seit einigen Jahren neben Platzhirschen wie Rewe behauptet, probieren sich kleinere Firmen aus: zum Beispiel amorebio.de, ein Biolebensmittelhändler mit Sitz bei Bruchsal. Amazon Fresh beschränkt sich noch auf bestimmte Großräume wie Berlin/Potsdam, Hamburg und München – Stuttgart ist bisher nicht dabei.

Die verbraucherfreundlich ist die Abwicklung?

Wer zum ersten Mal online einkauft, müsse eine gewisse Lernkurve durchmachen, sagt der Handelsforscher Gerling. Der Selbstversuch zeigt: Es kostet einige Zeit, die Systematik der Webportale zu erkennen und den Einkaufskorb zu befüllen. Wichtig: Gleich zu Beginn sollte das Liefergebiet geprüft werden und die Verfügbarkeit von Lieferterminen. Sonst drohen am Ende des Bestellprozesses Überraschungen. So konnte bei einem Rewe-Center südlich der Stuttgarter Stadtgrenzen kein Lieferzeitraum innerhalb 14 Tagen festgelegt werden, weil alles ausgebucht war. Der Rewe-Konzern versichert, 90 Prozent der Haushalte zu erreichen. In der Tat kann Haltbares jederzeit per Paketservice geliefert werden. Frischware dagegen bleibt Bewohnern städtischer Gebiete vorbehalten. Bei dringenden Einkäufen kann man das online Bestellte in einer der verfügbaren Filialen in Empfang nehmen.

Wie lange dauert die Lieferung?

Ein bis drei Tage oder drei bis fünf Tage dauert die Lieferung – je nach Produkt. So versprechen es die meisten Händler auf ihren Homepages. Der Selbstversuch zeigt: 36 Stunden nach der Bestellung hat amorebio.de geliefert. Und auch Mytime.de hält sich an die vorgegebene Lieferzeit und benötigte 60 Stunden. Ist ein Produkt nicht verfügbar, erhält der Kunde schnell Bescheid – per Mail oder telefonisch. Dann wird Ersatz angeboten oder ein späterer Liefertermin.

In welchem Zustand kommt die Ware an?

Die Chipstüte ist aufgeplatzt, einige der Tomaten sind trotz Plastikschale zerquetscht, und der Lachs in der Packung sieht ziemlich geknickt aus: Die Lieferung von mytime.de ist bezogen auf die Verpackung die umfangreichste, doch die Fülle an Folie, Trockeneis und Styropor kann die Transportschäden nicht verhindern. Andere Händler packen umsichtiger ein. Immerhin: Die Kühlkette wird stets eingehalten: Das Thermometer, mit denen die Produkttemperatur von Milch, Käse und Joghurt direkt nach dem Auspacken geprüft wird, zeigt nie mehr als sechs Grad Celsius an. Wäre die Kühlkette unterbrochen, könnten sich Keime vermehren und Lebensmittel rasch verderben.

Wie gut ist das Preis-Leistungs-Verhältnis?

Auch wenn die Anbieter mit Preisvorteilen bei Lebensmittel werben: Günstiger als der normale Einkauf ist das Bestellen im Netz nicht. Ein Grund: die Auswahl an günstigen Handelsmarken ist in den Online-Shops nicht so umfangreich wie vor Ort. Hinzu kommen Liefergebühren. Diese verringern sich erst bei bestimmten Bestellsummen oder fallen ganz weg: Bei amorebio.de ist die Lieferung ab 50 Euro kostenlos. Bei Rewe.de muss für mindestens 50 Euro eingekauft werden, um überhaupt online bestellen zu können. Für Gekühltes wird ebenfalls ein Aufschlag berechnet: Bei Mytime.de sind es beispielsweise knapp sechs Euro.

Wie groß ist das Müllaufkommen?

Sehr hoch. Frischware wie Obst und Gemüse, aber auch Kühlpflichtiges wie Milchprodukte oder Fleisch- und Wurstwaren sind aufwendig verpackt. Bei amorebio.de sind die Bananen von Folien mit Luftpölsterchen umwickelt, um Druckstellen zu vermeiden. Milch und Käse liegen in speziellen Tüten – Kühlakkus halten die Temperatur niedrig. Immerhin: Die Kühltasche aus recyceltem Altpapier ist wiederverwertbar, ebenso die Akkus. Beides ist mit einer Pfandgebühr belegt. Mytime.de scheint die Ökobilanz nicht so wichtig zu sein, solange die Ware gekühlt und geschützt beim Kunden ankommt: Zwei Speiseeisbecher á 500 Milliliter, zwei Speisequarkbecher á 200 Milliliter, eine Packung Räucherlachs und 300 Gramm Tomaten wurden verteilt auf zwei Styroporboxen, jede so groß wie ein Sprudelkasten. Dazu jede Menge Folie und Trockeneis. Auch hier gilt: Die Kosten für die Retoure trägt der Kunde.

Welche Tricks erleichtern den Online-Einkauf?

Online-Besteller sollten zunächst eine Bestellung mit ein, zwei Waren anlegen und sich einen Lieferslot sichern, sagt Gerling. Dann könnten sie bis 24 Stunden vor dem Liefertermin den virtuellen Einkaufskorb aufstocken. Für Obst und Gemüse gibt es zudem gute Alternativen: Auch Landwirte haben digitale Hofläden eingerichtet, die Frisches bis vor die Haustüre liefern – wenngleich mit einer begrenzten Auswahl.

Wie zukunftsfähig ist der Markt?

„Der Kunde erwartet, dass er alles erhält, als wäre er im Supermarkt gewesen – möglichst ohne große Zusatzkosten“, sagt der Handelsforscher. Dadurch müssen die Anbieter draufzahlen, wenn sie keine hohen Liefergebühren veranschlagen wollen. Das sei auch ein Grund, warum sich die führenden Discounter aus dem Onlinegeschäft noch weitestgehend zurückhalten. Edeka hat im Ruhrgebiet eine Partnerschaft mit Picnic: Dieser Lieferdienst setzt auf feste Liefertage in bestimmte Stadtgebiete – eine Strategie, die sich durchsetzen könnte, glaubt Gerling.

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