Selbstversuch: Eine Tour durch Stuttgart Fahrradfahren ist Stress

Schon wieder eine Baustelle: Eigentlich soll man zumindest für die kurzen Wege das Auto stehen lassen. Stuttgart macht es Radfahrern alles andere als leicht. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

In Stuttgart macht Radfahren wenig Spaß. Oft muss man sich Wege und Übergänge mit Fußgängern teilen. Andererseits ist es gut, von ihnen ausgebremst zu werden – so kann man zumindest in Ruhe die verwirrenden Wegeführungen analysieren.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Heute ist ein besonderer Tag. Ein Mann hat mich angelächelt! Er wollte die Marienstraße überqueren, ist aber stehen geblieben, als er mich sah, und hat mir freundlich zugenickt. Das ist mir noch nie passiert – zumindest nicht auf dem Fahrrad. Denn Fahrradfahrer sind nicht beliebt. Selbst ich kann sie nicht sonderlich gut leiden. Vor allem, wenn ich im Auto sitze. Fußgänger springen brav zurück, sobald sich ein Wagen nähert. Die Beziehung zwischen Autos und Rädern ist dagegen ein stetes Kräftemessen – wie zwischen David und Goliath.

 

Ich bin keine leidenschaftliche Radfahrerin. Sobald ich einen Hügel hochstrample und ein E-Bike lässig an mir vorbeischnurrt, ist meine Motivation schon wieder dahin.

Da die Politik aber ständig mahnt, Autos zwar zu kaufen, sie aber, bitte, nicht zu benutzen, steige ich gelegentlich aufs Rad. Ein schlichtes Modell, für das Profis nur einen traurigen Blick übrighätten. Allein der Korb auf dem Hinterrad verrät schon, dass ich nicht sportlich unterwegs bin.

Auf der Tübinger Straße kommt es oft zu brenzligen Situationen

Stuttgart ist keine Fahrradstadt, will es aber werden. Eines Tages sollen Radler 20 Prozent des gesamten Verkehrs ausmachen. In der Tübinger Straße hat man dieses Ziel längst erreicht. Auf ein Auto kommen hier etwa zehn Fahrräder, drei E-Scooter, eine Horde Segways und mindestens 30 Fußgänger. Auch wenn sich das nicht mehr offiziell „Shared Space“ nennt, überfordert mich das ungeregelte Miteinander beim Radeln kolossal.

Höchste Konzentration ist gefordert, weil es ständig zu brenzligen Situationen kommt. Die Passanten benehmen sich wie in der Fußgängerzone und laufen kreuz und quer. Autofahrer schleichen, beschleunigen und halten wieder abrupt. Und während ich bemüht bin, nicht aufzufahren, zieht garantiert ein Radler klingelnd an mir vorbei, als sei ich das eigentliche Hindernis.

Es ist nicht leicht, als Hobbyradler in Stuttgart durchzukommen. Fahrradprofis, die tagtäglich mit dem Bike zur Arbeit radeln, haben vermutlich ihre festen Strecken. Aber weil es doch immer heißt, man solle der Umwelt zuliebe zumindest bei den kurzen Wegen das Auto stehen lassen, will ich heute in die Bibliothek am Mailänder Platz radeln, um ein Buch zurückzugeben.

Nach dem netten Lächeln des Mannes in der Marienstraße rolle ich also auf die Paulinenstraße – und beschließe mal wieder, jetzt endgültig einen Helm zu kaufen. Denn meine Spur ist plötzlich gesperrt, so dass ich winke, damit mich ein Auto in die mittlere Spur lässt. Dabei übersehe ich allerdings, dass der Asphalt an einer Stelle gefährlich abgesunken ist. Glück gehabt: Mit einem Hopser und dem Schrecken komme ich davon.

Radeln auf dem Gehweg kann teuer werden

Nichts wie schnell auf die Radspur, die nach der Kurve beginnt – dabei aber direkt auf den Gehweg führt. Seitdem der neue Bußgeldkatalog in Kraft getreten ist, habe ich auf dem Trottoir ein mulmiges Gefühl, schließlich kostet es jetzt 55 Euro, „verbotswidrig Fußgängerzone oder Gehweg“ zu befahren. Würde man das Grüppchen fragen, das gerade vor dem Eingang von Stuttgart-Marketing eine Zigarettenpause macht, würde es sicherlich sagen, dass es sich bei dem schmalen Stück um einen Bürgersteig handelt, wo Radler nichts zu suchen haben. Trotzdem machen sie den Weg artig frei.

Eine Lektion, die man als Radfahrer in Stuttgart dringend lernen sollte: Ein Fahrradsymbol bedeutet noch nicht, dass man auch freie Fahrt hat, sondern nur, dass man hier theoretisch fahren darf. Beim Autoverkehr ist das anders. Selbstverständlich muss man im Auto nicht wie beim Skirennen ständig um Hindernisse manövrieren oder gar aussteigen, um den Wagen an Objekten vorbeizuschieben. Autostraßen enden auch nicht einfach im Nichts.

Für Radler ist es dagegen die Norm, dass man sich Wege mit Fußgängern teilen muss, mit Kindern, die gerade laufen lernen, alten Menschen mit Gehhilfe, mit kleinen und großen Gruppen, Kinderwagen, Turteltauben und Träumern. An den kombinierten Rad-und-Fußgänger-Ampeln, die es in Stuttgart immer häufiger gibt, wird es deshalb sehr eng – erst recht, wenn einem wie am Charlottenplatz noch ein Pulk von Radlern entgegenkommt. Selbst auf der lauthals gepriesenen neuen Fahrradstraße in der Eberhardstraße, diesen wirklich lachhaft wenigen Metern, muss man häufiger bremsen und ausweichen als auf der B 14.

An den Stuttgarter Ampeln gibt es mehr Haltegriffe für Radler

Um auch mal etwas Positives zu sagen: Die Zahl der Haltegriffe an Stuttgarter Ampeln hat deutlich zugenommen. Bordsteine wurden abgesenkt. Man merkt an vielen Stellen in der Stadt, dass man an die Fahrradfahrer denkt. Es gibt auch einen Online-Radroutenplaner, selbst wenn dessen Vorschläge mitunter sehr umständlich sind.

Trotzdem drängt sich mir immer wieder die Frage auf, ob die Fahrradstadt Stuttgart auf dem Fahrradsattel oder doch eher auf dem Bürostuhl konzipiert wird. Anders lässt es sich nicht erklären, dass die erste Fahrrad-Sammelgarage ausgerechnet unter der Paulinenbrücke steht.

140 000 Euro hat man es sich kosten lassen, dass neben dem Gerber nun 40 Räder geparkt werden könnten. Der Stellplatz lässt sich über das Internet mieten – für einen Euro pro Tag, vier Euro die Woche oder 90 Euro im Jahr. Das ist günstig, aber ich habe noch nie gesehen, dass hier mehr als zwei, drei Plätze belegt wären. An einem Bahnhof oder an S-Bahn-Haltestellen könnte man ein Fahrradparkhaus gebrauchen, in Wohngebieten oder dort, wo viele Menschen arbeiten. Unter der Paulinenbrücke, wo es nicht mal eine U-Bahn-Station gibt, offensichtlich nicht.

Womöglich geht es aber gar nicht darum, Radfahrern das Leben zu erleichtern und nebenbei Konflikte zu entschärfen, sondern darum, mit Symbolpolitik und schlagzeilenträchtigen Aktionen das Image als grüne Stadt aufzupolieren. Deshalb hat man nun auch Berlin nachgeeifert, wo während Corona zahlreiche Pop-up-Radwege eingerichtet wurden. Ohne großen bürokratischen Aufwand wandelte man in der Hauptstadt Autospuren in Radwege um, indem man Markierungen auf den Asphalt sprayte.

Für den neuen Pop-up-Radweg wurde die Radspur gesperrt

Das kann Stuttgart auch. 130 000 Euro hat man jetzt dafür in die Hand genommen, um zwei provisorische „Pop-up-Bike-Lanes“ zu schaffen. Aber nicht etwa auf der Hauptstätter Straße, wo man acht Spuren hat, aber trotzdem keinen Platz für Radler abzweigen mag. Auch nicht auf der Heilbronner, der Hohenheimer Straße oder der Neuen Weinsteige. Nein, der Pop-up-Radweg wurde auf der Theodor-Heuss-Straße geschaffen – und zwar direkt neben der bereits existierenden Radspur. Die ist jetzt offiziell gesperrt.

Schön ist es trotzdem, dass ich nun nach einigen Engpässen an der Baustelle Calwer Passage freie Fahrt auf dem breiten Pop-up-Radweg habe und fröhlich pfeifend ein Stück vorankomme – auch wenn zwischendrin ein genervter BMW-Fahrer aus dem Stau ausschert und mit quietschenden Reifen auf meine Bus-und-Rad-Spur zieht.

Auf der Höhe des Kleinen Schlossplatzes ist das Glück dann schon wieder vorüber. Ich biege rechts auf den Parkplatz ein und lande, mal wieder, auf dem Gehweg. Vor der Bolzstraße: ein übles Nadelöhr, weil die Restaurants Tische rausgestellt haben und sehr viele Passanten unterwegs sind.

Hätte ich mich womöglich doch in die Autoschlange einreihen müssen? Soll ich jetzt absteigen? Das Rad über den Zebrastreifen in die Lautenschlagerstraße schieben, auf der viele Menschen mit Getränken herumstehen und jetzt auch noch ein Münchener SUV direkt auf mich zufährt? Offensichtlich kapiert er nicht, dass ihm in der Einbahnstraße Radfahrer entgegenkommen können.

Die Wegeführung erschließt sich nicht immer auf Anhieb

Bevor man in Stuttgart aufs Rad steigt, müsste man eigentlich erst in Ruhe die vielen neuralgischen Punkte analysieren, an denen sich die Regeln oft nicht ad hoc erschließen. Zumal man als Radler dazu verpflichtet zu sein scheint, für sämtliche Verkehrsteilnehmer mitzudenken. Für wen gilt welche Ampel an der neu geregelten Torstraße? Wo soll man vor dem Finanzamt weiterfahren, nachdem der Weg einfach aufhört? Darf man vor dem Neuen Schloss übers Pflaster hoppeln? Und wie sieht es konkret im Schlossgarten aus?

Wenn ich richtig mitgezählt habe, sind am Ende meiner Tour gut und gern 385 Euro Bußgelder fällig geworden. Oder doch nicht? Wer weiß, vielleicht sind die Verkehrsplaner vom Gewusel im Stuttgarter Kessel genauso überfordert wie ich, die ich mir wünschen würde, einfach nur etwas ernster genommen zu werden. Ich brauche definitiv keine ausgewiesenen Radstreifen, die nach ein paar Metern schon wieder enden – denn das Einfädeln ist deutlich gefährlicher, als sich die Straße durchgehend mit Autos zu teilen.

Statt noch mehr Stückwerk zu verzapfen, sollte auch mal jemand über die Verbindungsstücke zwischen den ausgewiesenen Wegen nachdenken und die dann auch unübersehbar markieren. Vor allem aber will ich als Radfahrerin nicht den Fußgängern zugeschlagen werden. Denn auch wenn ich nicht sehr sportlich unterwegs bin, ein bisschen schneller als zu Fuß möchte ich doch vorankommen. Selbst mit Körbchen hintendrauf.

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