Selbstversuch im Klinikum Stuttgart Meine erste Blutspende
Kollabiert der Kreislauf? Droht eine Ohnmacht? Trotz diffuser Ängste riskiert unsere Autorin einen Selbstversuch und spendet erstmals Blut.
Kollabiert der Kreislauf? Droht eine Ohnmacht? Trotz diffuser Ängste riskiert unsere Autorin einen Selbstversuch und spendet erstmals Blut.
Man muss gar nicht drum herum reden: Es lag an der Angst. Deshalb habe ich für mich schon vor Jahren beschlossen, dass ich kein Blut spenden kann. Freunde haben gesagt: „Komm doch mal mit, da gibt’s sogar Frühstück gratis.“ Auch das Gewissen mahnte, dass man der Gemeinschaft – oder zumindest einem Menschen, der womöglich mit dem Tode ringt – einen halben Liter Blut abgeben sollte. Aber ausgerechnet ich?
In Krankenhausserien werden häufig Nieren oder Teile der Leber gespendet. Nach zehn Sendeminuten ist die Sache erledigt und sitzen die Geber quietschfidel in ihrem Krankenhausbett und scherzen mit dem Pflegepersonal. Aber wenn nur fünf Liter Blut im Körper zirkulieren – wie soll das Leben weitergehen, wenn da plötzlich zehn Prozent auf einen Streich abgezapft werden?
Ich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zum Blutabnehmen. Als Kind bin ich dabei einmal umgekippt. Der Arzt fand das so bemerkenswert, dass er mir eine altmodische Spritze aus Glas schenkte. Wer weiß, ob ich den Vorfall ohne diese nette Geste nicht vergessen und mich schon bald in die Gruppe der Blutspender eingereiht hätte. Vielleicht würde ich heute sogar zu denen gehören, die vom Oberbürgermeister persönlich im Rathaus die Hand geschüttelt und eine Urkunde überreicht bekommen – 100. Spende, 200. oder gar 500. Spende.
Die gläserne Spritze ist längst verloren gegangen, ich dagegen muss immer, wirklich immer an den Vorfall denken, sobald jemand auf meine Armbeuge klopft, drückt, tätschelt, stöhnt – und dann den immer gleichen Satz sagt: „Sie haben schlechte Venen, aber jetzt probieren wir es mal mit der.“
Rund 35 000 Blutspenden werden im Lauf eines Jahres in der Blutzentrale des Klinikums Stuttgart abgezapft. Das klingt nach einer Menge Konserven, die bei Unfällen, Operationen und Krebsbehandlungen zum Einsatz kommen können – und doch ist es nicht genug. Auch die Stuttgarter Zentrale plagen Nachwuchssorgen, denn selbst wenn man Leute über 18 Jahren gewinnen kann, muss man stets fürchten, dass sie auch schon wieder Adieu sagen und in eine andere Stadt ziehen, um hoffentlich dort zu spenden. Auch die Reiselust der Generationen Y und Z wirkt sich negativ auf die Bilanzen aus, weil man nach Fernreisen oft für Wochen oder gar Monate gesperrt ist.
Wer online seinen Termin zur ersten Blutspende ausmacht, wird schon gewarnt, dass er etwas Zeit mitbringen müsse. Das stimmt, zumal ich vor Sorge, keinen Parkplatz zu bekommen, viel zu früh los bin. An sich würde ich für eine solche Strecke aufs Rad oder in den Bus steigen, aber das ist mir in diesem Fall zu riskant. Denn komme ich nach einer plötzlichen Ohnmacht, nach einem Schwächeanfall oder sonstigen Katastrophen überhaupt noch nach Hause?
Es geht freundlich zu in der Blutzentrale des Klinikums Stuttgart. Ausnahmsweise ist man hier nicht Patient und Bittsteller, sondern sehr willkommen. Es ist auch eine angenehme Ausnahme, dass es sich hier nicht um Krankheiten dreht, sondern die meisten Besucher kerngesund sind. Sie müssen allerhand Formulare ausfüllen mit indiskreten Fragen nach Liebesleben oder Drogenkonsum. Weil ich bei letzterem treu und redlich „Ja“ angekreuzt habe, ergibt sich beim anschließenden Arztgespräch gleich eine nette Plauderei über Jugendsünden.
Die erscheinen dem Arzt weniger dramatisch als meine Frühstücksgewohnheiten. Nach der Kontrolle von Blutdruck und Puls verordnet er mir deshalb sofort, was doch eigentlich der krönende Abschluss der Blutspende ist: ein Vesper. Ich weiß nicht, warum das Blutspenderfrühstück so sagenumwoben ist. Als ich in den Raum vis-à-vis der Spenderäume komme, futtern dort allerhand Leute mit bestem Appetit. Die einen haben sich am Automaten einen vegetarischen Wrap gezogen, die meisten beißen dagegen lustvoll in Würstchen.
Ganz ehrlich? Ich esse gewöhnlich keine Saitenwürstchen zum Frühstück. Auch schlichte Weizenbrötchen gehören nicht zu meiner Lieblingsspeise. Immerhin, die Dame hinter der Theke hat auch Vollkornbrot im Angebot, Butter und Honig. Das soll das viel gelobte Blutspender-Frühstück sein, von dem immer so vollmundig geschwärmt wird?
Für mich wird das heute der Lohn sein. Ab der zweiten Spende erhält man zum Frühstück noch 25 Euro obendrauf. Für einige mag das ein Anreiz sein, aber Elisabeth Körner, leitende Oberärztin an der Blutzentrale, ist da ganz realistisch: „Wenn man mit der Bahn reingefahren ist, ist die Hälfte des Geldes schon wieder weg.“ Ob es deshalb zu wenig Blutspender gibt?
Seit Corona sind die Spenden noch mal zurückgegangen. Die diversen Artikel darüber haben mich ins Grübeln gebracht, ob ich meine diffusen Ängste nicht doch allmählich über Bord werfen sollte. Den letzten Ausschlag gab aber keineswegs mein Edelmut, sondern eine Meldung in einer Illustrierten, die behauptete, Blutspenden sei gesund. Das leuchtete mir unmittelbar ein: Man wird seine alte Brühe los – und der Körper bildet frisches und köstlich gesundes Blut. Blutspenden als Jungbrunnen. Das hat sogar einen Angsthasen wie mich überzeugt.
Elisabeth Körner macht meine Hoffnungen leider zunichte. Es gebe zwar zahlreiche Studien über die Wirkung des Blutspendens, aber keine, die die gesundheitlichen Vorzüge „knallhart“ belege. Immerhin: Dauerspender würden berichten, dass es ihnen gut tue – was daran liegen könnte, dass sie Gutes tun.
Ungesund ist das Spenden in jedem Fall nicht, sofern man mindestens fünfzig Kilo auf die Waage bringt, gesund ist und die nötigen Pausen zwischen den Terminen einhält. Frauen dürfen viermal pro Jahr, Männer sechsmal spenden. Bürokratisch betrachtet ist ihr Blut ein Medikament, weshalb es vielfach kontrolliert werden muss, was im Umkehrschluss den Spendenden, aber auch Elisabeth Körner und ihren Kollegen „viel Papierkrieg“ beschert.
Als ich sämtliche Kästchen angekreuzt und gefrühstückt habe, kann ich endlich auf der Liege Platz nehmen, um Spende Nummer eins zu überleben. Artig führe ich sofort die eine Vene vor, die gemeinhin als halbwegs tauglich erachtet wird – und werde die nächste Viertelstunde eisern aus dem Fenster schauen, wie ich es immer tue, sobald jemand eine Nadel in mich stechen will. Deshalb bekomme ich nur aus dem Augenwinkel mit, wie mein kostbarer Lebenssaft durch ein dünnes Schläuchchen in einen Beutel fließt, während ich brav auf eine aufgerollte Mullbinde drücke, die man mir in die Hand gedrückt hat. Vorsichtshalber habe ich die Medizinische Fachangestellte in hochinteressante Gespräche verstrickt, um erst gar nicht in Versuchung zu kommen umzukippen.
Man merkt, dass hier Profis am Werk sind. Die Nadel ist völlig problemlos in die Vene geflutscht. Aber auch ich bewähre mich – nicht nur, weil ich nicht zu schnell und nicht zu langsam, sondern im perfekten Rhythmus die Mullbinde drücke, um mein Blut in Schwung zu pumpen. Ich werde sogar gelobt für die hervorragende Fließgeschwindigkeit meines Blutes. Das hört man gern.
Keine Viertelstunde – schon ist die Prozedur vorüber. Und während ich mit einem dicken Mullwickel am Arm schon wieder im Vesperraum sitze und wieder kein Würstchen esse, warte und warte ich. Aber ich werde einfach nicht ohnmächtig. Kein Kreislaufkollaps, nicht mal der Hauch von Schwindel ist zu spüren. Stattdessen geht es mir einfach nur gut, sehr gut sogar. Denn auch wenn noch kein neues, frisches, jugendliches Blut durch mich hindurchfließt, so bin ich plötzlich sehr, sehr stolz auf mich und staune, wieso ich mir jahrzehntelang eingebildet habe, dieses Viertelstündchen nicht durchstehen zu können.
Nachdem mein Blut nach Ulm gefahren wurde, wo es kostengünstiger als in Stuttgart aufgetrennt werden kann, bekomme ich Post vom Klinikum. Es ist die Stunde der Wahrheit, in der sich zeigen wird, ob meine Karriere als Blutspenderin jäh endet – oder ob ich in ein paar Monaten einen neuen Anlauf nehmen kann in Sachen Saitenwürstchen. Entwarnung: alles in Ordnung. Bei einem auffälligen Ergebnis würde man ohnehin telefonisch informiert werden. Bei schweren Erkrankungen oder einer HIV-Infektion wird man einbestellt.
So werde ich fortan – versprochen – regelmäßig ins Klinikum radeln, schließlich will ich irgendwann auch meinen offiziellen Blutspendeausweis in den Händen halten, den man nach dem dritten Termin erhält. Wer weiß, vielleicht werde ich eines Tages nicht mehr eisern aus dem Fenster schauen müssen, während ich auf meiner Mullbindenrolle herumdrücke. Meine jahrelange Angst war definitiv unbegründet. Wobei es in der Stuttgarter Blutzentrale schon mal vorgekommen sein soll, dass jemand umgekippt ist und sich die Nase angeschlagen hat. Aber ansonsten gibt Elisabeth Körner Entwarnung: „Es passiert echt selten etwas.“