Selbstversuch in Stuttgart Mit dem Fahrrad durch den Kessel

Von Fiona Herdrich 

Wenn’s ums Radeln geht, ist Stuttgart nicht unbedingt ganz vorne mit dabei. Die Straßen sind hier fest in der Hand der Autofahrer. Ist das Fahrrad im Stuttgarter Kessel trotzdem eine sinnvolle Alternative für Studenten?

Das Fahrrad als Fortbewegungsmittel in Stuttgart: Studentin Fiona Herdrich hat den Selbstversuch gemacht und zieht ein positives Fazit. Foto: Cathrine Dersch
Das Fahrrad als Fortbewegungsmittel in Stuttgart: Studentin Fiona Herdrich hat den Selbstversuch gemacht und zieht ein positives Fazit. Foto: Cathrine Dersch

Stuttgart - Irgendeine Ausrede hatte es immer gegeben: Es gibt keine Radwege, bei denen ich keine Umwege nehmen müsste und auf den normalen Straßen ist zu viel Verkehr. Der Weg ist viel zu steil und zu anstrengend. Oder in Stuttgart bestimmt nicht ganz unbeliebt: Auf der Strecke ist eine große Baustelle und die Umleitung ist viel zu umständlich. Doch im vergangenen Semester habe ich mich aufgerafft und einen Selbstversuch gestartet. Ich wollte herausfinden, warum in Stuttgart so wenig geradelt wird. Laut dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) machen Fahrradfahrer hier nur sechs bis sieben Prozent des gesamten Verkehrs aus. Dabei ist das Fahrrad doch das studentische Fortbewegungsmittel Nummer eins. Bei uns an der Hochschule sieht man aber so gut wie nie eines parken.

Mit dem Zug und der Stadtbahn habe ich mein Fahrrad von meinen Eltern zu mir nach Stuttgart geholt. Praktischerweise kann man Fahrräder in ganz Baden-Württemberg nach 9 Uhr morgens in allen öffentlichen Verkehrsmitteln umsonst mitnehmen. Für meinen ersten Versuchstag habe ich mir den weitesten Weg ausgesucht, es ist gleichzeitig der schönste und – nach meiner persönlichen Einschätzung – auch der sicherste, denn er besteht größtenteils aus Radwegen. Fast die ganze Strecke fahre ich am Neckarufer entlang, durch einen Park oder den Weinberg vor dem Römerkastell. Den Weinberg hoch zu radeln ist anstrengend und schneller als mit der Bahn bin ich mit dem Rad auch nicht unbedingt. Die Bahn schlägt meine Fahrradstrecke am Anfang meines Versuchs um ganze 15 Minuten. Dafür muss ich mich aber nach keinem Fahrplan richten, kein Ticket kaufen oder mich in der vollen Bahn zwischen Pendlern und Schülern einpferchen lassen.

Wer morgens zur Uni mit dem Fahrrad unterwegs ist, der sollte einen Rucksack mitnehmen oder zumindest einen guten Gepäckträger haben. Meine Umhängetasche nervt beim Fahren, ist unbequem und bestimmt auch nicht ganz ungefährlich. Nach zwei Woche habe ich beschlossen, auf meinen alten Rucksack aus Schulzeiten umzusteigen. Für den sportlichen Weg zur Uni eignet sich auch nicht unbedingt jeder Kleidungsstil und vor allem nicht jedes Schuhwerk. Ein bisschen praktisch muss es schon sein. Und einen Helm zu tragen ist in punkto Sicherheit auf jeden Fall ein Muss.

Berg rauf, Berg runter

Nach drei Wochen kenne ich die Strecke ziemlich gut und meine Kondition hat sich verbessert, sodass ich nicht mehr ganz so lange brauche. Auf dem Rückweg fahre ich eine Abkürzung. Die ist zwar weniger schön, aber dafür habe ich ein bisschen Abwechslung.

Auch zum Hauptbahnhof komme ich mit meinem Rad ohne Probleme und das auch noch erstaunlich schnell. Mit Rückenwind brauche ich 40 Minuten. Das ist zwar knapp dreimal so lange wie mit der Bahn, dennoch bin ich überrascht. Bis zur Rosensteinbrücke sind die Radwege zum Stadtzentrum auch gut ausgeschildert. Ab dem Rosensteinpark verlasse ich mich dann auf mein Gefühl. Das ist in Ordnung, denn es geht fast nur noch geradeaus. Das Schöne an der Stuttgarter Kesselform: es geht nicht nur den Berg rauf, sondern auch genauso oft den Berg runter. Und im Park ist die Strecke sowieso topfeben. Nur im Schlosspark kurz vor dem Ziel ist mir plötzlich eine riesige S21-Baustelle im Weg. Der Vorteil an einer Stadt, in der es wenig Fahrradfahrer gibt, ist aber, dass man auf jeden Fall einen Stellplatz bekommt. An vielen VVS-Haltestellen findet man Fahrradbügel oder überdachte Fahrradständer. Am Hauptbahnhof und an der Schwabstraße kann man für ein paar Euro im Monat auch eine Fahrradbox, so eine Art Minigarage für den Drahtesel, mieten.

Als Radfahrer in Stuttgart nicht allein

Bevor ich meinen Selbstversuch anfing, dachte ich noch, dass es in Stuttgart so gut wie keine Radfahrer gäbe. Aber tatsächlich begegneten mir viele Menschen mit Fahrrädern aller Art. Dass liegt vielleicht auch daran, dass ich nun selbst auf dem Radweg unterwegs und aufmerksamer bin. Ich bin also nicht völlig alleine. Trotzdem: dafür, dass ich morgens immer an einer großen Schule vorbei komme, sind es vielleicht eine Handvoll, verglichen mit den Massen, die sich immer in der Straßenbahn drängen. Denn die Straßen Stuttgarts gehören den Autofahrern. Alles was keinen Motor hat, wird lediglich als Randfigur geduldet. Dagegen protestiert die Critical-Mass-Bewegung – indem sie im Pulk durch die Straßen radeln, um ihren natürlichen Lebensraum zurückzuerobern. Critical Mass gibt es in vielen Städten. Hamburg ist im April Spitzenreiter mit 3.053 Teilnehmern. Aber auch in Stuttgart versammeln sich an jedem ersten Freitag im Monat etwa 200 Teilnehmer am Feuersee, um für ihre Rechte als Fahrradfahrer zu demonstrieren.

Die Stadt Stuttgart versucht bereits, ihnen entgegenzukommen. Ein neues Radverkehrskonzept ist 2010 entwickelt worden und kostet die Stadt, laut Stuttgarter Zeitung, 1,5 Millionen Euro. Durch den Ausbau des Radnetzes und die Verbesserung der Sicherheit soll der Anteil der Fahrradfahrer von derzeit etwa sieben auf zwanzig Prozent gesteigert werden. Dem ADFC geht das aber zu langsam, denn gerade in der Stadt, die Spitzenreiter in Sachen Feinstaubbelastung ist, sollte mehr geradelt werden. Um mehr Stuttgarter aus dem Auto und rauf auf den Drahtesel zu bekommen, organisiert die Stadt jedes Jahr zusammen mit dem ADFC die Stuttgarter Fahrradtage mit Stadttouren und vielen Informationen rund ums Radeln auf dem Schlossplatz.

Zugegeben ganz durchgehalten haben ich nicht. Gerade in den ersten zwei Wochen war der innere Schweinehund noch ziemlich groß. Wenn ich spät dran war oder das Wetter nicht mitmachte, waren öffentliche Verkehrsmittel letztlich doch meine erste Wahl. Aber trotzdem ist Fahrradfahren in Stuttgart eine gute Möglichkeit von A nach B zu kommen, umweltfreundlich, sportlich, kostenlos.

Dieser Text ist im Rahmen eines Projekts zum Thema "Studieren in Stuttgart" in Zusammenarbeit mit der Macromedia-Hochschule in Stuttgart entstanden. Alle Beiträge der Journalistik-Studenten gibt es auf unserer Themenseite.

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