Selbstversuch in Tübingen Kann man als 42-Jährige noch eine Ballerina werden?
Ballett ist angesagter denn je. Es soll grazil machen und Stress vertreiben. Ein Selbstversuch mit Vorbelastung in Tübingen.
Ballett ist angesagter denn je. Es soll grazil machen und Stress vertreiben. Ein Selbstversuch mit Vorbelastung in Tübingen.
Und dann lässt die Frau mich einfach alleine. Bis eben stand Julia Sametzki-Kraus noch neben mir vor einer Spiegelfront, die Hände an einer Ballettstange. Sie tanzt vor, ich mache es nach. „Achtung, ich gehe weg!“, sagt sie aus heiterem Himmel und tritt zur Seite. Jetzt soll ich es ohne Abgucken durch die Choreografie schaffen. Die Klaviermusik läuft. Auf die rechte Fußspitze hochdrücken, auf die linke, Fersen wieder runter, Plié, Tendu, wie ging das noch mal weiter? Mein Gehirn versucht, französische Fachbegriffe in die richtige Reihenfolge zu pfriemeln. Meine Beine versuchen auch irgendwas. Das hier ist härter als jede Mathe-Abiturprüfung, bei der man parallel eine Steuererklärung schreiben und ein Schachturnier absolvieren muss.
Julia Sametzki-Kraus, 49, hat eine Ballettschule in Tübingen. Der Unterricht findet in einer mehr als 100 Jahre alten Jugendstil-Villa statt. Der Tanzsaal hat eine Kassettendecke und bodentiefe Fenster, draußen springt ein Buntspecht einen Baum hinauf. Kinder lernen hier nicht tanzen. Sametzki-Kraus hat sich auf Erwachsene spezialisiert. Die bringen ihr zufolge ganz andere Voraussetzungen mit: Die Knochen sind nicht mehr so weich wie die von jungen Menschen, Sehnen und Bänder nicht mehr so dehnbar, der Kopf ist nicht mehr so unbedarft. „Da muss man vorsichtig und achtsam arbeiten“, sagt sie. „Da braucht es eine ganz andere Methode als bei Kindern.“
Sametzki-Kraus unterrichtet klassisches Ballett nach den Leitlinien der Royal Academy of Dance, der führenden Organisation in der Tanzausbildung. Sie bereitet die Übungen für Erwachsenenkörper auf, die auch schon die ein oder andere Knieverletzung durchgemacht haben. „Ballance – Ballettschule für Große“ hat sie ihre Einrichtung bei der Gründung vor rund zehn Jahren genannt. Jetzt trifft sie damit voll den Zeitgeist.
Denn bei Großen boomt Ballett. Auch jenseits der eigentlichen Leibesübung. Modeschöpfer sind ganz verliebt in die Ästhetik der Tanzbekleidung. Seit Jahren laufen Frauen mit sogenannten Ballerinas an den Füßen eben nicht nur in Tanzsälen, sondern auch im Großraumbüro und bei Date Nights auf. Modemagazine loben den Trend „Balletcore“ aus und präsentieren Models mit Dutt-Frisuren und in geschmeidigen Bodys, auf dass die Leserinnen diesen Look in ihren Alltag integrieren mögen. Es ist ja auch verständlich. Das ganze Rosa! Die transparenten Stoffe! Der Tüll! Im Ballett wird nicht in Sandgruben gehüpft, im Ballett werden keine Trikots mit Schlamm bespritzt und keine Mitspieler per Blutgrätschen von den Beinen geholt. Im Ballett ist alles so hübsch und sauber und voller Anmut.
Ich mache eine Schnupperstunde bei Julia Sametzki-Kraus. Zu Beginn bekomme ich weiche Lederschläppchen. Wir machen uns warm, ziehen die Zehen ran, lassen wieder locker. Das ist wichtig, weil die Füße beim Tanzen sehr beansprucht werden, wie mir die Trainerin erklärt. Sie zeigt mir unterschiedliche Fußstellungen, die im Ballett „Positionen“ heißen. Ich soll den Bauch anspannen, nicht ins Hohlkreuz ausweichen. „Stell Dir vor, ein Faden zieht dich am Brustbein nach oben.“
Im Grundschulalter habe ich schon einmal Ballett gemacht. Irgendwie ist mir das in mein Freizeitprogramm aus Flöten, Leichtathletik und Narrenzunft noch hineingerutscht. Das Nachbarskind ging auch hin, also wurde ich angemeldet. Ich kann mich erinnern, dass bei einer Aufführung alle anderen Mädchen aus meiner Gruppe ein Tutu anziehen und Rosen darstellen durften. Ich trug kein Tutu. Stattdessen hatte ich eine weiße Hose und ein weißes Shirt an und auf dem Kopf ein monströses Gestell mit einem grünen Zipfel, weil ich im Stück eine Blumenzwiebel spielen sollte. Sagen wir so: Mein Lieblingshobby war es nicht.
Später tauschte ich die Schläppchen gegen Reitstiefel und Mistgabel. Als 42-Jährige habe ich jetzt beim Sport am liebsten Bouldergriffe oder Hanteln in der Hand und E-Gitarren mit Gesang, der eigentlich Geschrei ist, auf den Ohren. Ballerinas trage ich nicht mal im Alltag, Turnschuhe immer. Anmut steht nicht auf meiner Agenda. Aber mir fehlt Abwechslung.
Neben der Fashionwelt erobert Ballett auch die Fitnessgemeinde in einer Art Light-Version. Immer mehr Sportstudios und insbesondere zahlreiche Fitness-Influencer bieten neuerdings „Barre Workouts“ an. „Barre“ ist Englisch für Ballettstange – wer keine eigene hat und online trainiert, kann zuhause an einem Stuhl turnen. Die Kurse kombinieren entsprechend Elemente aus dem Ballett mit Pilates und traditionellen Kräftigungsübungen. Das soll straffe Arme und schlanke Beine machen und die Haltung Richtung Schwanensee-Niveau optimieren. Neben optischen Verheißungen wird Ballett derzeit aber vor allem als Stresskiller für die erschöpfte Durchschnittsgesellschaft gefeiert. Denn im Gegensatz zu einem Halbmarathon oder einer Serie von Strecksprung-Liegestütz-Kombinationen sollen die moderaten Tanzbewegungen zwar fordern, aber nicht überfordern, heißt es. Das Bewusstsein für den Körper stärken, aber ihn nicht noch mehr aufputschen. Ballett, das neue Yoga?
Julia Sametzki-Kraus hat als Sechsjährige mit Ballett angefangen. In ihrem schleswig-holsteinischen Heimatdorf war sie damit noch ein Kuriosum, Mitschüler neckten sie manchmal deswegen. Aus kindlichem Zeitvertreib wurde Leistungssport. Wochentags Training, samstags Bühnenproben, sonntags Auftritte. Sie bekam die damals übliche harte Schule. Ihre Ballettmeisterin ließ sie die Beine schwingen, da war sie noch nicht aufgewärmt, heute ein No-Go. Später machte sie eine Ausbildung zur Tanzpädagogin, schloss ein Soziologiestudium ab, bekam zwei Kinder, eröffnete ihre eigene Ballettschule. Der Vorteil gegenüber Online-Workouts: „Korrekturen sind wichtig, weil man sich schnell viel Falsches angewöhnen kann.“ Und: „Tanzen ist ein Miteinander. In einer Choreografie muss man aufeinander achten, damit es synchron aussieht.“
Heute gehören zu ihren Schülern Studenten, Berufstätige, junge Mütter, Großmütter, drei Männer. Altersspanne: 18 bis 70 Jahre. Wenn sie in der Villa ankommen, haben sie einen Arbeitstag oder Arztbesuch hinter sich, über eine Hausarbeit für die Uni gestöhnt oder den Nachwuchs in die Kita gebracht. „Alle haben Stress“, sagt Julia Sametzki-Kraus. „Fast alle, die hierherkommen, sprechen davon, dass sie zurzeit angestrengt sind.“ Der Name „Ballance“ ist Programm. Er soll das Ausgleichsmoment verdeutlichen.
Sametzki-Kraus hat Weiterbildungen gemacht, unter anderem zur Burnout-Prävention durch Tanz. Im Team ihrer Ballettschule arbeitet auch eine Physiotherapeutin, in die Stunden integriert sie Mediationseinheiten oder progressive Muskelentspannung. „Ballett geht nur mit maximaler Körperanspannung“, sagt sie. Da sei es wichtig, zwischendurch mal runterzukommen. Loszulassen. In den Bauch zu atmen. „Für viele sind die Ballettstunden auch emotional wichtig.“
Von einer Bühnenkarriere als Primaballerina träumen ihre erwachsenen Schüler in der Regel nicht mehr. Ehrgeizig sind sie schon. Sie wollen Spagatsprünge schaffen oder Pirouetten drehen können, ohne umzukippen. Nicht für das große Publikum, aber für das eigene Hochgefühl. Manchmal muss die Tanzlehrerin zum Schutz vor Verletzungen ein wenig bremsen. Aber irgendwann klappt es. Und dann wird aus der entnervten Studentin oder der abgehetzten Mama eine Königin. „Wie cool so ein Moment ist! Die Leute gehen hier ganz anders raus als sie reingekommen sind“, sagt Julia Sametzki-Kraus. Ihren Beruf begreift sie so: „Meine Aufgabe ist dafür zu sorgen, dass die Leute sich selbst gut finden.“
Nach dem Aufwärmen legen wir uns auf eine Matte, machen Übungen für Bauch- und Oberschenkelmuskeln, als Grundlage für das eigentliche Ballett-Techniktraining danach. Dann geht es an die Stange. Sehe ich anmutig aus? Lieber nicht zu genau in den Spiegel schauen. Zumindest wage ich gar nicht, irgendwie buckelig herumzulungern – allein, um die Szenerie nicht zu ruinieren.
Ich lerne eine kleine Choreografie. Erst tanzen wir sie ausgehend vom rechten Fuß, dann spiegelverkehrt vom linken. Mutmaßlich ist sie babyeierleicht. Für mich bedeutet sie geistige Schwerstarbeit. Nebenbei abschweifen? Sich über die stoffelige Supermarktkassiererin aufregen? Über das neue Tempolimit in der eigenen Stadt? An den Kundendiensttermin für das Auto denken? An das E-Mail-Postfach, das so aufgeräumt ist wie die Butze eines Zwölfjährigen? An zu besorgende Weihnachtsgeschenke? An Politiker, die so aufgeräumt wie ein Zwölfjähriger agieren, an Gletscher, die schmelzen, weil man selber Tempo-30-Zonen doof findet und an den sicher eintretenden Weltuntergang? Sich das Hirn über das Leben jenseits eines 138 Quadratmeter großen Ballettsaals zermartern? Keine Chance.
„Man muss ganz viel mitdenken, mitzählen, Muster erkennen“, sagt Julia Sametzki-Kraus. „Man muss sich wirklich konzentrieren. Das ist der entscheidende Punkt. Da vergisst man seinen Alltag. Da lässt man los. Denn sobald man nicht mehr fokussiert ist, ist man schon rausgeflogen aus einer Choreografie.“
Ich fliege nicht raus, es ist ein Wunder. Ich kriege ein Lob. Klappt, das mit dem Gut-Fühlen. Und, oh Mann, voll angenehm, so ohne Turnschuhe. Ballett für Große? Prima Idee, wenn man Stressabbau, aber dabei weder volles Karacho noch das esoterische Brimborium fernöstlicher Bewegungslehren möchte. Nur zwischendurch ploppt vor meinem inneren Auge immer mal wieder noch das Bild einer Blumenzwiebel auf.