Ein Sprichwort sagt, es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen. Was aber, wenn man kein „Dorf“ im Sinne einer großen Familie vor Ort hat? Da knüpft der Beruf der Mütterpflegerin an. In den Niederlanden ist er verbreitet, in Deutschland noch nicht so sehr. Mütterpflegerinnen sollen vor allem für Mütter im ersten Jahr nach der Geburt eine nichtmedzinische Hilfestellung sein. Sie kümmern sich um den Haushalt, die Kinder und vor allem um die Mutter.
Laut Berufsverband erlebt der Beruf in Deutschland wieder einen Aufwind. „Das Bedürfnis nach einer Wochenbettkultur kehrt zurück in unsere gesellschaftliche Mitte“, sagt Nadja Laue aus dem Vorstand des Berufsverband für Mütterpflegerinnen. „Der Bedarf ist so groß, dass Kolleginnen ihn nicht decken können“, so Laue. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es derzeit nur fünf beim Verband registrierte Mütterpflegerinnen.
Eine davon ist Wiebke Hindorf. Die 42-Jährige stammt aus Hannover und hat selbst zwei Kinder. Mit denen und ihrem Ehemann lebt sie in Ludwigsburg und unterstützt seit 2022 Mütter professionell. „Der Bedarf ist so verschieden wie die Mütter und Familien selbst“, sagt Hindorf. Sie hilft im Haushalt, betreut Kinder, gibt Tipps zur Organisation des Alltags mit einem Neugeborenen und ist einfach da, um die Mütter zu entlasten: „Meine Freundinnen sagen mir, dass sie sich so etwas auch gewünscht hätten, aber gar nicht wussten, dass es Mütterpflegerinnen gibt.“
Harmonie im Familienalltag: Die Rolle der Mütterpflegerin
Im Haushalt zu helfen sei eigentlich immer Teil der Arbeit, aber es gehe oft auch um viel mehr. „Ich rede viel mit den Müttern und nehme ihnen das Kind oder die Kinder für eine gewisse Zeit ab“, erklärt Hindorf. Ein Auftrag bestand etwa darin, einfach ein Kind jeden Morgen in die Kita zu bringen, bei anderen geht es dagegen viel tiefer. Hindorf wird für Wochen oder Monate fast schon Teil der Familie.
„Dass es persönlich passt, ist wichtig, da hatte ich allerdings auch noch nie Probleme“, sagt Hindorf. Mit Widerständen müsse sie innerhalb der Familie eigentlich auch nie kämpfen. In der Regel sei allen Beteiligten klar, dass Unterstützung notwendig sei. Die Väter seien, während sie da ist, in der Arbeit.
Hindorf ist eine freundliche und ruhige Frau, der man ihre Erfahrung anmerkt. Sie hat als Ergotherapeutin und Schulbegleiterin für Kinder mit Behinderung gearbeitet und sich während der Corona-Zeit nach einem neuen Betätigungsfeld umgesehen. „Das Kind, das ich begleitet hatte, konnte dann selbstständig die Schule besuchen und so suchte ich mir eine neue Herausforderung“, erklärt die Ludwigsburgerin.
Flexibilität und persönliche Erfahrung: Der Beruf der Mütterpflegerin
So wie Hindorf geht es wohl vielen Mütterpflegerinnen. Der Beruf, der in Selbstständigkeit ausgeübt wird, profitiert von persönlichen Erfahrungen bei eigenen Kindern. Noch dazu gibt er den Frauen – laut Berufsverband sind keine männliche Mütterpfleger bekannt – viel Flexibilität.
Zwei Entwicklungen in der Gesellschaft führen nach Einschätzung von Hindorf und des Berufsverbands zum zunehmenden Bedarf an Mütterpflegerinnen: Es sei mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert und verbreitet, dass Mütter mit Neugeborenen oft Hilfe bräuchten, zum anderen gebe es kaum noch die Großfamilie, bei der sich mehrere Angehörigen finden, die aushelfen können. „Frauen suchen gezielt nach psychosozialer Unterstützung jenseits der medizinischen Versorgung“, sagt Laue.
Für Hindorf ist der Job erfüllend, weil man wirklich helfen und die Situation für Mütter verbessern kann. Nur selten ende ihr Arbeitstag unzufrieden. Die schönen Momente überwiegen. Hindorf begleitet die werdenden Mütter gerne schon während der Schwangerschaft und so ergeben sich teils enge Bindungen. „Neulich habe ich die Einladung zu einem ersten Geburtstag erhalten, weil ich der Mutter direkt nach der Geburt geholfen hab. Das freut einen natürlich riesig“, sagt die 42-Jährige.
Auch wenn sich der Beruf im Aufwind befinde, hat auch der erst einige Jahre alte Berufsverband noch viel Arbeit vor sich. Die Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten für die Mütterpflegerin, wenn ein Arzt den Bedarf feststellt. Ein eigenes Formular gibt es aber nicht, und so läuft die Dienstleistung unter „Haushaltshilfe“. „Dabei sind wir viel mehr“, sagt Hindorf. Gerade der soziale Aspekte und die Gespräche mit Müttern sei so zentral und das könne eine Haushaltshilfe nicht leisten.
Der Beruf der Mütterpflegerin
Historie
In Deutschland gab es laut Berufsverband MDEV Mütterpflege Deutschland bis Anfang der 1970er-Jahre den Beruf der Wochenpflegerin oder auch Entbindungshauspflegerin. Ende der 1990er-Jahre hat Dorothea Heidorn, Hebamme, die Versorgungsnotlage erkannt und die ersten Mütterpflegerinnen ausgebildet. Etwa 200 Mütterpflegerinnen sind heute in ganz Deutschland registriert.
Ausbildung
Es gibt mehrere Ausbildungsinstitute in Deutschland. In der Regel geht die privat finanzierte Ausbildung ein Jahr und umfasst Hospitationen, mindestens einen überwachten Praxiseinsatz und Erste-Hilfe-Kurse für Säugling/Kind und Erwachsene.