Senioren in S-Mitte Das erste Selfie mit 86

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Die 85-Jährige Hanna Funk aus Stuttgart macht sich fit im Umgang mit dem Tablet und einer Seniorenapp. Sie wird dabei von einer jüngeren Seniorin unterstützt.

Zwei, die sich verstehen: Brigitte Deobald (72) beantwort die Fragen von Hanna Funk (86) rund um Tablet und Internet. Foto: Cedric Rehman
Zwei, die sich verstehen: Brigitte Deobald (72) beantwort die Fragen von Hanna Funk (86) rund um Tablet und Internet. Foto: Cedric Rehman

S-Mite - Hanna Funk hat heute ihr erstes Selfie gemacht. Die 86-Jährige hat von sich und der 72-jährigen Brigitte Deobald ein Foto auf ihrem Tablet aufgenommen. Wer die beiden Seniorinnen im Servicebüro KommiT im Treffpunkt Rote­bühlplatz erlebt, kann sich vorstellen, dass sie dabei viel gelacht haben.

Funk und Deobald wirken vertraut miteinander wie zwei alte Freundinnen. Dabei kennen sie sich noch gar nicht lange. Eine Mitarbeiterin des Wohlfahrtswerks hat die beiden miteinander in Kontakt gebracht. Seitdem bilden sie ein Tandem, in dem die Jüngere der Älteren erklärt, wie ein Tablet funktioniert.

Begleiter bilden sich weiter

Brigitte Deobald hat sich zuvor als eine von circa 100 Begleiterinnen in Stuttgart bei dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt weitergebildet. Sie hat gelernt, wie sie anderen Senioren die Kniffe des Tabletgebrauchs und eine von KommiT für Senioren entwickelten App nahebringen kann.

Die App soll ein Werkzeug sein, mit dem Senioren sich in Stuttgart vernetzen und für sie interessante Informationen im Blick haben können. Ein Seniorencafé, ein organisierter Ausflug an den Bodensee oder in die Staatsgalerie – das Internet ist voll von Angeboten, die für Ältere spannend sein könnten. Doch ein Problem ist die Scheu vor dem nun nicht mehr ganz neuen, aber immer noch für viele Ältere ungewohnten Medium. Wer nicht im Datennetz surfen will oder kann, bekommt vieles nicht mit, was den Alltag erleichtern oder neue Bekanntschaften ermöglichen könnte.

Senioren fühlen sich überfordert

Hanna Funk bringt es mit einem Vergleich auf den Punkt. „Als ich groß geworden bin, waren Telefone selten“, sagt die Seniorin. Nun sieht Funk an der Stadtbahnhaltestelle jüngere Menschen, die förmlich verwachsen scheinen mit ihren digitalen Apparaten. Das Staunen über die Allgegenwärtigkeit der neuen Technik gehe schnell in das Gefühl von Überforderung über, schildert die Seniorin. Selbst Geräte im alltäglichen Gebrauch wie zum Beispiel Waschmaschinen glichen inzwischen Computern. „Früher haben die Leute Angst gehabt, dass sie sich ein neues Gerät nicht leisten können. In meinem Alter macht man sich Sorge, ob man es überhaupt bedienen kann“, sagt Funk.

Seit einigen Jahren besitze sie zum Beispiel ein Tablet. Sie habe es aber nur zum Schreiben von E-Mails verwendet. Die Suchmaschinen als Portale zum Internet mied sie dagegen. „Ich hatte immer Angst, etwas anzuklicken und dann komme ich da nicht mehr heraus“, meint Funk.

Jüngere haben Anfang des Internets erlebt

Brigitte Deobald ist 14 Jahren jünger als Funk. Doch in Bezug auf die Vertrautheit mit den neuen Medien und Techniken scheinen sie ganz unterschiedlich aufgestellt zu sein. Deobald berichtet davon, dass sie im Internet Waren bestellt. „Und wenn ich was nicht weiß, gebe ich es in einer Suchmaschine ein“, sagt sie.

Den Unterschied macht die Zeit, die beide von ihrem Berufsleben trennt. Während ein heute Siebzigjähriger bereits mit den Anfängen der Digitalisierung konfrontiert war, haben Neunzigjährige gerade noch den Einzug der damals würfelartigen Computer in die Büros miterlebt. Funk hat früher für die Stuttgarter Zeitung gearbeitet. „Bei uns kamen die Computer 1976. Ich musste dann bis zur Rente damit arbeiten und habe mir dann geschworen, dass ich so ein Ding nie mehr anfasse“, sagt sie.

Der Umgang mit dem Tablet war unsicher

Ihr Schwur hielt nicht ewig, auch weil die Enkel nicht in Stuttgart leben. Doch Unsicherheit, gar Unwohlsein blieben, sobald sie ihr Tablet anschaltete.

Seit einiger Zeit sitzt die 86-Jährige mit ihrer Begleiterin Brigitte Deobald einmal die Woche zusammen. „Eine halbe Stunde nehmen wir uns zum Quatschen, der Rest wird gearbeitet“, sagt sie.

Das Besondere an dem Lernen im Seniorentandem sei ein Verhältnis auf Augenhöhe, meint Funk. Die Enkelinnen würden bei einer Nachfrage das Gerät lieber selbst richten, als der Oma etwas zu erklären. „Sie meinen dann, das gehe schneller. Da fühle ich mich blöd“, sagt die Senioren. Ihre Tandembegleiterin wiederhole die Dinge dagegen so oft, bis Hanna Funk sie verstanden hat, meint Funk.

„Dass Frau Deobald soviel Zeit für mich übrig hat, ist das Wichtigste. Es gibt nichts Wertvolleres als Zeit“, sagt sie.

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