Tübingen/Pforzen - Wie durch Flüssigkleber stapft Thomas Lechner zu den Spuren längst vergangener Tage. Der graue, schlammige Boden schmatzt bei jedem Schritt. Nach tagelangem Regen ist der Himmel klar, die Luft schneidend kalt. Gute Bedingungen für eine Reise in eine Zeit vor zwölf Millionen Jahren.
Eine solche Reise unternehmen an diesem Tag sechs von Lechners Helfern. In Warnwesten sitzen sie auf kleinen Plastikhockern vor einer hüfthohen Wand aus grauem Sand. Im Hintergrund türmen sich steile Klippen aus Ton. Mit Zahnbürste und Messer kratzen sie sich behutsam voran, Zentimeter um Zentimeter, auf der Suche nach Knochen und anderen Überresten uralten Lebens.
Normalerweise würde auch Thomas Lechner dort knien und graben. Doch heute hat er dafür kaum Zeit. Er muss seine Chefin, die Paläontologin Madelaine Böhme, vertreten und alles in einem sein: Ausgrabungsleiter, Sachverständiger, Pressesprecher. Vor allem muss er sich um die Besucher kümmern, die nun fast täglich kommen. Heute sind es zwei Autoren, die hier in der Hammerschmiede für ihren nächsten Krimi recherchieren wollen.
Seit zehn Jahren gräbt im Örtchen Pforzen im Ostallgäu ein Team der Universität Tübingen nach Knochen. Seit Ende 2019 ist die Grabungsstätte in der Tongrube Hammerschmiede weltberühmt. Da präsentierte Madelaine Böhme 11,6 Millionen Jahre alte Knochen des aufrecht gehenden Menschenaffen Danuvius guggenmosi. Eine Sensation, die das Evolutionsverständnis veränderte: Die 37 Knochen von vier Individuen beweisen, dass die Evolution des aufrechten Gangs nicht, wie bis dahin angenommen, vor sechs Millionen Jahren in Afrika entstand, sondern in Europa. Genauer: in Süddeutschland.
Und die Grube hat noch weit mehr zu bieten: Allein in diesem Jahr machte das Team der Uni Tübingen mehr als 2500 Funde. Nach Udo, wie Böhme den männlichen Menschenaffen taufte (am Tag des Fundes wurde Udo Lindenberg 70 Jahre alt), entdeckte das Team den Schädel eines Riesenkranichs, dem damals wohl größten Vogel der Welt. Und erst vor wenigen Wochen gruben sie den Unterkiefer eines Babyelefanten aus. Die Fundstelle im Allgäu, durch die sich einst ein Flusslauf zog, ist voll von Fossilien. Insgesamt machten die Forscher 15 000 Funde, die sie 134 verschiedenen Wirbeltierarten zuordnen.
Zähe Verhandlungen mit dem Tongrubenbetreiber
Doch dem Ausgrabungsteam scheint die Zeit wie flüssiger Ton durch die Hände zu sickern. Für die Funde blieben den Forschern gerade mal anderthalb Monate in diesem Jahr. Zähe Verhandlungen mit dem Tongrubenbetreiber behinderten die Ausgrabungen mehr als ein halbes Jahr. Und das wiederum hat viel mit den Helfern zu tun.
„Letztes Jahr waren wir noch mit 54 Freiwilligen hier“, sagt Lechner. In diesem Jahr dürfen es nur 20 sein. Manche der Freiwilligen sind quasi Nachbarn, kommen aus Pforzen oder den umliegenden Dörfern. Andere sind von weiter weg. So wie Francois Ohl aus der Schweiz. Mit seinem eigens mitgebrachten Werkzeug, Archäologenkelle und Zahnarztbesteck, hockt der Mann mit Hornbrille und goldenem Ohrstecker auf einem Plastikschemel und schabt in der weichen Erde.
„Am Strand liegen zum Urlaub-Machen, das kann ich nicht“, sagt er, „ich brauche Action.“ Seit ihm seine Frau zum 50. die Teilnahme an einer Grabung schenkte, nimmt er mehrmals im Jahr an solchen Projekten teil – an archäologischen wie an paläontologischen. Bei Ersteren geht es um die Untersuchung der Menschheitsentwicklung, bei Letzteren um die Entwicklung von Lebewesen im Allgemeinen. „Beides hoch spannend“, sagt Ohl. Wobei in der Paläontologie der einzelne Fund etwas aussagekräftiger sei. Man erfahre nicht nur etwas über das Tier, zu dem der Knochen gehöre, sondern auch über die Landschaft und das Klima zu der Zeit. Schon bei seiner ersten Grabung merkte Ohl, wie schnell er alles um sich herum vergaß. Wie Meditieren ist das stundenlange Kratzen und Pinseln und Suchen und Finden für den 65-Jährigen.
Das Team um Böhme und Lechner habe ihn vorbehaltlos aufgenommen. Damals, vor drei Jahren, als er zum ersten Mal dabei war. „Hier ist jeder gleich. Professoren, Doktoranden oder Versicherungsangestellte wie ich. Uns eint die Leidenschaft des Sammlers.“
Backenzahn vom Biber
Aus dem Schlamm pult Ohl einen grau-braunen Gegenstand. Er wendet ihn in seinen Handschuhen, steht dann auf und eilt zu Lechner. „Das müsste vom Biber sein, der vierte Backenzahn links“, sagt Lechner nach einem kurzen Blick auf das kleine Stück. „Hab ich mir sofort gedacht“, meint Ohl.
Thomas Lechner, der 28 Jahre alte Bayer mit spitzen Gesichtszügen, ist nicht nur Leiter der Ausgrabungen in der Hammerschmiede. Das Projekt erforscht er auch im Rahmen seiner Doktorarbeit, die er bei Madelaine Böhme schreibt. „Hier ist es ungefähr 14 Grad Celsius wärmer im Jahresmittel“, sagt er. „Hyänen und Löwen leben hier, das sieht man gut an den Bissspuren bei manchen Knochen. Es gibt Wälder entlang des Flusses, aber auch weite Freiflächen.“ Er redet im Präsens, als sei das alles heute noch zu sehen. „I leb des komplett“, sagt er im breiten Bayrisch.
Schon als Junge in der siebten Klasse habe er zu Hause das Skelett eines toten Igels präpariert und zusammenmontiert. Heute betreibt er mit seinem Vater ein kleines Privatmuseum bei ihnen am Chiemsee. Etwa 4500 Präparate hätten sie bereits, sagt er. Erst im vergangenen Jahr transportierten die beiden das Skelett eines zwölf Meter langen Buckelwals von Island nach Deutschland. Wenn er die Landschaft des Allgäus vor zwölf Millionen Jahren mit einem Ort heute auf der Welt vergleichen müsste? „Dann wär’s vielleicht das Okavangodelta in Botsuana.“
Lechner sticht hervor unter den Doktoranden, die am Tongruben-Projekt beteiligt sind. Bei jedem Knochen, den man ihm hinhält, kennt er auf Anhieb das dazugehörige Tier samt lateinischem Namen. Ob Flughörnchen oder Schnappschildkröte.
„Er ist ein Diamant“, sagt Madelaine Böhme über Lechner. „Aber bei mir sind eigentlich alle Diamanten.“ Es ist ein regnerischer Freitagmorgen ein paar Tage später. Böhme sitzt in ihrem mit Büchern und Knochen vollgestellten Büro in der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen. Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch, noch bevor sie sich ihre erste R1 anzündet.
Mit 19 brachte sie den ersten Elefantenschädel nach Hause
Die Zigarette in der Hand kommt sie ins Reden. Mit tiefer, kantiger Stimme spricht sie über Verteilung von Intelligenz in der Gesellschaft, ihre Sorge um die Freiheit der Wissenschaft, ihre Liebe zu Goethes „Faust“. Über ihr Leben in der DDR und ihre Jugendjahre in Bulgarien, wo sie 1967 zur Welt kam. Mit zwölf unternahm sie ihre erste Grabung. Mit 19 brachte sie einen Elefantenschädel mit nach Hause. „Meine Oma wollte mir nicht glauben, dass es in Bulgarien Elefanten gab.“
Und natürlich spricht sie über die Funde in der Hammerschmiede, die sie weltberühmt machten. Zwischen 2015 und 2018 fand sie neben Udo Knochen von drei weiteren Menschenaffen. „Menschenaffen zu finden ist immer etwas extrem Besonderes auf der Welt. Aber die Tragweite der Funde wurde mir erst bei den Untersuchungen am Computer klar.“
Auch in diesem Jahr könne sie, sagt sie geheimnisvoll, „Entdeckungen präsentieren, die für Furore sorgen“. Mehr verrät sie nicht. Erst müsse das mit den bayrischen Behörden koordiniert werden, die die Grabungen in diesem Jahr mit 450 000 Euro finanzierten.
Noch immer ist das Medieninteresse an Madelaine Böhme und ihren Grabungen riesig. Erst am Vortag seien Kollegen der Deutschen Presse-Agentur da gewesen, erzählt sie. Das öffentliche Interesse nutzt sie auch, um eine stärkere Position gegenüber dem Betreiber der Tongrube zu haben.
Wettlauf gegen die Zeit und die Bagger
„Es war schon sehr ärgerlich, dass wir dieses Jahr erst im September anfangen konnten zu graben und wegen des nassen Wetters jetzt schon wieder aufhören müssen“, sagt sie. Dem voraus gegangen waren zähe Verhandlungen mit der Firma Geiger, die dort in erster Linie Ton abbauen will. Es ging um die Zahl der Teilnehmer. Darum, dass alle Warnwesten und Sicherheitshelme tragen müssten und dass nicht am Wochenende gegraben werden dürfe. Sind die Schutzvorkehrungen womöglich nur ein Vorwand, um die Grabungen zu behindern? „Das weiß ich nicht“, sagt Böhme. „Ich weiß nur: Jahrelang hat das alles niemanden interessiert.“ Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und die Bagger geworden, die mit ihrer Arbeit unschätzbar wertvolle Knochenüberreste für immer zerstören könnten.
Nach außen bemühen sich mittlerweile beide Seiten, ein gutes Verhältnis auszustrahlen. „Jeder von uns hat legitime Interessen“, sagt Böhme. Geiger will nicht auf den Tonabbau verzichten, sie nicht auf ihre Grabungen. Derzeit sei beides parallel möglich, teilt die Firma auf Anfrage mit. Richtig ist aber auch, dass Geiger gegen die Unterschutzstellung der Grabungsstellen Klage vor dem Verwaltungsgericht Augsburg erhoben hat.
Madelaine Böhme ist zuversichtlich, auch im nächsten Jahr in der Hammerschmiede graben zu können. „Ich möchte noch bis zu meiner Pensionierung in 15 Jahren dort aktiv sein“, sagt sie. Ihr ganzes Leben lang habe sie der unbändige Durst nach Wissen angetrieben. „Ich habe riesige Fragen an die Welt.“
Auch an diesen Ort im Allgäu. Wie sah die Vegetation damals aus? Welche Pflanzen gab es? Wie genau war die Zweibeinigkeit von Udo? Wie konnte er aufrecht gehen? Nur auf Ästen in Bäumen oder womöglich auch auf dem Boden? „Dafür müsste ich einen Fuß finden“, sagt Madelaine Böhme. Das kann dauern. „Aber“, zitiert sie aus ihrem geliebten „Faust“, „wer Recht hat und Geduld, für den kommt auch die Zeit.“