Sensationsfund im Altpapier Ausgerechnet Ehningen: Mathebuch von 1806 taucht auf
Erst lag es im Altpapier, dann 40 Jahre lang in einer Kiste: das Schulmuseum Ichenhausen besitzt ein wunderschönes handgeschriebenes Rechenbuch aus Ehningen.
Erst lag es im Altpapier, dann 40 Jahre lang in einer Kiste: das Schulmuseum Ichenhausen besitzt ein wunderschönes handgeschriebenes Rechenbuch aus Ehningen.
In Ehningen weiß man, was zählt, und das mindestens seit dem Jahr 1806. So alt ist der Sensationsfund, den jetzt das Schulmuseum in Ichenhausen bei Günzburg öffentlich gemacht hat. Es ist das Rechenbuch von Johann Jakob Theurer, einem Weber, der in Ehningen daselbst von 1794 bis 1849 lebte und zehn Kinder hatte, von denen leider nur zwei das Erwachsenenalter erreichten.
Er war aber nicht nur am Webstuhl ein Meister, sondern auch ein Ass im Rechnen, was jenes Rechenbuch beweist. Darin stehen handgeschriebene Aufgaben, die der Weberbub meisterlich löste und die nicht nur einen Blick in die Rechenkünste der Vergangenheit öffnen, sondern auch Kulturgeschichtliches erzählen. In einer Textaufgabe beispielsweise heißt es „Item Ein Meister hat 12 Gesellen, die machen ihm in 12 Tag ein Stockmauer um sein Hauß . . .“
Während der Rechenschüler die Länge der Mauer in Zoll ausrechnen musste, erzählt die Aufgabe uns Nachgeborenen, dass man – zumindest in der Theorie – eine 100 Meter lange Natursteinmauer in zwölf Tagen schaffte, und das ohne Maschinen, Strom und Baufahrzeuge. Darunter hat der Rechenschüler Johann Jakob Theuer ein schönes Wohnhaus mit Türmchen gezeichnet.
Das Buch ist in deutscher sogenannter Currentschrift geschrieben, und der Lehrbub hätte in Schönschreibung sicher eine Eins bekommen. Das war aber nicht nur Selbstzweck. Weil Bücher überaus teuer waren und es Buchhandlungen nur in den großen Städten gab, fungierten die handgeschriebenen Blätter auch als Lehr- und Nachschlagebuch für spätere Zeiten. Dennoch muss dieses Buch etwas Besonderes gewesen sein, sonst hätte man es nicht ausgehoben.
Doch sieht das handgeschriebene Kleinod ziemlich zerzaust aus, und was es in der Zeit von 1806 bis 1985 alles durchgemacht hat, wissen wir nicht. In jenem Jahr 1985 muss sein Besitzer des Buches überdrüssig geworden sein, worauf er es ins Altpapier der Gemeinde Bernried am Starnberger See warf.
Kurt Dörr, damals Vorsitzender des BUND, hatte für den Verein eine Altpapiersammlung gemacht und wie er auf dem Hänger vom Bulldog steht, sieht er das Buch und rettete es vor der Zerstörung. 40 Jahre lag es gut aufbewahrt in einer Kiste, bis er es im Mai 2025 nach längerem Hin- und Her zwischen verschiedenen Museen dem Schulmuseum in Ichenhausen schenkte. Der Vorsitzende des Ichenhausener Fördervereins Otto Imminger kam auf die Idee, es dem Heimatgeschichtsverein Ehningen auszuleihen.
Dessen Vorsitzende Jutta Schießler hat das Buch dann in Empfang genommen und jeder, der wollte, konnte es bei ihr einsehen, etwa 40 Leute seien gekommen, um die wunderschön beschriebenen Seiten zu betrachten. Es habe sie auch ein bisschen an ihre eigene Schulzeit erinnert, sagt sie, besonders als sie die Reihen von Zahlen sah, die untereinandergeschrieben waren: „Das war das Türmchenrechnen, das ich auch noch gelernt habe, und mit dem man das Addieren und Subtrahieren lernte“, erinnert sie sich.
Überhaupt geht es in dem Rechenbuch sehr methodisch zu. Jede Aufgabe beginnt mit lateinisch „Item“, „also“ und endet mit lateinisch „Facit“. Und jedes Ergebnis wird mit der „Proba“ nachgerechnet. Einige Aufgaben erscheinen aus heutiger Sicht leicht, wie jene: „Item 1 Graf hat 41 Mayerhöf und von Jeden Jährlich 56 Gulden, 25 Kronen und 3 Heller Einkommens. Was macht solches in Allem?“
Man muss aber wissen, dass das metrische System noch nicht erfunden war und wieviel Heller ein Gulden hatte, hing vermutlich davon ab, in welchem Landstrich man sich aufhielt. Der Mathe-Zögling jedenfalls schaffte auch diese Aufgabe mir Bravour und Proba.
Ein wenig verwundert es schon, dass der begabte junge Mann aus Ehningen nicht mehr aus sich gemacht hatte, aber damals war man auf Förderer angewiesen, die einem die höheren Schulen bezahlten, und wenn es die nicht gab, dann blieb der Schuster halt bei seinen Leisten und der Weber halt bei seinem Rahmen.
Über Johann Jakob Theuer ist nicht viel bekannt. Nach dem Buch „Ehninger Familien“ von Alfred Benz war er zweimal verheiratet, nach dem raschen Tod seiner ersten Ehefrau mit nur 20 Lebensjahren heiratete er ihre Schwester, die von 1803 bis 1882 lebte. Die Eheleute hatten zehn Kinder, acht davon starben schon im Kindesalter. Weil Johann Jakob Theuer mit dem exakt gleichen Geburtsdatum im Ehninger Kirchenbuch wie im Rechenbuch verzeichnet ist, beweist es, dass es sich um das Ehningen bei Böblingen handelt und nicht um einen anderen Ort dieses Namens.
Überhaupt scheint das Rechnen ein Grundtalent des Fleckens gewesen zu sein. In der Oberamtsbeschreibung von 1850 heißt es: „Die Ehninger sind fleißig, stolz, wissbegierig, nachdenkend und lesen viel. Ihre Vermögensumstände sind im Vergleich mit anderen Orten vorteilhaft.“ Ob dieses hiermit verbriefte Talent der Ehninger es war, das die IBM veranlasste, vom schönen Böblingen nach Ehningen zu ziehen und dort den Quantenrechner zu bauen, das wissen wir natürlich nicht.
Immerhin ist hier ein früher Beleg für den Zusammenhang zwischen Bildung und Einkommen gegeben. Der greifbare Beweis davon ist das Ehninger Rechenbuch, das jetzt wieder im Schulmuseum Ichenhausen zurück ist. Dort soll es restauriert und hernach ausgestellt werden.
Schulmuseum
Das Bayerische Schulmuseum Ichenhausen ist ein Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums und hat seinen Sitz im Unteren Schloss in Ichenhausen. Es wurde 1984 eröffnet und zeigt die Geschichte des Lehrens und Lernens von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart.
Heimatgeschichtsverein
Der Verein beschäftigt sich mit den privaten und politischen Lebensumständen der Vergangenheit in Ehningen und ist Träger der Heimatstube.