Serie 24 Stunden Ludwigsburg Müde Gestalten wollen nur heim

Die letzte S-Bahn bringt ein paar   junge Nachtschwärmer gegen halb zwei Uhr via Halt Favoritepark  nach Eglosheim Foto: factum/Weise
Die letzte S-Bahn bringt ein paar junge Nachtschwärmer gegen halb zwei Uhr via Halt Favoritepark nach Eglosheim Foto: factum/Weise

24 Stunden Ludwigsburg – in einer 24-teiligen Serie erzählen wir, wie die Ludwigsburger und die Gäste der Stadt leben und arbeiten. Zwischen 1 und 2 Uhr ist das Bahnhofsareal fast menschenleer. Ein paar einsame Gestalten wollen nur eins: möglichst schnell nach Hause.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Ludwigsburg - Es ist bitter kalt in dieser Nacht beim Ludwigsburger Bahnhof kurz nach 1 Uhr. Im Foyer stehen zwei junge Frauen. Sie rauchen, frieren und warten – auf die letzte S-Bahn, die sie heim nach Bietigheim bringen soll. „Wir kommen aus einer Shisha-Bar“, sagt eine der beiden, lächelt müde und zieht wieder am Glimmstängel. Die S 5 soll um 1.16 Uhr ankommen, das ist auf der Anzeigetafel zu lesen. Noch rund eine Viertel Stunde müssen die beiden Freundinnen also frösteln. Aus den Lautsprecherboxen dudelt Instrumentalmusik, ganz leise, aber beständig. Im Pizza-Kebabhaus, das mit dem Slogan „ofenfrisch und superschnell“ wirbt, bestellt ein Mann mit dicker Fellmütze auf dem Kopf einen Kebab. Der Mann hinter der Theke erklärt, dass er werktags eigentlich um 1 Uhr nachts den Laden schließe. Aber der letzte Kunde werde freilich noch bedient.

Im Kebabhaus sitzen noch zwei Frauen, geschätzt Ende vierzig, und unterhalten sich. Die eine Dame zeigt der anderen auf ihrem Smartphone Fotos von der Tochter. „Wie alt“, fragt die Bekannte. „22“, sagt die Frau mit dem Handy und gibt unmissverständlich zu verstehen, dass sie sich jetzt nur mit ihrer Freundin unterhalten will und keine komischen Fragen eines Unbekannten beantworten will.

Auf dem Platz vor den Bahnhof ist ein Taxifahrer etwas gesprächiger. Der Mann, der eben ausgestiegen ist, um eine Zigarette zu rauchen, erzählt, dass er fast jede Nacht unterwegs sei. Er freue sich, dass er überhaupt einen Job habe. Aber das Taxifahren sei nicht zuletzt wegen seines Bandscheibenvorfalls mitunter hart. Und das nächtliche Warten auf die Kundschaft sei oft ernüchternd. Eben habe er eine Frau vom Bahnhof in die Friedrichstraße chauffiert, eine vermutlich nicht sonderlich ertragreiche Tour. Jetzt muss der Mann wieder warten, aber es komme nur noch eine einzige S-Bahn aus Stuttgart in Ludwigsburg an, klagt er. „Ich habe Platz drei“, sagt er noch – und steigt wieder in seinen Wagen. Vor seinem Taxi warten bereits zwei Kollegen ebenfalls auf Kundschaft.

Die S-Bahn ist die Erlösung für die zwei friedenden Frauen

Mitten in der Nacht ist auf dem Bahnhofsvorplatz jetzt nur noch das leise Brummen der Motoren der drei Taxis zu hören. Und das monotone Rauschen der Entlüftungsanlage der Musikhalle. Schräg gegenüber in Nefis Kebab putzt ein Mitarbeiter die Einrichtung. Zwei letzte Kunden nippen an ihren Gläsern und bequatschen den Mann hinter dem Tresen.

Dann eine Durchsage der Bahn: die S-Bahn nach Bietigheim komme gleich an. Das ist die Erlösung für die zwei frierenden Frauen aus der Shisha-Bar. Der Zug hält mit einem leisen Quietschen. Dann fährt er auch schon weiter. Die Bahnsteige sind nun menschenleer. Auf der Anzeigetafel steht, dass in dieser Nacht nur noch eine S-Bahn hält: die nach Marbach um 1:27 Uhr.

Ludwigsburg schläft. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen jetzt sogar vier Taxis. Aber kein einziger Kunde schaut vorbei. Es erscheint zunächst überhaupt niemand mehr. Dann schnappt sich ein einsamer Mann sein vor dem Bahnhof abgestelltes Rad und fährt los. Wohin? Na, wohin wohl, sagt er: heim. Und weg ist er. Ein fünftes Taxi stoppt, der Fahrer reiht sich ein in die Schlange seiner wartenden Kollegen.

Mit der letzten S-Bahn zurück nach Eglosheim

Urplötzlich tauchen drei junge Männer und eine Begleiterin auf. Alle haben sich eben einen Gutenacht-Imbiss geholt: einen Kebab. Sie kämen aus einer Bar, erzählt einer der Männer, geschätzt knapp 20 Jahre alt, und wollten die letzte S-Bahn nehmen zurück nach Eglosheim. Jetzt dudelt leise Klaviermusik aus den Lautsprechern in der Bahnunterführung. Dann donnert ein langer Güterzug durch den Bahnhof.

Kurz vor halb zwei hält die S-Bahn nach Marbach, die auch in Eglosheim stoppen wird. Die vier jungen Leute mit dem Döner steigen ein, eine junge Frau steigt aus. Sie huscht vorbei, will lieber nicht sagen, woher sie kommt und wohin sie nun geht. Ein nächtliches Gespräch – nein, danke. Fragen – nein, danke.

Auf Bahnhöfen fühlen sich viele Menschen mitten in der Nacht unwohl. Sie wollen ganz schnell weg, haben Angst, den falschen Menschen zu begegnen. In Ludwigsburg ist ein breitschulteriger Mann mit einer leuchtfarbenen Kleidung eben aus der letzten S-Bahn für diese Nacht gestiegen. Auf seiner Weste steht: DB-Sicherheit. Er sagt: „Es war alles ruhig, und ich mache Feierabend.“ Auf der Anzeigetafel ist nun zu lesen, dass der nächste Zug erst um 2:41 Uhr beim Ludwigsburger Bahnhof Halt machen wird, auf dem Weg nach Essen.

Die Taxifahrer werden noch viel Geduld aufbringen müssen. Der Fahrer mit dem kaputten Rücken gibt auf. Er fährt aus der Schlange der Wagen seiner wartenden Kollegen heraus. Vermutlich nach Hause.




Unsere Empfehlung für Sie