Serie „365 Tage ohne Alkohol“ Alkoholfreier Gin – kann das schmecken?

Vier Zentiliter Gin auf 200 Milliliter Tonic – das gilt auch bei der alkoholfreien Variante. Mit Eis, einem Rosmarinzweig und einer Zitronenzeste schmeckt auch das wie ein waschechter Gin Tonic. Foto: /Leonie Rothacker

Unsere Autorin trinkt ein Jahr lang keinen Alkohol und hat sich gefragt: Was trinkt man denn dann? Eine Recherche im badischen Renchtal eröffnet ungeahnte Möglichkeiten.

Stuttgart/Bad Peterstal - Ich muss ehrlich sagen: Als ich Anfang August beschlossen habe, keinen Alkohol mehr zu trinken, hatte ich keine Ahnung von den Alternativen. Klar, von alkoholfreiem Bier hat man schon mal gehört – aber da ich noch nie eine leidenschaftliche Biertrinkerin war, interessierte mich das kaum.

 

Ich ging automatisch davon aus, dass ich auf meine liebsten Getränke – Wein, Sekt, Gin und Radler – zukünftig verzichten und mich mit Softdrinks begnügen muss. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass jemand alkoholfreies Radler herstellen könnte – Radler gilt ja nicht als Alkohol, wie meine trinkfesten Freund:innen stets wiederholen. Und überhaupt, bleibt dann nicht nur Limo übrig?

Sogar Naturradler gibt es alkoholfrei

Bleibt es nicht, stellte sich heraus. Am zweiten Tag meiner Abstinenz begegnete mir im Supermarkt meines Vertrauens mitten auf dem Gang ein riesiger Stapel Radler-Sixpacks mit großer 0,0-Prozent-Aufschrift. Die musste ich natürlich direkt ausprobieren – und durfte ein paar Tage später feststellen: Sogar mein geliebtes Naturradler gibt es von verschiedensten Firmen als alkoholfreie Variante.

Zur Wohnungseinweihung einer Freundin brachte ich dann, um auch mit anstoßen zu können, zum ersten Mal einen alkoholfreien Piccolo-Sekt mit. Meine Erwartungen waren, gelinde gesagt, gering – das Ergebnis war, dass die anderen Gäst:innen die Flasche leer tranken und ich nur ein Glas ab bekam.

Alkoholfreier Gin – nur Wasser mit Geschmacksverstärker?

Spätestens jetzt war ich angefixt. Alkoholfreie Varianten – das scheint ja doch zu funktionieren. Eine Leserin schrieb mir nach meinem ersten Abstinenz-Artikel eine E-Mail, berichtete von ihren Erfahrungen mit dem Nicht-Trinken und gab mir Tipps für die besten Getränke (Freixenet und Rotkäppchen sollen die besten Sekte haben – habe ich noch nicht probiert).

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Unter anderem berichtete sie von alkoholfreiem Gin. Das ließ mich aufhorchen, war doch Gin seit Jahren das Go-to-Getränk in meinem Freund:innenkreis und das, was ich am schmerzlichsten vermisste. Und doch war ich skeptisch: Viel mehr als mit Aromen und Geschmacksverstärkern versetztes Wasser konnte das ja kaum sein.

Gin-Ersatz – schmeckt, wenn man ihn mixt

Umso erstaunter war ich dann, als ich bei Google danach suchte – und überall von alkoholfreien Destillaten las. Was soll denn ein alkoholfreies Destillat sein? Wie soll das funktionieren? Na gut, man kann es ja mal ausprobieren. Beim Getränkehändler kaufte ich zwei Sorten, den Boar Gnzero und den Siegfried Wonderleaf. Und stellte wieder fest: Die schmecken erstaunlich gut! Zumindest, wenn man sie mit Tonic mixt...

Jetzt wollte ich es wirklich wissen. Wie wird so was hergestellt? Da die Boar Distillery im Schwarzwald und damit in unserem Berichterstattungsgebiet liegt, stellte ich dort eine Anfrage. Ob ich mir die Brennerei mal ansehen könne? Ich konnte. Also machte ich mich auf den Weg ins badische Renchtal nach Bad Peterstal – und erwartete dort eine riesige Produktion des mehrfach international ausgezeichneten Boar-Gins.

Handarbeit in einer badischen Brennerei

Was ich vorfand, war ein kleiner Hof am Hang mit Blick auf das Dorf, auf dem auch noch einer der Inhaber der Brennerei mit seiner Familie lebt. „Mama Rita“ und „Tante Paula“, wie Mit-Inhaber Hannes Schmidt die beiden vorstellte, waren gerade dabei, von Hand den Gin in Flaschen abzufüllen und die Etiketten aufzukleben.

Hannes hatte einen guten Humor: Ich bat um ein Glas Wasser, kam von der Toilette zurück und er drückte mir ein Kristallglas mit Eis und Zitrone in die Hand. Ich probierte – und stockte. „Was ist das?“, wollte ich wissen. „Gin Tonic“, grinste er. Ich erklärte vorsichtig, dass ich ja gar nicht mehr trinke und überhaupt mit dem Auto da sei... Nachdem er mich noch ein paar Minuten auf den Arm genommen hatte, stellte er klar: Das ist der alkoholfreie Gin. Ich konnte es in der mir vorgesetzten Mischung wirklich kaum glauben.

Aus 96-prozentigem Alkohol wird ein alkoholfreies Getränk

Der Gnzero wird tatsächlich genauso hergestellt wie ein Gin: Die Produktion startet mit einem 96-prozentigen Basisalkohol, für den in der Brennerei Korn aus der Gegend mit einer eigenen Anlage hochdestilliert wird. Die klassischen Gin-Botanicals – Wachholder, Kräuter, Zitrusfrüchte – werden darin eingelegt, also mazeriert.

75 Liter Mazerat werden mit 75 Litern Wasser aus eigener Quelle in der Brennblase erhitzt, sodass ein Teil des Alkohols verdampft – der Rest wird mit Wasser weiter verdünnt. Heraus kommt ein einwandfreier Gin. Diesem entziehen Hannes und sein Team dann einfach den restlichen Alkohol – mit derselben Anlage, mit der der Basisalkohol destilliert wird. „Die können wir quasi einfach umdrehen“, erklärt er.

Nicht allen schmeckt der Ersatz

Das nun alkoholfreie Destillat ist aufgrund des Verzichts auf Konservierungsstoffe nur zwei Wochen haltbar. Am Anfang empfand ich das als Manko, denn wer trinkt schon eine ganze Flasche Gin in zwei Wochen? Inzwischen trinke ich aber viel mehr davon als früher, denn alkoholfrei ist er ja weder schädlich noch bekommt man davon einen Schädel.

Hannes sagt, sein Gnzero sei der einzige auf dem Markt, der keine Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffe und Kalorien beinhaltet. Jedermanns oder jedefraus Sache ist der Geschmack allerdings nicht. Manchen meiner Freund:innen mundet der nicht ganz so reine Siegfried Wonderleaf mehr, und auch ich will mich auf jeden Fall noch durch andere Sorten probieren. Aber ganz ehrlich: Gesünder als hochprozentiger Alkohol ist auch das allemal.

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