Ich erkläre, was ich immer erkläre, seit ich am 2. August mein Experiment gestartet habe: Im Lockdown habe ich eine Zeit lang nichts getrunken, danach nichts mehr vertragen. Jedes halbe Glas Weißwein spüre ich inzwischen am nächsten Morgen. Ich komme dann kaum aus dem Bett, mein Körper fühlt sich dehydriert an, ich bin müde und kann mich schlechter konzentrieren. Ich bin eben keine 18 mehr, und der Alkohol tut mir nicht gut.
Alkoholverzicht „freudlos“ und „dogmatisch“
Außerdem, hole ich aus: Ich habe so eine Doku gesehen in der ARD-Mediathek. Da wurde mir erst so richtig klar, dass Alkohol eigentlich eine Droge ist, obwohl wir so nie darüber sprechen. Danach habe ich beschlossen, ich lasse das jetzt einfach mal. Eine Challenge sozusagen – die muss man ja nicht immer am 1. Januar starten. Der 2. August ist so gut wie jeder Tag, um ein gesünderes Leben zu beginnen.
Mein Kollege findet das ganz cool. Viele meiner Freund:innen und Bekannten reagieren dagegen mit langen Rechtfertigungen, warum sie selbst Alkohol trinken und das völlig okay finden und dass sie ja überhaupt gar nicht so viel trinken und so weiter. „Man muss ja nicht gleich so dogmatisch werden“, sagt einer. „Das ist mir zu freudlos“, ein anderer.
Missionarischer Eifer unterstellt
Ich fühle mich erinnert an damals, als ich allen erzählt habe, ich sei jetzt Vegetarierin. Jede:r will wissen, warum – viele aber nicht aus echtem Interesse. Sie wollen die Argumente auseinandernehmen und mir erklären, warum sie das ja nie könnten, warum sie es völlig okay finden, Fleisch zu essen, dass sie ja sowieso nur ganz wenig davon essen und wenn, dann Bio.
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Viele fühlen sich angegriffen und missioniert, auch wenn ich nie sage: Ich finde, du solltest auch aufhören, Fleisch zu essen oder Alkohol zu trinken. Mich beschleicht das Gefühl, die Leute wissen schon, dass es irgendwie besser ist, darauf zu verzichten. Sie scheinen dann das Bedürfnis zu haben, vor mir zu rechtfertigen, warum sie nicht so leben können oder wollen wie ich.
Orangensaft heißt schwanger
Verständnis für das Nicht-Trinken gibt es scheinbar nur für Autofahrer:innen und Schwangere. Ich fahre selten zu Verabredungen mit dem Auto, seit dem 2. August kam das nicht vor. Also muss ich ja wohl schwanger sein, scheinen sich manche gedacht zu haben. Zum Beispiel ein Familienmitglied, das bei einer Geburtstagsfeier lauthals fragte, ob mein Partner und ich denn Nachwuchs erwarten. Ich hatte beim Aperitif schließlich nur Orangensaft getrunken – wohl die einzig logische Erklärung.
Mir war gar nicht in den Sinn gekommen, dass jemand darauf schließen könnte. An einem Abend in der Stammkneipe meines Freund:innenkreises wurde ich eines besseren belehrt: Mein Partner und ich trafen uns mit einem gemeinsamen Freund, der Kellner kam zum Bestellen. Ich orderte einen alkoholfreien Cocktail und kassierte dafür einen verständnislosen Blick.
Übergriffige Fragen nach der Kinderplanung
Ich setzte zur Erklärung an: „Ich trinke jetzt für ein Jahr keinen Alkohol.“ Dieser Freund war der erste, der nicht fragte, warum. Er wirkte stattdessen ganz überwältigt und nahm mich in den Arm. Mein Partner verstand so wenig wie ich und fragte, ob er damit wohl sein Mitleid für mein künftig freudloses Leben als Antialkoholikerin ausdrücke?
Wir sprachen dann über etwas anderes. Plötzlich stand unser Freund auf und nahm meinen Partner in den Arm. Da dämmerte mir endlich: Er hatte einfach angenommen, ich sei schwanger. Welchen anderen Grund könnte man wohl haben, im Pub kein Bier zu trinken?
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Zu meinen Gründen für die Abstinenz hat sich nach diesen Reaktionen ein neuer gesellt: Ich möchte das Nicht-Trinken normalisieren. Nicht nur, damit künftig vielleicht weniger Menschen auf diese – zwar lieb gemeinte, aber übergriffige – Art und Weise danach gefragt werden, ob sie denn schwanger seien. Das kann für manche sehr verletzend sein.
Alternativen zum Alkohol
Ich will aber auch aufzeigen, dass Alkohol nicht zu jedermanns und jedefraus Leben gehören muss, nur weil das in unserer Kultur so tief verankert ist. Es gibt Alternativen – nicht nur für außergewöhnliche Getränke, sondern auch für die Glücksgefühle, für die wir uns mit Alkohol berauschen.
Darüber werde ich im Verlauf meines Abstinenzjahres an dieser Stelle schreiben. „365 Tage ohne Alkohol“ sind meine persönlichen Erfahrungen, Hintergründe zum Thema, Tipps und Rezepte – immer einmal pro Monat. Das Gute: Jetzt habe ich den ersten Teil veröffentlicht, also muss ich es auch durchziehen. Prost!