Serie (6): Plätze im Süden Blumen statt Drogen

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Schmuddelig, aber schön: der Rupert-Mayer-Platz ist immer noch Brennpunkt, hat aber Potenzial. Kalliopi Bamiatzi möchte einen Blumen- und Kräutermarkt dort etablieren, die Stadt beginnt im Frühjahr mit der weiteren Gestaltung des Platzes hinter der Kirche.

Die Apothekerin Kalliopi Bamiatzi möchte auf dem Rupert-Mayer-Platz einen Blumen- und Kräutermarkt etablieren. Foto: Horst Rudel
Die Apothekerin Kalliopi Bamiatzi möchte auf dem Rupert-Mayer-Platz einen Blumen- und Kräutermarkt etablieren. Foto: Horst Rudel

S-Süd - Drogenkonsum, überdurchschnittlich viele Raub- und Gewaltdelikte – der Rupert-Mayer-Platz vor der Kirche St. Maria in der Tübinger Straße galt lange als die Schmuddelecke der Innenstadt. Das Quartier unter der Paulinenbrücke war das „Wohnzimmer“ der einschlägigen Szene. Alkoholiker, Obdachlose und Drogenabhängige trafen sich dort. Die „Paule“ war einst als härtester sozialer Brennpunkt der Stadt bekannt und deshalb bei Politik und Polizei nicht gerade beliebt.

Mit Blumen- und Kräutermarkt gegen das Schmuddelimage

Kalliopi Bamiatzi gehört der Szene nicht an. Das Gerberviertel ist trotzdem ihr Wohnzimmer, seit ihrem zehnten Lebensjahr. „Es ist ein so wunderschönes Viertel“, sagt die 50-jährige Inhaberin der Paulinen-Apotheke. „Das muss wieder leuchten.“ Wie das geschehen soll, dafür habe sie eine Vision. Blumen und Heilkräuter statt Drogen und Alkohol will sie auf den Rupert-Mayer-Platz bringen. Ein Markt, vielleicht an drei Tagen die Woche, schwebt ihr vor. In ihrem Kopf ist quasi alles schon fertig geplant: Sie denkt an kleine, mobile Stände mit einheitlichem Aussehen und ein großes Sonnensegel. „Ich bleibe da dran“, sagt sie. Helfer braucht sie noch und eine Genehmigung von der Stadt natürlich. „Frau Kienzle hat nicht Nein gesagt“, berichtet Bamiatzi.

Die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte würde sogar Ja sagen. „Das ist wirklich eine sehr, sehr schöne Idee, die es in Stuttgart auch nirgends sonst gibt“, sagt Veronika Kienzle. Für sie ist alles, was Kommunikation auf den Platz bringt, gut.

Von einer Wohlfühloase ist das Gebiet zwischen Gerber und der Marienkirche weit entfernt. Verschwinden werden die Obdachlosen und Drogenabhängigen dort wohl nie ganz. Auch das schicke Wohn- und Einkaufszentrum Gerber sowie der Bürokomplex Caleido mit seinen etwas besseren Restaurants im Erdgeschoss schreckten die Szene nicht ab.

Veronika Kienzles Wunsch war immer, die Menschen vom sozialen Rand der Gesellschaft einzubinden. Das sei allerdings kaum möglich, hat die Bezirksvorsteherin inzwischen eingesehen. Lieber hat sie die Szene aber an der Paulinenbrücke, nun quasi zwischen „Kirche und Konsum“, als im Leonhardsviertel. Das hat ohnehin mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.

Mehr als 20 Jahre Einsatz gegen das Elend

Unter der Paulinenbrücke finden die Bedürftigen immerhin jemand, der sich seit Jahren um sie kümmert. Jeden Morgen wartet Schwester Margret in der Franziskusstube mit Frühstück auf die Obdachlosen und Armen. Seit knapp 20 Jahren ist sie mit der Stube an der Paulinenstraße 18. Schwester Margret sei eine „Institution im Viertel“, wie Kalliopi Bamiatzi sagt. Mit viel Herzblut, mit viel Engagement hilft die 69-jährige Schwester von der Kongregation der Franziskanerinnen von Sießen den Armen vor ihrer Haustür. Mit dem gleichen Einsatz kämpft sie gegen das Elend an. „Früher haben wir viel Streetwork gemacht“, erzählt sie. Viel geholfen habe dies nicht. Erst mit dem Abriss der Shell-Tankstelle unter der Paulinenbrücke, die laut Schwester Margret „mehr Bier als Benzin“ verkauft hat, gab es Fortschritte. Die „Saufereien“ gibt es nicht mehr, die Drogenabhängigen sind jedoch geblieben. „Es werden Spritzen gefunden, es wird gedealt.“ Doch Schwester Margret wäre nicht Schwester Margret, wenn sie nicht das Gute vor Ort sehen würde. Das schöne Gärtchen, angelegt von drei Frauen. Oder die Weltmeisterschaft 2006: Bänke und eine Leinwand hat sie mit „ihren Leuten“ auf dem Platz aufgebaut. Besonders gerne erinnert sie sich an ein Stück der Jungen Oper über das Viertel. „Das waren unsere Highlights.“

Weil sich die schöne neue Einkaufs- und Ausgehwelt von Gerber und Caleido nicht mit Pennern und Junkies verträgt, wurden im vergangenen Jahr die öffentlichen Toiletten unter der Brücke entfernt. Ein Zusammenhang bestritt der Eigentümer des Gerber damals. Das sei jedoch egal, findet die Schwester. Denn „ihre Leute“ verwenden jetzt die öffentlichen Toiletten im Einkaufszentrum. „Aber da müssen sie sich benehmen und ordentlich aussehen“, sagt sie.

Von März 2016 an soll es auch auf der anderen Seite der Kirche schöner werden. Laut Nicolaus Welker wird dann die Feinstraße zwischen Kirche und Karlsgymnasium geschlossen. „Der Platz führt dann um die ganze Kirche herum“, sagt Welker, der beim Tiefbauamt zuständig für die Stadtplanung ist. Rund 820 000 Euro kostet der sogenannte dritte Bauabschnitt, die Kirche beteiligt sich laut Welker mit rund 160 000 Euro. Auch zehn neue Bäume am Straßenrand und viel Platz für Fußgänger soll es dann geben, sagt Welker. Und dann leuchtet das Viertel ein bisschen mehr.

Plätze im Süden (VI): Der Rupert-Mayer-Platz

Historisches
Seinen Namen erhielt der Rupert-Mayer-Platz im Jahr 1987. Die Kirche St. Maria war bereits 1897 fertiggestellt worden.Anlass der Namensgebung war die Seligsprechung des Jesuitenpriesters Rupert Mayer. Der katholische Theologe war 1876 in Stuttgart als Sohn einer Kaufmannsfamilie zur Welt gekommen. In der Nazizeit leistete er Widerstand gegen das System und wurde mehrfach verhaftet. Er starb Ende 1945.

Sanierung
Seit dem Jahr 2010 ist der Platz von Gotteshaus bis zur Brücke eine Einheit. Für rund 500 000 Euro ließ die Stadt sanieren. Aber weil ja immer Luft nach oben ist, beginnt das Tiefbauamt in Kürze mit dem sogenannten dritten Bauabschnitt um den Platz.

Entwicklung
Viel Neues ist in den letzten Jahren schon entstanden: Seit November 2012 ist die Tübinger Straße Shared Space. Caleido und Gerber haben Geschäfte und Gastronomie ins Quartier gebracht.

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