Serie: Amerikanische Mythen Der Griff nach den Sternen

Im Serienkosmos von „Star Trek“ lebt die auch aufs Weltall gerichtete Aufbruchshoffnung der 60er Jahre fort. Foto: Imago/Mary Evans

Im Weltall wartet Neuland auf tatendurstige Pioniere. Das ist einer der Mythen, die bis heute die USA prägen und die wir in unserer Serie „Stars and Stripes“ vorstellen.

Stuttgart - Eine seiner besten Reden hält der große Charismatiker John F. Kennedy am 12. September 1962 in einem Fußballstadion in Houston, Texas, vor Studenten der Rice University. Der US-Präsident will die Nation auf ein intensiviertes Wettrennen im Weltall einschwören, auf das verwegene Projekt einer bemannten Mondlandung. „Wir treffen die Entscheidung, noch in diesem Jahrzehnt den Mond zu betreten, nicht, weil das leicht ist, sondern weil das schwer ist. Weil dieses Ziel unsere besten Kräfte und Talente organisieren und auf die Probe stellen wird. Weil dies eine Herausforderung ist, die wir anzunehmen willens sind, die wir unwillens sind aufzuschieben, der wir gerecht werden wollen.“

 

Die Rede ist großartig, weil sie so dreist ist, so wirklichkeitsfern. Sie schmiedet die tiefste Orientierungslosigkeit der USA zum Kraft gebenden neuen Mythos um. Der Weltraum wird in diesem Moment zur „new frontier“, zur neuen Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, die es zu verschieben gilt. Das All liefert die Verheißung auf neue Freiräume für die ganze Nation wie für einzelne Aufbruchswillige.

Die große Demütigung

Eine Folge von Rückschlägen hatte die USA aus der Euphorie ins Trauma geführt. Das Land war aus dem Zweiten Weltkrieg als globale Führungsmacht hervorgegangen. Die Atombombe schien der einschüchternde Beleg dafür, dass die USA eine Klasse für sich bildeten. Wenig später aber hatten auch die Sowjets diese Waffe, es gab nun zwei Supermächte.

Andere Nationen mit Ideen, Waren und Vergnügungen versorgen zu können, das war für eine Weile das neue Ausdehnungsziel der USA gewesen. Nun fror dieses Machtgefühl in den Grenzen des Kalten Krieges ein. Diese neue Weltordnung war nicht nur demütigend, sie war bedrohlich instabil. Im Wettlauf um noch mächtigere Waffen – und das hieß damals: größere Sprengköpfe und bessere Raketen– schienen die Sowjets vorne zu liegen.

Hammer und Sichel im Weltraum

Die zivile Raumfahrt war die salonfähigere Variante des Rüstungswettlaufs, ein Gradmesser der Systempotenz. Und die USA sahen schlecht aus. Der erste Satellit, das erste Tier in der Umlaufbahn, der erste Mensch im Orbit, der erste Mensch im All außerhalb eines Raumfahrzeugs – alles Triumphe der Sowjets, während den Amerikanern ihre Raketen noch auf den Startrampen explodierten.

Für Gottes eigenes Land, so das Eigenlob, war das umso verstörender, als seit Jahrzehnten an jedem Zeitungsstand bunte Raketenbilder hingen. Seit der Jahrhundertwende war die Science-Fiction als populäre Traumwelt vielfältig aufgeblüht. Auch wer bunte Groschenhefte wie „Astounding Science Fiction“ und „Amazing Stories“ gar nicht kaufte, wer nicht wegen früher Weltraum-Cowboys wie „Flash Gordon“ oder „Buck Rogers“ ins Kino ging, bekam aus dem Augenwinkel täglich mit, dass eine Zukunft der Raumschiffe und Laserkanonen im Anmarsch war – und dass diese Zukunft nach Amerika roch. Dass nun Hammer und Sichel im All schwirrten, wo man das Sternenbanner erwartet hatte, ließ viele Amerikaner den Blick lieber zu Boden richten.

Endlich endloses Wachstum

Kennedys Entscheidung für das ehrgeizige Apollo-Programm bewirkte einen der faszinierendsten Stimmungswechsel der amerikanischen Geschichte. Aus Schmach wurde Utopie, aus lähmender Demütigung produktive Herausforderung. Dabei griff man nicht nur nach den Sternen, man nahm grundsätzlich Technologie, Wissenschaft und Zukunftskonzeptionen als amerikanische Domänen wahr. Forschung und Konsum, Hightech und Pioniergeist, militärische Stärke und hehre Forschungsideale schienen in eins zu verschmelzen, in ein endloses Wachstumsversprechen, losgelöst sogar vom bloßen Morgen-wird-ein-profitables-Produkt-daraus-Gedanken.

In der Populärkultur griff etwa die 1966 gestartete TV-Serie „Star Trek – Raumschiff Enterprise“ diesen Aufbruchs- und Neulandgedanken auf. An der Langlebigkeit des „Star Trek“-Franchise kann man ablesen, dass diese Utopie auch nie ganz verschwunden ist – obwohl der Großteil der Gesellschaft gerade durch den Erfolg der Raumfahrtunternehmen vom Enthusiasmus kuriert wurde. Der 1969 vollbrachte Kraftakt der Mondlandung ergab, dass da oben nichts zu finden war – jedenfalls nicht für die allgemeine Fantasie. Auch die Sondenerkundungen anderer Planeten mochten Forscher verzücken, das Publikum spürte bloß Entzauberung. Da war kein fremdes Leben zu finden, nicht einmal Verhältnisse, die eine Kolonie, einen Raum möglichen Neuanfangs vorstellbar machten.

„Star Wars“ statt Raumfahrt

Diese Ernüchterung tauchte in der Popkultur nicht als kompletter Abschied vom Weltall auf, sondern als Verwandlung ferner Galaxien in einen irdischen Märchenraum voller Prinzessinnen, Schwertkämpfer und weiser Zauberer. Neben die Pseudowissenschaft von „Star Trek“ trat 1977 die Fantasy-Esoterik von „Star Wars“. Dass wir hier unten auf der Erde bleiben müssen, dass wir nur unsere alten Mythen an einen unerreichbaren Himmel malen können, ist der pessimistische Kern des „Star Wars“-Universums.

Der realen Weltraumzähmungsversuch erlitt 1986 mit der Explosion der Challenger-Raumfähre einen herben Rückschlag. Dass man nun schon lange wieder bloß in Umlaufbahnen um die Erde blieb, war utopieraubend genug. Aber wenn nicht einmal solche Shuttle-Routine sicher zu bewerkstelligen war, schien jeder Preis zu hoch. Die Nasa konnte die Nation nicht mehr elektrisieren.

Das neue Rennen im All

Doch längst hat sich – ohne große Fanfaren, ohne nationale Einschwörungsfeiern – ein neues verbissenes Wettrennen im Weltall entwickelt. Sein Ziel ist nicht so klar definiert wie einst. Der erste Mensch auf dem Mars könnte genau so ein Prestigesieg werden wie die erste dauerhaft bemannte Mondstation. Viele mischen diesmal mit, die neuen Hauptkontrahenten sind China und die USA. Politische und geografische Ausdehnungsdynamik, der Wille zur Macht, technologische Innovationskraft, Produktionspotenz – all das, sagen Pessimisten, sei in China bereits ausgeprägter als in den USA, das amerikanische Zeitalter gehe zu Ende.

Beim neuen Space Race geht es zwar wieder um den Mythos der New Frontier – aber um mehr als Symbole. Die Supermächte denken ernsthaft über die Verwertung von Ressourcen im All nach. Ein neues Kolonialzeitalter könnte anbrechen, mit dem Abstecken von Claims und dem Willen, Neuland zu besetzen. Welche Hoffnungen sich daran knüpfen lassen und welche Ängste, erzählt die Science-Fiction-Literatur seit Jahrzehnten. Das schönste und unwahrscheinlichste: Die Menschheit trifft Außerirdische, die als Gastgeschenk Vernunft mitbringen.

Die „Stars & Stripes“ -Serie

Lesen Sie hier:

Folge 1 Offenkundige Bestimmung

Folge 2 Die Lüge von Pocahontas

Folge 3 Custers letzter Kampf

Folge 4 Die große Gefahr aus Mexiko

Folge 5 Onkel Tom und Onkel Remus

Folge 6 Die Helden des Weltkriegs

Folge 7 Der Griff nach den Sternen

Folge 8 In der grünen Hölle von Vietnam

Kommende Abschlussfolge

9/11
● Von der Ohnmacht und Wut eines Riesen und angeblichen Lügengespinsten

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