Serie Black America Denkmal für die unterdrückte Vergangenheit

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Der Wandel der afroamerikanischen Identität spiegelt sich in gesellschaftspolitischen Debatten und Kunstformen. Die Geschichte der Schwarzen in den USA wurde viel zu lange geleugnet. Ein neues Museum soll dies ändern – spät, aber vielleicht nicht zu spät.

An diesem Samstag wird in Washington das „National Museum of African American History and Culture“ eröffnet. Foto: EPA
An diesem Samstag wird in Washington das „National Museum of African American History and Culture“ eröffnet. Foto: EPA

Washington - Es war 1961, als der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin in einem Interview seufzte, wer in diesem Land ein Schwarzer sei und einigermaßen bei Sinnen, der sei fast die ganze Zeit wütend. 55 Jahre später haben die Afroamerikaner in den USA immer noch genügend Grund, sich dieses Zitats zu erinnern. Polizeiübergriffe gegen Schwarze sind an der Tagesordnung, der Wahlkampf um die Nachfolge von Präsident Barack Obama ist gespickt mit rassistischen Ausfällen. Da ist es mehr als ein Symbol, dass ausgerechnet in diese Zeit die Eröffnung des ersten nationalen Museums für afroamerikanische Geschichte und Kultur fällt.

Es ist sogar ein grandioses Symbol – und glücklicherweise ist es der erste schwarze Präsident in der Geschichte der USA, der an diesem Samstag das Gebäude in der Hauptstadt Washington eröffnen wird. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn sich der Bau des „National Museum of African American History and Culture“ auch nur um einige Monate verzögert hätte. Am Ende wäre es noch Donald Trump gewesen, der die 130 Jahre alte Glocke, nach Washington geschafft aus einer der ältesten schwarzen Kirchen des Landes, zur Eröffnung des Museums geläutet hätte. Doch der Zeitplan hielt. Der Populist, für den das Spiel mit dem Rassismus ein probates Mittel zum Zweck ist, wird wenigstens an diesem Samstag einmal nicht im Mittelpunkt stehen.

Hundert Jahre sind vergangen, seit eine Gruppe schwarzer Veteranen des US-Bürgerkriegs die Idee hatte, dass der größten Minderheit im weißen Amerika ein museales Denkmal gesetzt werden müsse. Mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar hat der Bau gekostet, der auf der Museumsmeile National Mall in unmittelbarer Nähe zum Washington-Obelisk steht. Nicht weit davon entfernt wird Abraham Lincoln in einem tempelartigen Gebäude geehrt. Die Nähe zu den Denkmalen für den ersten Präsidenten der USA und für den Sklavenbefreier Lincoln signalisiert damit erst recht: Ohne Afroamerikaner ist die Geschichte der USA nicht komplett, so sehr sich das auch manche Anhänger Donald Trumps wünschen mögen.

Flucht vor der Wahrheit

Es waren Afroamerikaner, deren Anteil an der Erfolgsgeschichte USA viel zu lange geleugnet wurde. Sklaven wurden beim Bau des Weißen Hauses eingesetzt. Der erste Präsident George Washington kam nur deswegen als Farmer zu Wohlstand, weil er wie selbstverständlich Sklaven hielt. Millionen schwarzer Männer und Frauen bauten das Land nach der Katastrophe des Bürgerkrieges wieder auf. Sie kämpften und starben in allen Kriegen des Landes. Ohne Afroamerikaner kein Jazz und kein Blues.

Die Geschichte der Schwarzen in den USA ist eine Geschichte der Verleugnung durch die weiße Mehrheitsbevölkerung, aber auch durch manche Schwarze. „Wir versuchen, fast vierhundert Jahre unserer Geschichte vor uns selbst zu verstecken, so als würde sie irgendwie verschwinden, wenn wir sie nicht erwähnen“, schreibt der schwarze Kongressabgeordnete John Lewis, der die harte Hand des weißen Gesetzes während der Bürgerrechts-Unruhen in den sechziger Jahren schmerzvoll am eigenen Leib gespürt hat. Dabei breche die Geschichte an allen Ecken und Enden des Landes auch heute noch aus dem Untergrund hervor.

Die unterschwellig existierenden Probleme zwischen Weißen und Schwarzen wurden einfach viel zu lange geleugnet. Es ist das Museum mit seiner enzyklopädischen Menge an Fotografien, Filmen, Exponaten aus mehr als vierhundert Jahren afroamerikanischer Geschichte, das eindrucksvoll belegt: Die Geschichte zu verleugnen, das ist keine Lösung, das ist nur Flucht vor der Wahrheit.

Die Lebenswirklichkeit hat sich nicht gebessert

So wie der Afroamerikaner John Lewis erkennen das inzwischen auch mehr und mehr Weiße. Ein schwarzer Pfarrer hat etwa im kalifornischen Sunnyvale eine Selbsthilfegruppe für „Anonyme Rassisten“ gegründet. Dort versammeln sich Woche um Woche Menschen, die sagen: „Hallo, ich heiße Ron/John/Mike, ich bin ein Rassist.“ So wie sie es bei den Anonymen Alkoholikern machen würden. Pastor Ron Buford, dessen Idee inzwischen in mehreren Dutzend US-Städten kopiert wird, sagt: „Die Anonymen Alkoholiker glauben, man sei für immer ein Alkoholiker. Ich glaube, das trifft auch auf Rassisten zu.“ Bufords Hoffnung ist aber, dass Menschen, die sich des eigenen Hangs zum Rassismus bewusst werden, diesen wenigstens nicht auf ihre Kinder übertragen. So könnte in einigen Generationen das Problem vielleicht tatsächlich verschwinden.

Einstweilen sind die USA aber noch weit davon entfernt, eine post-rassistische Gesellschaft zu sein. Daran hat auch die offizielle Abschaffung der Rassentrennungsgesetze vor mehr als fünfzig Jahren nichts geändert. Und auch die Tatsache, dass die Amerikaner im Jahr 2008 einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt und 2012 wiedergewählt haben, wird von vielen Weißen aus der Unterschicht als ein Betriebsunfall angesehen. Zugleich hat Obamas Wahl ein über Jahrhunderte gepflegtes Überlegenheitsgefühl vieler Weißer erstmals in Frage gestellt. In wenigen Jahrzehnten schon, so sagen Wissenschaftler, werden Weiße nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung in den USA stellen. Das macht Angst und führt zu Panikreaktionen, wie sich an der Zustimmung für Trump ablesen lässt.

Doch auch viele Schwarze beschweren sich, dass es Obama nicht gelungen ist, ihre Lebenswirklichkeit zu verbessern. Die Arbeitslosenquote ist unter Schwarzen zum Beispiel noch immer doppelt so hoch wie unter Weißen. Doch Obama wollte erklärtermaßen Präsident aller Amerikaner sein, nicht nur jener der Afroamerikaner. Außerdem hatte es kein Präsident vor Obama mit einer so brutalen Obstruktionspolitik des republikanisch beherrschten US-Kongresses zu tun. Mehrere Dutzend Mal versuchten die Republikaner zum Beispiel, die Krankenversicherungspläne Obamas im Parlament zum Scheitern zu bringen. Sie wirkten dabei wie besessen.




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