Serie „Chöre in Stuttgart“: Das Musikwerk Die Chorjugend mag Proben mit Spaßfaktor

Von Armin Friedl 

Der Jugendchor des Musikwerks tritt an diesem Mittwoch im Rahmen der Stuttgarter Chortage im Haus der katholischen Kirche auf. Geprobt wird in der Schloss-Realschule.

Locker bleiben kann nicht schaden: Proben beim Musikwerk Stuttgart. Foto: Friedl
Locker bleiben kann nicht schaden: Proben beim Musikwerk Stuttgart. Foto: Friedl

S-Mitte - S-Mitte - Jeden Mittwochabend gehört die Schloss-Realschule für Mädchen dem Chorgesang. Drei Ensembles legen dort jede Woche los: Der Kinder- , der Jugend- und anschließend der Pop-Chor. Alle drei treten unter dem Dach Musikwerk Stuttgart auf, sind noch ziemlich neu in der Szene, haben viel Tatkraft und sind gefragt: Der Pop-Chor hat mit etwas mehr als 100 Teilnehmern seine maximale Größe erreicht, dort ist erst mal für die erste Hälfte dieses Jahres Aufnahmestopp. Wer trotzdem mitmachen möchte, für den gibt es den Jugend-Chor mit dem etwas jüngeren Profil.

Dass dahinter sehr viel Leidenschaft steckt, dafür sorgen der künstlerische Leiter Arnd Pohlmann und seine Frau Jelena, die stets mit der angemessenen Ansprache die Ensembles leiten. Denn die jungen Chorleute möchten natürlich gerne vor allem die Musik umsetzen, die sie aktuell beschäftigt.

Was leicht klingt, kann ziemlich knifflig sein

Doch was da von den Tonträgern so locker rüberkommt im Hip-Hop- oder Rock-Sound wie einfach mal kurz aus dem Ärmel geschüttelt, kann im Detail ganz schön knifflig sein: „Das muss man sich einfach mal verinnerlichen, dann hat man es drauf. Es lohnt sich nicht, groß darüber nachzudenken“, erklärt Pohlmann zu einer rhythmisch diffizilen Stelle, an der die Bässe noch ziemlich ins Schwimmen geraten. Den richtigen Weg spielt Pohlmann auf dem Klavier vor.

Damit solche Ansagen gut funktionieren für den Chor, ist nicht nur viel Erfahrung erforderlich, sondern auch Souveränität in der Vermittlung von musikalischem Spiel. Und auch das steckt im Musikwerk drin: Entstanden ist dies im Jahre 2011, damals noch unter dem Dach des Stuttgarter Liederkranzes. Wie viele solcher gewachsener Choreinrichtungen war es auch für den Liederkranz das Gebot, jüngere Sängerinnen und Sänger an sich zu binden, auch im Blick auf das Hineinwachsen in den Stammchor. Doch irgendwie ging dieses Ansinnen nicht wirklich auf. 2015 traten die Mitglieder von Jugend- und Popchor geschlossen aus dem Liederkranz aus und gründeten das Musikwerk. Und das gleich als einen richtigen Verein mit all den dazugehörigen Vereinsorganen und dem Ehepaar Pohlmann, das für sein professionelles Engagement entlohnt wird von den Vereinsmitgliedern. Klassik können die also auch, aber die ist hier nicht so gefragt.

„Don’t stop me now“ oder „Somebody to love“ von Queen oder Stücke von Pentatonix, Daft Punk, Rihanna, Jamie Cullum oder Taylor Swift – das sind die Titel, die hier angesagt sind. „Der Unterschied zwischen der Musik des Jugend- und des Popchors ist, dass die Musiker der Jüngeren alle noch leben“, so Pohlmann. Auch das ist eben ein Kriterium.

Dergleichen Wünsche gibt es viele. Richtiger Chorgesang taucht dort zwar nicht wirklich auf, doch laut Pohlmann gibt es genügend Angebote im Internet für entsprechende Arrangements. Und damit auch genug zum Üben, doch beim Musikwerk soll der Spaß nicht zu kurz kommen. „Die Gruppendynamik ist sehr wichtig. Die Proben am Mittwoch sollen für alle nicht nur ein Fixpunkt, sondern der Höhepunkt der Woche sein“, so Pohlmann. Das geht offensichtlich auf, im Musikwerk werden nicht nur Freundschaften geknüpft, hier wurden auch bereits Ehen geschlossen.

In der Stuttgarter Szene gut angekommen

Auch künstlerisch läuft es gut. Die Liederhalle, Heimstätte des Liederkranzes, haben sie bereits erobert: Alle Ensembles sind am 1. Juli 2017 im Mozartsaal aufgetreten. Andere Auftritte hat es im Porsche-Museum gegeben. Ebenso auf dem Weihnachtsmarkt. Und der Projektchor für die ganz Fleißigen, die dann doch mal Klassisches singen wollen, gastierte bereits in der Grabkapelle auf dem Rotenberg.

„Wir sind in Stuttgart angekommen“, sagt der erste Vorstand Philipp Mezger: „Es gibt hier keine Konkurrenz zu uns“. Außer der professionellen Begleitung stehen für die Sängerinnen und Sänger auch noch Stimmbildner zur Verfügung. Und die Sängerin Alina Martin ergänzt: „Der Spaßfaktor ist sehr groß“. Dennoch oder gerade deshalb: „Wir sind ein Laienchor und wollen auch solch einer bleiben“.

Das liegt natürlich auch daran, dass es immer einen Wechsel geben wird, da viele in diesen jungen Jahren – sei es für Ausbildung, Studium oder Beruf – ihren Wohnort wechseln müssen. Dennoch gibt es zunächst keine Neuaufnahmen im Popchor: „Wir könnten dort 150 bis 200 Mitglieder haben“, erklärt Pohlmann, „aber das würde unsere Probensituation sprengen. Und wir wollen, dass das übersichtlich bleibt“.

Jeden Tag Pentatonix hören

Solch ein engagiertes Chorleben hinterlässt auch im Privatleben seine Spuren. „Die Musik von Pentatonix höre ich jetzt jeden Tag“, so Raed Bouslama, oder: „die Stücke habe ich im Original inzwischen fest gespeichert auf dem Handy“, so Harald Holz. Ihn haben auch die Titel aus dem Musical „Hamilton“ sehr beeindruckt. Schon während seines Amerika-Aufenthalts stellte er fest, wie sehr dieses Stück den Nerv des Publikums trifft. Jennifer Schloter: „Das ist schon sehr beeindruckend, wenn man seinen eigenen Musikgeschmack in einem Chorstück wieder findet“.

Wer also mal den Weg ins Musikwerk gefunden hat, der will davon nicht mehr lassen. Christine Janoschek etwa: „Eine Bekannte hat mich auf den Chor aufmerksam gemacht. Mit 40 Jahren bin ich ja eigentlich eine Spätberufene. Aber was hier geschieht, erfüllt mich sehr“.

Im Rahmen der Stuttgarter Chortage tritt der Jugendchor des Musikwerks mit Instrumentalisten an diesem Mittwoch um 19.30 Uhr im Haus der katholischen Kirche. Auf dem Programm stehen Lieder rund ums Berühmtsein und -werden, etwa von Lorde, Pink oder Adele.

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