Spaziergang durch Denkendorf Fachwerk und Klostergeschichte
In den 70er-Jahren hielt auch im Denkendorfer Ortskern die Betonarchitektur Einzug. Bei einem Spaziergang durch den Ort lassen sich aber noch viele dörfliche Relikte entdecken.
In den 70er-Jahren hielt auch im Denkendorfer Ortskern die Betonarchitektur Einzug. Bei einem Spaziergang durch den Ort lassen sich aber noch viele dörfliche Relikte entdecken.
Denkendorf - Alt und Neu, 70er-Jahre-Betonarchitektur und Reste historischer Bebauung gehen am Denkendorfer Rathausplatz eine eigenartige Verbindung ein. Hier das 1968 eingeweihte Rathaus, das Gebäude der Denkendorfer Bank und das terrassenförmige Wohn- und Geschäftshaus, dazwischen die Alte Post aus dem 17. Jahrhundert mit dem rautenförmigen Zierfachwerk des Erkers. Das Haus gehört zu den kulturgeschichtlich wichtigsten Erkerbauten im Landkreis. Das Gasthaus „Alter Bären“, einst von der Gemeinde zum Abbruch erworben, hat sich zum Fachwerk-Schmuckstück gemausert. Am Giebel ist ein Neidkopf zu sehen, eine Fratze, die das Böse abwehren soll. Bemerkenswert das Wirtshausschild, das einen Bären mit einem Stock zeigt. Auch die „Krone“ schräg gegenüber zeugt mit ihren in die Balken geschnitzten Ornamenten von historischer Handwerkskunst.
Wenige Schritte weiter birgt das „Haus Krazeisen“ heute das Heimatmuseum. Das Haus aus dem 18. Jahrhundert war einst die Dorfschmiede und nach dem örtlichen Schmied benannt. Etliche seiner Ausrüstungsgegenstände und Werkstücke findet man im Museum. An einer Säule findet sich noch ein Ring, um Tiere anzubinden, die beschlagen werden sollten.
Der Pietismus prägt noch immer in vielen Bereichen das geistliche Leben Denkendorfs. Im „Stundenhaus“ gleich gegenüber dem Heimatmuseum versammeln sich bis heute die Mitglieder der „Hahn‘schen Gemeinschaft“ zur Bibelstunde. Ein Porträt von Denkendorfs berühmtestem Pietisten, Johann Albrecht Bengel, der von 1713 bis 1741 als Präzeptor an der evangelischen Klosterschule wirkte, hängt in der Klosterkirche. 1964 wurde im Stundenhaus, das auch als Wohnhaus dient, der international bekannte Pianist Pavlos Hatzopoulos geboren.
Biegt man in die Kirchstraße ein, hat man schon den Turm der Klosterkirche im Blick. Um einen Eindruck von Denkendorfs überwiegend vergangener dörflicher Struktur zu bekommen, lohnt es sich, einen Abstecher nach links in Riempen- und Türkengasse zu machen.
Die Nutzung des Gebäudes Kirchstraße 27 erschließt sich erst auf den zweiten Blick – es war das alte Feuerwehrhaus. Der turmförmige Gebäudeteil, dem heute zwei Holzbalkone vorgebaut sind, diente einst zum Trocknen der Wasserschläuche. Längst sind Spritzen und Schläuche Wohnungen gewichen.
Auf der Brücke über die Körsch erkennt man gut die Renaturierung des lange begradigten Gewässers. Noch müssen die Pflanzen austreiben und wachsen, doch bereits jetzt lädt der Weg entlang der Körsch zum Flanieren und Verweilen ein. Rechts oben kann man einen Blick auf die Friedhofskirche erhaschen, die allerdings nur zu Beerdigungen zugänglich ist. Sie war lange die Dorfkirche, als die Klosterkirche noch den Klosterbewohnern vorbehalten war. Links biegt man in den Maierhof ein. Er war einst Wirtschaftshof des Klosters und bildet heute einen lauschigen Platz am Fuß des historischen Klosterareals. Im Zentrum ist die Kelter erhalten. Eine Handpresse vor der Kelter erinnert an den Weinbau. Das Backsteingebäude diente später als „Farrenstall“. In dem gemeindeeigenen Gebäude waren die Vatertiere untergebracht, die zur Besamung der Kühe dienten. Heute treffen sich hier die Denkendorfer zu Jazzkonzerten oder anderen Veranstaltungen.
Eine Bank rund um die Linde nutzen Wanderer und Radfahrer gerne zur Rast, Mütter treffen sich hier zu einem Schwätzchen. Gegenüber, unterhalb des hoch aufragenden Klostergebäudes, erinnert seit Kurzem der „Hölderlinbrunnen“ an den berühmten Klosterschüler. Der Trog steht schon lange im Maierhof und war ursprünglich Teil des Brunnens vor dem alten Rathaus. 2020 wurde er Hölderlin gewidmet. Der Dichter trat 1784 als 14-Jähriger in die Klosterschule ein. Pfarrer zu werden, wie es die eigentliche Bestimmung der „Alumni“ war, weigerte sich der Dichter allerdings Zeit seines Lebens beharrlich.
Die ehemalige Zehntscheuer am Rande des Maierhofs war einst in unzählige Parzellen und damit auch Besitzer unterteilt. Inzwischen hat die Gemeinde den Großteil des Gebäudes, das aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammt, erworben und nutzt es heute vorwiegend beim Schlehenfest.
Über den Zwinghof entlang der alten Klostermauer und vorbei am neuen Pflegeheim, das 2019/20 anstelle älterer Klostergebäude entstanden ist, kommt man auf den Klosterhof. Vor allem im Sommer ist der von großen alten Bäumen beschattete Platz vor der Klosterkirche eine stille, grüne Oase. Platane und Kastanie spenden Schatten. Gleich links befindet sich die Pfarrscheuer, die heute für kirchliche Veranstaltungen genutzt wird. Der große behäbige Bau des evangelischen Pfarrhauses beheimatete einst das Oberamt.
In der Klosterkirche lohnt es sich, rechts neben den Treppen zum Chor die steilen Stufen in die Unterkirche zu nehmen. Wer nun ein dunkles Gewölbe erwartet, wird überrascht: Die Krypta entpuppt sich als hoher Saal, der von einem Fenster im Osten beleuchtet wird. Im Boden ist ein symbolisches Grab eingelassen – eine Nachbildung des Heiligen Grabs in Jerusalem. Drachen und andere Tiere, aber auch Pflanzenmotive zieren die Kapitelle und Friese. Die Chorherren vom Heiligen Grab in Jerusalem hielten als Klosterherren hier Andacht. Wie das symbolische Grab ursprünglich aussah und wie die Gottesdienste abliefen, ist nicht überliefert. Man darf dort also seiner Fantasie freien Lauf lassen. Lange wurde Denkendorf auch „Klein-Jerusalem“ genannt und zog Pilger an. Die Wallfahrt nach Denkendorf galt als Ersatz für die Reise ins Heilige Land. Heute liegt die Klosterkirche am Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Die Krypta wird vor allem an Ostern zum Gottesdienst genutzt.
Ein ganz besonderer Ort ist der Kreuzgarten neben der Kirche, den man durch ein Gittertor betritt. Einige Stufen führen hinunter in den abgeschiedenen Bereich, der einlädt zu einer Rast auf der Sitzbank. Ein gotischer Bildstock zeigt Kreuzigungsszenen. Und wer sich ein bisschen Zeit nimmt, trifft vielleicht auch auf Sammy, die betagte Schildkröte, die seit Jahrzehnten hier ihr Refugium hat. Der Fruchtkasten am nördlichen Rand des Klosterareals zeigt eine schöne Sonnenuhr.
Wenige Schritte weiter kommt man zum Klostersee, der vor einigen Jahren neu gestaltet wurde und nun über Stege begehbar ist. Lange rottete hier ein hölzerner Kahn vor sich hin und von den Klosterschülern wird berichtet, dass sie verbotenerweise auf dem Teich herumgeschippert seien. Die entsprechenden Strafen verzeichnet das „Carentenbuch“. Ganz im Süden befindet sich der Austritt der Klosterquelle. Über mehrere steinerne Becken rinnt das Wasser in den Tümpel. Gegenüber dem Klosterareal liegt der Friedhof. Als die alte Begräbnisstätte rund um die Klosterkirche zu klein wurde, stiftete Johannes Nödinger, Leiter der Hahn‘schen Gemeinschaft, im 19. Jahrhundert der Gemeinde ein Grundstück für den neuen Gottesacker. Allerdings mit der Auflage, ihn nicht ein zweites Mal zu belegen. Im Zentrum des Friedhofs befindet sich wie eine grasbewachsene Insel die sogenannte „Stiftungsfläche“. Sie ist bis auf wenige Gräber, darunter das von Nödinger, eine Grünfläche.