Serie: die Polit-Satire The Politician In der Schule des Egoismus

Von Bernd Haasis 

In „The Politician“ ahmen Jugendliche die Erwachsenen nach: Sie rangeln berechnend um den eigenen Vorteil.

Ein Streber will Präsident werden: Ben Platt in der Serie „The Politician“ Foto: Netflix 25 Bilder
Ein Streber will Präsident werden: Ben Platt in der Serie „The Politician“ Foto: Netflix

Stuttgart - Satire kann böse sein, sehr böse. In der Netflix-Serie „The Politician“ etwa verhalten sich junge, weiße Amerikaner exakt so, wie Erwachsene es vorleben: Sie heucheln und lügen, sie verunglimpfen und taktieren, immer auf der Suche nach dem besten Deal. Erfunden­ haben dieses schwarzhumorige Szenario die Serien-Schöpfer Ryan Murphy, Brad Falchuk und Ian Brennan, Experten für Coming-of-Age-Geschichten: Ihre Musical-Comedy-Serie „Glee“ um einen Schulchor drehte sich um jugendliche Sehnsüchte, Verwirrungen und Verwerfungen.

Payton Hobart, gespielt vom Broadway-Musical-Darsteller und Tony-Award-Gewinner Ben Platt, will nur eines: US-Präsident werden. Die erste Etappe ist die Wahl zum Student Body President, zum Highschool-Schülersprecher in Santa Barbara. Sein Wahlkampfteam sind drei weitere Karrieristen, seine Vorzeigefreundin Alice (Julia Schlaepfer), die Kostümträgerin McAffee (Laura Dreyfuss, „Glee“) und der Nörgler James (Theo Germaine). Dummerweise entschließt sich der allseits beliebte River (David Corenswet) dazu, gegen Payton anzutreten, unterstützt von seiner verwöhnten Freundin Astrid (Lucy Boynton, „Bohemian Rhapsody“).

der allerletzte Außenseiter wird umworben

Allein der Kampf um Vize-Kandidaten ist haarsträubend: Mit wem kann man beim Wahlvolk punkten? Mit der weniger begüterten, krebskranken Infinity (Zoey Deutch) zum Beispiel, die professionell die Mitleidstour ausspielt, wie ihre Großmutter (Jessica Lange als Südstaaten-Furie!) es ihr beigebracht hat. Auch die lesbische Afroamerikanerin Sky (Rahne Jones) – doppelte Minderheit! – ergreift ihre Chance auf ein bisschen Macht. Loyalität, Bekenntnisse, Schwüre halten hier nur so lange, wie sie nützen. Wenn es Sympathie bringt, beendet man zum Schein eine Beziehung, und im Wahlkampf wird auch der allerletzte Außenseiter umworben.

Die Erwachsenen im kalifornischen Wohlstand leben Selbstgerechtigkeit und Vertrauensbruch täglich vor. Eine Milliardärsdynastie hat Payton adoptiert, was ihn die leiblichen Kinder, männliche Zwillinge mit vielen Muskeln und sehr wenig Hirn, täglich spüren lassen. Der Vater ist ein deformierter Freak, und die Mutter (wunderbar: Gwyneth Paltrow), die einzige Humanistin weit und breit, bleibt im goldenen Käfig gefangen. Ein korruptes Bildungssystem spielt eine elementare Rolle inmitten der Verderbnis. Payton möchte an der Elite-Universität Harvard wegen seine Fähigkeiten angenommen werden, nicht wegen des Geldes hinter ihm – was sich als sehr schwierig erweist.

Jugendliche Rebellion weicht totaler Anpassung

„The Politician“ verzichtet auf gängige Coming-of-Age-Motive, die Serien wie „Tote Mädchen lügen nicht“ oder „Riverdale“ bestimmen: Träumereien sucht man ebenso vergeblich wie romantischen Idealismus und ungebremste Abenteuerlust. Jugendliche Rebellion besteht nun in totaler Anpassung – und das wirkt auf sehr beunruhigende Weise subversiv. Nur Infinitys Freund Ricardo (Benjamin Barrett) spürt, dass etwas nicht stimmt, er kann sein intuitives Unwohlsein mangels IQ und Bildung aber nicht benennen – ein kleiner Straßengangster ist die einzige Figur mit einem intakten moralischen Kompass.

Die Gefühle wirken trotz allem oft wahrhaftig. Wenn Payton in einer Krise in New Yorker Bars als Sänger und Pianist auftritt, nimmt man ihm den Schmerz ab. Bald aber lockt die nächste Etappe auf dem Weg zur US-Präsidentschaft, und ganz sicher werden all die eitlen Egoisten in der zweiten Staffel ihren Vorbildern weiter nacheifern. Der aktuelle US-Präsident ist ja einst angetreten, das korrupte Treiben des politischen „Establishments“ zu durchbrechen, um es dann selbst auf ein völlig neues Niveau abzusenken. Wenn Amerika nun seine Jugend an den Narzissmus verlieren sollte, weiß es, bei wem es sich zuerst bedanken darf.