Serie „Die Retter“ Ein sechster Sinn für besonders schwere Fälle

Die Chirurgin Ute Gunzenhäuser versorgt in der zentralen Notaufnahme ein kleines Mädchen, das sich beim Radschlagen den Unterarm gebrochen hat. Foto: Claudia Barner
Die Chirurgin Ute Gunzenhäuser versorgt in der zentralen Notaufnahme ein kleines Mädchen, das sich beim Radschlagen den Unterarm gebrochen hat. Foto: Claudia Barner

In der Serie „Die Retter“ stellen wir Menschen vor, die anderen in schwierigen Situationen helfen. Heute: Ute Gunzenhäuser, Ärztin in der Notaufnahme der Filderklinik.

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Filderstadt - Der Tag hat gerade erst begonnen, schon herrscht in der zentralen Notaufnahme der Filderklinik Hochbetrieb. Ein kleiner Junge sitzt mit verweinten Augen auf der Liege im Behandlungsraum. Die Hand schmerzt. „Bei einer Rangelei in der Schule ist jemand darauf getreten“, erzählt seine Mutter. Nebenan wird ein 20-jähriger Flughafenangestellter untersucht. Beim Gepäckverladen hat sich ein spitzes Teil in seine Hand gebohrt. Einen Raum weiter wartet eine 86-Jährige auf ihr Röntgenbild. Sie ist im Garten gestürzt und hat vermutlich einen Lendenwirbelbruch.

Für die Chirurgin Ute Gunzenhäuser ist die permanente Abfolge von Verletzung, Schmerz und Krisen das ganz normale Programm. „Das ist ein typischer Vormittag“, sagt sie. Gemeinsam mit einer zweiten Chirurgin und dem Aufnahmearzt der Inneren, Manuel Medam, hat sie an diesem Morgen in der Notaufnahme Dienst. Um 20 Uhr hat die 39-Jährige am Vorabend das Krankenhaus verlassen. Um 7.15 Uhr am Morgen ging es weiter. Was der Tag bringt, wird sich in den nächsten Stunden zeigen. „Die Arbeit in der Notaufnahme kann man nicht planen. Wir haben hier die ganze Bandbreite vom Autounfall über das Baby, das vom Wickeltisch gefallen ist, bis zur Seniorin mit Oberschenkelhalsbruch“, sagt sie.

Auch die Internisten sind stark beansprucht

An besonders arbeitsreichen Tagen versorgt das Team der zentralen Notaufnahme in der Filderklinik bis zu 100 Patienten. Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Panikstörung, Kreislaufkollaps, Leberversagen, Darmentzündung, ein anaphylaktischer Schock nach einem Bienenstich – auch die Internisten werden stark beansprucht. „Man ist eigentlich immer auf dem Sprung. Während der Patient in Raum eins geröntgt wird, wechselt man in Raum zwei den Verband oder versorgt eine Wunde in Raum drei“, berichtet Ute Gunzenhäuser.

Ruhige Phasen sind selten. Wer in der Notaufnahme Hilfe sucht, befindet sich in einer Extremsituation. Bedrohliche Verletzungen, Schmerzen, Sorge, Angst, mitunter hängt das Leben am seidenen Faden. Damit müssen die Chirurgin und ihre Kollegen umgehen. „Es ist eine große Herausforderung, die Situation schnell einzuschätzen, das Richtige zu tun und stets die Ruhe zu bewahren“, sagt Ute Gunzenhäuser. Seit 2005 arbeitet die 39-Jährige in der Filder-klinik und ist regelmäßig auch in der Notaufnahme im Einsatz. Die Erfahrung hilft ihr dabei, die Verantwortung zu tragen. Sie hat festgestellt: „Man entwickelt mit der Zeit einen Sinn dafür, wo es eilt und wo nicht.“

Am Wochenende steigt die Zahl der Freizeitunfälle

Das ist gut so, denn die goldene Regel lautet: „Wir behandeln nach Wichtigkeit. Das Schwere kommt vor dem Leichten.“ Lange Wartezeiten für jene, bei denen die Zeit nicht über den Behandlungserfolg entscheidet, lassen sich deshalb nicht immer vermeiden. „Normalerweise ist man nach dem Erstkontakt mit dem Pflegepersonal spätestens nach einer Stunde beim Arzt. Wenn aber durch den Anstieg der Freizeitunfälle am Samstag und Sonntag oder Gefahrenlagen wie Blitzeis zu viele auf einmal kommen und noch ein Schwerverletzter eingeliefert wird, muss man deutlich länger warten“, weiß Ute Gunzenhäuser.

Verschärft hat sich die Situation in den vergangenen Jahren zudem durch Patienten, die – vorzugsweise an Brückentagen und am Wochenende – mit Blessuren in der Notaufnahme auftauchen, die dort eigentlich nichts zu suchen haben. Bernd Köller, der die Dienste der Pflegekräfte koordiniert, hat den Überblick: „Dann behandeln wir Fälle von Husten, Schnupfen, Heiserkeit.“ Auch Ute Gunzenhäuser ist von der Entwicklung alles andere als begeistert: „Wir sind für Notfälle da. Da ist es ärgerlich, wenn Patienten mit Schürfwunden kommen, weil sie kein Desinfektionsmittel mehr zu Hause haben und jemand mit einer Harnleiterkolik deshalb warten muss.“

„Die Dankbarkeit spürt man deutlich“

Trotz solcher Beschwernisse überwiegt die Freude an den Aufgaben in der ambulanten Anlaufstelle. „Ich bin über den Sport zum Beruf gekommen“, verrät die ehemalige Fechterin. Sportmedizin und Orthopädie standen ganz oben auf der Liste der Wunschberufe. Später ist es dann die Chirurgie geworden. In der Notaufnahme leben die alten Interessen wieder auf. „Hier habe ich beides“, sagt die Medizinerin.

Und sie liebt das Gefühl, wenn sich die Gesichter des weinenden Jungen, des geschockten Flughafenmitarbeiters und der schmerzgeplagten Seniorin entspannen und es wieder aufwärts geht. „Auch das gehört zur Arbeit in der Notaufnahme. Die Dankbarkeit spürt man hier noch relativ deutlich“, sagt sie, bevor sich die Tür des nächsten Behandlungszimmers hinter ihr schließt. Dort wartet ein kleines Mädchen, das sich beim Radschlagen den Arm gebrochen hat.




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