Serie: Eckkneipen in der Innenstadt Stammkneipe Breitscheidstüble mit Chauffeurservice

Von Björn Springorum 

Sie gehört zu einer aussterbenden Gattung: Die Eckkneipe ist ein Stück alte Welt, das zwischen Gin Tonic und Craft Beer sukzessive verloren geht. Eine Reise zu den letzten ihrer Art. Heute: Das Breitscheidstüble in Stuttgart-West.

Zuvorkommend, immer für einen Plausch bereit: Gabi Kostres ist die gute Seele des  Breitscheidstübles. Foto: Björn Springorum
Zuvorkommend, immer für einen Plausch bereit: Gabi Kostres ist die gute Seele des Breitscheidstübles. Foto: Björn Springorum

S-West - Die Eckkneipe. Ein zeitloser Rückzugsort, ein Refugium, an dem keine Fragen gestellt werden. Oder nur sehr wenige. „Noch ein Bier?“ gehört dazu, „Hast du mal Feuer?“ auch. Wer sich hier am Tresen trifft, duzt sich, respektiert sich. Alter, Klamotten, Herkunft und Nettoeinkommen sind da erst mal nebensächlich. Wichtiger ist da schon: VfB oder Kickers?

Sie ist in die Jahre gekommen, die gute alte Pinte, befindet sich auf dem Rückzug. Leider. Einen sozial wichtigen und soziologisch spannenden Ort wie diesen findet man in unserer endlos aufgedröselten Gesellschaft nämlich nur noch sehr selten. Ein Ort ohne die Insignien einer bestimmten Szene, ohne die Erwartungshaltung einer gewissen Klientel. In der Kneipe gibt es keine Erwartungshaltung. Außer: Es ist immer genug Bier da. Und es gibt immer ein offenes Ohr für die Gäste.

In England wird die Pub-Kultur gepflegt, da entspricht das Klischee vom Broker, der neben Rocker und Tourist sein Ale trinkt, noch der Wahrheit. Und in Deutschland? Gehen die einen in eine exklusive Bar, die anderen ins Café, wieder andere in Clubs. Was übrig bleibt, findet sich an den Tresen der alten Eckkneipen zusammen. Zugegeben: Das sind durchaus mal hartgesottene Berufstrinker, manchmal auch verlorene Existenzen oder zusammengesunkene Typen, denen das Leben übel mitgespielt hat. Ihre Anwesenheit steht aber eben nicht für den (bei den meisten) fragwürdigen Ruf dieser Etablissements; sondern für die essentielle Bedeutung der klassischen Kneipe. Sie ist für manche der letzte Ort, an dem sie noch in Ruhe gelassen werden, sich vielleicht noch zuhause fühlen. Das soll Alkoholismus in keiner Weise beschönigen. Aber eben doch verdeutlichen, dass das moderne Großstadtleben manche Menschen wie von selbst an den Rand drückt.

Die Kneipenhocker sind überwiegend gut aufgelegt

Das Gros der Eckkneipenhocker ist – so schockierend das für manche auch klingen mag – freundlich, hilfsbereit und überwiegend gut aufgelegt. Es sei denn der VfB spielt mal wieder auswärts. Dann herrscht aber eben auch in der Hipster-Absteige schlechte Stimmung – mit dem Unterschied, dass in der Pinte nicht in 15-Euro-Drinks geweint wird. Überhaupt kommt man in einer solchen mit 15 Euro recht weit. Für Stuttgarter Verhältnisse zumindest. Im Breitscheid-Stüble zum Beispiel kostet die Halbe 3,20 Euro, fachkundig gezapft von Wirtin Gabi Kostres. Die ist eh so ein Goldstück, wie man sie sich in manchen beliebten Hotspots der Stadt wünschen würde: Zuvorkommend, immer für einen Plausch bereit, tiefenentspannt in Richtung Zen-Mönch. Sie wacht seit vielen Jahren über ihre Bar, kennt ihre Kunden, auch wenn die mal einige Monate nicht bei ihr und ihrem Mann Dragan in der Breitscheidstraße vorbeischauen.

Aufgeteilt in Nichtraucherraum, (einen recht vollgequarzten) Hauptraum samt hufeisenförmiger Theke, Stammtisch, Spielautomaten, Fernseher, Kippenautomat, Toilette: Archetypischer kann man eine Kneipe nicht einrichten. Aufs Wesentliche reduziert, ausdekoriert mit Tand, Andenken und Geschenken von langjährigen Gästen. Kaum Platz genommen, schiebt Gabi schon das erste Bier mit vorbildlicher Schaumkrone in Sichtweite, wechselt Geld für Zigaretten, unterhält sich mit einem weiblichen Gast über deren neuen Job. Sie weiß Bescheid, kennt viele Stammgäste persönlich und mit Namen. Man lacht mit ihr, man weint sich aus bei ihr, mal schwadroniert über dieses und jenes. Gehüllt in Zigarettendunst und geprägt von einer Aura des Egalitären. „Die meisten wohnen hier in der Gegend“, wird sie später sagen, als sich der Laden geleert hat. „Es kommt schon mal vor, dass mein Mann oder ich manche von ihnen nach Hause fahren, wenn sie zu viel getrunken haben. Damit ihnen nichts passiert.“ Stammkneipe mit potentiellem Chauffeurservice – das gibt es auch nur in Biotopen wie diesem.

Man trinkt, raucht, trinkt und geht wieder

Sie serviert eine üppige Portion Pommes, dazu reichlich Ketchup/Mayo. Auch Balkan-Spezialitäten wie Cevapcici gibt es hier, ehrliche Küche von ehrlichen Menschen. Nicht jedem gefällt die Vorstellung, in einer Eckkneipe zu tafeln, doch so vorbildlich Gabi ihren Laden führt, verliert man schnell jegliche Bedenken. Liegt vielleicht auch am dritten Bier. Am Stammtisch sitzt eine Gruppe, die mal lauter und mal leiser über Autos und Parkplätze redet, gegenüber sitzt ein älterer Herr schweigend da. Trinkt, raucht, trinkt, bezahlt und klinkt sich bei der Verabschiedung noch kurz in ein Gespräch über den aktuellen Stand des Stuttgarter Westens ein. Klar, dass da auch mal die Bedeutung eines solchen Ortes bierselig herausgestellt wird.

Schon mittags kehren Bauarbeiter hier gerne ein, abends kommen gerne die Fußballgucker, am 23.12. feiern traditionell recht junge Menschen Klassentreffen. Come as you are, hier gilt das Motto wirklich noch. Die jüngeren Semester allerhöchstens mal kurz schief von den treuen Thekenhockern angeschaut. Schnell ist klar: Hier geht niemand hin, um mal für einen Abend einen Blick auf eine vermeintliche Freakshow zu erhaschen. Ins Breitscheid­stüble geht jeder, der Lust auf ein ehrliches Bier hat. Auf eine Karte ohne 27 Gins und 18 Pale Ales. Auf einen unaufgeregtem Ort, der unfreiwillig zu einer Bastion der Natürlichkeit geworden ist. Auf einen ganzen Kodex an Regeln und Riten, den auch Gabi beherrscht. Strahlend schiebt sie randvolle Slibowitz über die Theke. „Aber bitte nicht auf einmal runterkippen“, warnt sie. „Das verstehe ich bei den Deutschen nicht. Das Zeug ist doch viel zu stark.“ Sie selbst hat noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken. Vertrauen sollte man Gabi dennoch. Und das längst nicht nur in Sachen Slibo.

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